Mordkultur

Ein junger, gut rasierter Mann von durchschnittlicher Bildung und ruhiger Wesensart musste eines Tages feststellen, dass er einen Mord begangen hatte. Als ihm dies bewusst wurde, traf es ihn zutiefst, war er doch grundsätzlich friedfertig und lehnte jegliche Form der Gewalt entschieden ab. Eine Weile lang zweifelte er noch daran, dass er diese Tat wirklich begangen hatte, doch als er sich zwei Freunden in einer heimeligen irischen Kneipe unter dem Einfluss einer nicht unerheblichen Menge Bier und unter Tränen öffnete, versicherten ihm diese, dass es außer Zweifel stand, dass er jenen Mord begangen hatte. Woher sie davon wussten, erzählten sie ihm nicht. Darüber war der Mann, den ich im Folgenden nur noch T. nennen werde, selbstverständlich sehr erschüttert, hatte er sich doch bisher noch fest an die Hoffnung geklammert, frei von jeglicher Schuld zu sein. Er glaubte seinen Freunden. Sie hatten keinen Grund ihn anzulügen. So stand es nun für ihn außer Frage. Er hatte den Mord begangen. Mit all seiner Kraft und Energie versuchte T. sich zu erinnern, wie es bloß dazu gekommen war. Was hatte ihn so weit getrieben? Anfangs waren es nur Gedankenfetzen, die wiederkehrten, doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr fiel ihm ein. Wie ein Mosaik setzten sich Stück für Stück die Erinnerungsbruchstücke zu einem großen Ganzen zusammen. Es stellte sich heraus, dass es kein schneller und leichter Mord gewesen war, sondern eher ein schleichender, schwieriger Prozess des Mordens, der ihn einige Überwindung gekostet hatte und ihm nun, nachdem er vollbracht war, weder eine Erleichterung gewährte, noch einen Vorteil genießen ließ, geschweige denn Freude bereitete. Auch war es T. ein Rätsel, wie er diesen Mord, den er doch so perfide inszeniert hatte, zur Gänze aus seinem Bewusstsein tilgen konnte. Wer sein Opfer gewesen war, daran konnte T. sich leider nicht mehr erinnern, egal wie sehr er sich auch anstrengte.

Nun, nachdem er sich seiner Schuld bewusst war, wartete er auf seine Verhaftung. In den folgenden Tagen und Wochen blieb er nachts oft auf und saß zitternd in seinem Bett. Dabei wurde er von seiner Nachttischlampe beschienen, welche seinen Schatten in furchterregender Größe an die hohe Wand warf und wartete darauf, dass jemand die Tür eintreten und ihn anschließend verhaften würde. Doch seine Furcht blieb unbegründet. Nichts geschah. Die Tür blieb in ihren Angeln.

T. stellte fest, dass sich sein Wesen seit dem Mord sehr verändert hatte, war er doch erheblich ernsthafter und gewissenvoller geworden. Er nahm das Leben nicht mehr so leicht und schmiedete sogar Pläne für die kommende Zeit, was ihm vor seiner Tat gänzlich zuwider gewesen war, hatte er doch stets lieber in den Tag hineingelebt und den Dingen ihren Lauf gelassen. Bisher hatte dies auch immer wunderbar funktioniert, doch nun besann er sich und schrieb eifrig einen Terminplaner voll, den er bei einem Schreibwarenhändler erstanden hatte. Ein schöner, gebundener Kalender aus braunem Rindsleder und einer schwarzen Kordel aus Garn mit einem buschigen Ende, die er brav Tag für Tag um eine Seite verschob. Eines Tages lernte T. eine Frau kennen, die stets in weite Gewänder hüllte, um ihren nahezu perfekten Körper zu verhüllen, da sie die Blicke der Leute auf der Straße verabscheute. Als ihre Augen sich trafen, verliebte er sich auf der Stelle in diese eigenartig anmutende Gestalt. Die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit. Es kam einem Wunder gleich. Zwei Seelen, die zuvor verloren über die Erde streiften und innerhalb einer Sekunde aneinander gebunden waren. Die Heftigkeit ihrer Liebe trotzte jeglicher Vernunft und schon nach kurzer Zeit zogen sie zusammen. Einige Monate vergingen. Eines Abends, als er von einem langen, alkoholbeschwerten Abend mit seinem besten Freund, der ihn noch bis zur Tür begleitet und gestützt hatte, nach Hause kam und sich ungeschickt zu seiner Freundin ins Bett wuchtete, löste sich seine Zunge und er gestand ihr unter Tränen den Mord, den er vor langer Zeit begangen hatte. Sie blickte T. tief in seine tränengeröteten Augen, in denen man eine gewisse bierbedingte Verwirrung leicht erkennen konnte und küsste ihn erst einmal sanft auf die Stirn, dann zweimal auf den Mund. Am nächsten Morgen, nachdem T. seinen Kater bezwungen hatte und wieder einigermaßen ansprechbar und weniger jämmerlich war, setzte sich seine Freundin neben ihn an den Küchentisch und fuhr ihm dann mit der Hand langsam den Rücken herunter, was bei T. ein wohliges Zittern auslöste. Sie drehte sich auf ihren Stuhl, sodass sie ihm gut in die Augen blicken konnte und schlug die Beine übereinander. Standpauke, ging es T. durch den Kopf und er machte sich schon auf alles gefasst, hatte in Gedanken bereits seine Koffer gepackt, um für einige Tage auf dem Sofa seines Freundes zu übernachten. Doch sie seufzte nur einmal laut und offenbarte ihm dann, dass auch sie vor sehr langer einen Mord begangen hatte, der T.´s in seiner Durchführung ähnelte. Auch sie sehnte sich nach der Zeit vor ihrem Mord zurück, wünschte sich, dass sie ihn niemals begangen hätte, doch war eine Umkehr der Umstände eben leider unmöglich. Zutiefst geschockt saß T. da und blickte sie ungläubig mit offenem Mund an. Man hätte ihn in diesem Moment grau anstreichen und anschließend auf einen belebten Platz stellen können, es wäre ihm egal gewesen. Ein jeder hätte ihn im Vorbeigehen für eine Statue gehalten und den Künstler gelobt, der solch ein Meisterwerk vollbracht hatte. Als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, stammelte er nur ein „Was?“ heraus und schüttelte den Kopf. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht. Seine Freundin, von der er solch ein Verbrechen niemals erwartet hatte, schämte sich sichtlich. Nachdem er sich gefasst hatte, fuhr sie fort und erzählte sie ihm von den Umständen ihrer Tat, anschließend erklärte sie ihm, dass dieses Morden wohl zur Gesellschaft dazugehörte, in der sie beide lebten. Es war eine Tradition, auch wenn dies nicht offen zugegeben wurde. Früher oder später würde sich ein jeder schuldig machen und diesen Mord begehen, nur das wann unterschied sich von Person zu Person. Männer, Frauen, in diesem Fall gab es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

T. wollte das nicht glauben, doch warum sollte ihn diese Frau, die ihn liebte, anlügen. In den folgenden Tagen erkundigte sich T. bei Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, ob sie auch einen Mord begangen hatten. Die meisten suchten zuerst nach Ausflüchten, gaben dann aber nach einiger Zeit ihren Mord zu, andere verleugneten dies so vehement, dass es außer Frage stand, dass auch sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatten. Viele gaben sogar offen zu, jenen Mord begangen zu haben, manche aber machten für den Tod ihres Opfers andere verantwortlich, oder schrieben die Schuld der Gesellschaft zu. Nur zwei von all den Menschen die er befragt hatte, waren vollkommen geschockt und offensichtlich unschuldig. T. stellte, nachdem er so vielen freiwilligen und unfreiwilligen Geständnissen gelauscht hatte, erstaunenswerter Weise fest, dass sich alle Opfer in gewisser Weise ähnelten. Jedes zeichnete eine angeborene Unschuld aus, sowie eine Unbeschwertheit und ein außerordentliches Maß an Phantasie. Faszinierend war auch, dass diejenigen, die noch keinen Mord begangen hatten, stets von den Mördern belächelt und nicht für voll genommen wurden. Gleichzeitig beneideten die Mörder jedoch fast immer die Unschuldigen und wünschten sich nichts sehnlicher, als selbst wieder so sorglos und frei zu sein. Ein Wunsch, der unerfüllt blieb und sie verbittern ließ. Das Morden besaß Tradition, besaß Kultur. Auch wenn alle anderen Menschen von diesem ständigen Morden keinen Anstoß zu nehmen schienen, war T. doch sehr davon betroffen und verabscheute sich sehr.

Eines Tages fand er beim Entrümpeln seines Kellers ein altes, verstaubtes Foto. Zuerst erkannte er den Menschen auf dem Bild nicht, doch dann durchschoss es ihn wie Blitz. Er wusste nun wen er ermordet hatte. Sein Opfer grinste verschmitzt in die Kamera und hielt dabei eine große Schultüte in den kleinen Händen. Die haselnussbraunen Kulleraugen dieses Kindes erinnerten ihn an jemanden. An ihn selbst.

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