Das große Los

So wie sich alles abspielte bekam man den Eindruck, dass es sich hier um ein ausgeklügeltes System der organisierten Nichtzuständigkeit handelte. Die öffentliche Stellungnahme vor laufender Kamera war sehr dürftig, was zur Folge hatte, dass anschließend die Telefonleitungen bei der zuständigen Stelle für öffentlichen Unmut heiß liefen und schließlich unter der gewaltigen Last der Beschwerdeanrufe zusammenbrachen.

Wie konnte es so weit kommen? Wen traf die Schuld? Es wurde eifrig debattiert, diskutiert, doch fand man weder einen gemeinsamen Nenner, noch eine klare Antwort auf das Problem der Schuldigkeit. Anfangs bestand noch eine geringe Hoffnung, dass sich eventuell jemand freiwillig melden würde, um die Schuld auf sich zu nehmen, doch zum Verdruss der verantwortlichen Beamten, erklärte sich niemand dazu bereit. Jeder Bürger des Staates X war sich im Grunde seines Anteils an der großen Gesamtschuld bewusst, wertete dies aber meist mit der Begründung ab, dass sein Anteil an jener so unfassbar gering und daher nicht erwähnenswert war. Doch aus den unzähligen kleinen Fehltritten, hatte sich schließlich eine große Schuld gebildet, die nicht mehr geleugnet werden konnte. Man konnte selbstverständlich nicht jeden Mann und jede Frau anklagen, dies überstieg die Kapazitäten des Gerichtsapparates um ein Weites. Aufgrunddessen wurde von den Obrigen beschlossen, dass man diese Situation nur zur Zufriedenheit der Allgemeinheit auflösen konnte, indem man den Zufall entscheiden ließ. Man beschloss ein Losverfahren einzuführen. Der Stichtag sollte der 10.05.2020 sein. Allerlei Menschenrechtsorganisationen, sofern es sie im Untergrund noch gab, hackten die Websites offizieller Stellen und posteten dort wütende Beschwerdebriefe, oder machten ihrem Ärger darüber durch große Plakate Luft, welche sie heimlich an öffentlichen Gebäuden anbrachten. Von Bestechung war die Rede, dass die Namen vermögender Bürger und führender Politiker nicht in die Trommel kommen würden, aber diese Einwände stießen auf taube Ohren. Ob die Auslosung manipuliert wurde , ließ sich nicht feststellen.

Bis zum Tag der Auslosung überboten sich die Medien zusehends in ihrer Berichterstattung über das aktuelle Schuldproblem. Furcht wurde in den Köpfen gesäht, fand dort fruchtbaren Boden vor und schlug tiefe Wurzeln. Die Angst vor allem Andersartigen schwappte wieder einmal über das Land. Gewalt hielt Einzug in die Straßen. Den Obrigen kam dies gelegen, lenkte es doch auch von deren Versagen ab, dass die Entstehung dieses Schuldmonstrums erst ermöglicht hatte. Das Hauptproblem des politischen Systems, war das System selbst. Etwas hatte sich schleichend mit der Zeit verändert. Die demokratisch gewählten Führungspersonen scheuten sich mittlerweile davor Risiken einzugehen und eine eigene Meinung auszusprechen, denn taten sie dies, wurden sie augenblicklich scharf von denen kritisiert, die selbst dieses Amt bekleiden wollten, auch von Leuten aus den eigenen Reihen. Es wurde nicht mehr Politik gemacht, die auf Veränderung und Optimierung abzielte , sondern eine Politik der Wiederwahl. Die Macht der Parteien stand im Vordergrund. Jeder redete den Anderen schlecht, es war ein Teufelskreis entstanden.

Es entstand landesweit ein großes Chaos, in dem auch zahlreiche Tote zu beklagen waren, wollte doch jeder und jede diese verbleibenden Tage bis zur Ziehung aufs Vollste auskosten, da ja die geringe Chance bestand, dass es einen selbst traf. Vielen Menschen fiel erst jetzt auf, was sie für ein unendlich tristes Leben sie bis dahin geführt hatten und so war es ein Gefühl der Befreiung, welches viele überwältigte und dabei auch zum Teil melancholisch stimmte, veränderte es doch die Weise, wie sie das Leben wahrnahmen für immer. Dann kam endlich, zur Erleichterung aller, der Tag der großen Auslosung. Es war ein Tag, der sich ins Unendliche hinzog. Man konnte die Anspannung, die in der Luft lag, schon fast auf der Zunge schmecken. Um 20:15, mitteleuropäische Zeit, stand dann das Ergebnis fest.

Friedrich Baader hieß der Unglückliche, den es getroffen hatte.Ein Bürokaufmann aus der Stadt Y, verheiratet mit Frau Michaela Baader, Vater zweier Kinder und Besitzer einer gemütlichen Eigentumswohnung in einem anerkannten Viertel. Eine gewaltige Woge aus Wut, Abscheu und Hass schwappte ihm entgegen, als er am Morgen nach der großen Auslosung vor die Türe trat und einem aufgebrachten Mob gegenüberstand. Sein Name war nun in allen Zeitungen des Landes zu lesen und auch das Fernsehen berichtete von fast nichts anderem, als seiner Schuld. Wüste Beschimpfungen musste er über sich ergehen lassen, sogar einige Morddrohungen schallten ihm entgegen. Er war über Nacht das Ventil für den angestauten Frust der Massen geworden. Schließlich fuhr die Bundespolizei vor, drängte den Pulk zurück und nahm Friedrich B. in Gewahrsam. Er verabschiedete sich noch unter Tränen von seiner Familie und stieg dann zu den Beamten in das Fahrzeug. Fäuste hämmerten gegen die Fensterscheiben als sie losfuhren, manch einer spuckte sogar dagegen. Wie tollwütige Tiere erschienen ihm manche dieser Menschen.

In einem schnellen Prozess, seine Schuld stand ja außer Frage, wurde Friedrich B., der auf eine Verteidigung verzichtete, schließlich in allen Punkten für schuldig gesprochen und zum Tod durch die Giftspritze verurteilt. Einige Tage später, nachdem der nötige Papierkram in die Wege geleitet worden war, wurde das Urteil vollzogen. Am 17.05.2020, um 15:06 mitteleuropäische Sommerzeit, schlief Friedrich B. ein und wachte nicht mehr auf.

Gerechtigkeit.

Die Gemüter waren besänftigt. Bald schwiegen auch die Medien wieder und suchten sich andere Dinge, die sie aufblasen und auf ihre Titelseiten befördern konnten. Friedrich B. wurde auf einem Friedhof in der Nähe der Stadt Z, seinem Geburtsort, beigesetzt. Alles schien wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen. Jede Form der Kritik an den derzeitigen Zuständen wurde weiterhin nur belächelt und als weltfremde Träumerei abgetan. Die Leute hatten sich mit ihrer Apathie angefreundet, zumindest schien es so. Hinter verschlossener Tür  jedoch brodelte es. Alle waren sich der Unrechtmäßigkeit jener öffentlichen Hinrichtung bewusst und verurteilen diese, sowie sich selbst, da sie ihren Anteil an dem Tod Friedrich B.´s vor ihrem Gewissen nicht leugnen konnten. Jedoch tat niemand dies öffentlich kund. Zu groß war die Angst vor den möglichen Folgen. Tage, Wochen vergingen. Stets warteten alle nur darauf, dass wieder eine neue Schuld entstand, die es zu begleichen galt. Nichts fürchteten sie mehr, als die nächste Auslosung, in der es sie selbst, oder einen ihrer Angehörigen treffen könnte.

Dann, nach einer langen, dunklen Zeit und einigen weiteren Exekutionen, tat ein junges Pärchen schließlich den ersten Schritt, trat vor eine Kamera und gab vor aller Welt zu, einen kleinen Anteil an der großen Gesamtschuld zu haben. Zuvor hatte es immer nur einige gegeben, die sich als Märtyrer sahen und die Gesamtschuld auf sich genommen hatten. Doch dieses Mal war etwas anders. Es waren Menschen aus der Mitte. Menschen, mit denen sich jeder identifizieren konnte. Diese Bekenntnis, dieser Moment, veränderte alles. Ein Stein war ins Rollen geraten und konnte nicht mehr gestoppt werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s