Vergraben, vergessen

Zu einer Zeit, als man im ländlichen Deutschland noch das Heu auf von Pferden gezogene Karren legte, um das zuvor geerntete Getreide zu verstecken, da man sonst den zehnten Teil hätte abgeben müssen. Einer Zeit, in der kleine Mädchen mit bunten Schleifen im Haar um von Büchern angefachte Feuer tanzten und „Heil Hitler! Heil unserem Führer!“, riefen und Hakenkreuzflaggen am Christbaum wehten, da gab es ein kleines Dorf, dass sich an die Ausläufer einer weitläufigen Hügelkette schmiegte und zu dem damals nur unbefestigte Straßen führten. Ein Dorf, in dem Tradition und Gemeinschaft für die Menschen von größter Bedeutung waren und das fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebte. Ein wenig abseits des Dorfes, in einem kleinen Tal gelegen, war vor Jahren von einem reichen Kaufmann ein großes Anwesen errichtet worden, dass ihm kurze Zeit als Ferienhaus gedient hatte. Doch er fand nur kurze Zeit Gefallen an dem prächtigen Bau und so stand es lange Zeit leer, bis eine junge,findige Ärztin auf die Idee kam, es mit Leben zu füllen und in ein Waisenhaus zu verwandeln. Es war hübsch anzusehen, denn rings um es herum wuchs eine saftige Kräuterwiese, in der es vor Leben nur so summte und brummte. Abends sangen die Grillen ihr Lied und morgens begrüßten die Vögel die Sonne mit ihrem Gesang. Zu allen Seiten war das Tal von dichtem Fichtenwald umgeben, der den Anschein erweckte, als ob er das Sonnenlicht den Boden nicht berühren lassen wollte. Durch diesen führte ein Schotterweg hinunter in das Dorf. Tagsüber schallte Kinderlachen durch das Tal. Es wurden Kränze aus Blumen geflochten, Fangen gespielt, epische Schlachten zwischen schrecklichen Monstern und tapferen Helden bestritten, Prinzessinnen gerettet und üble Schurken bezwungen. Eben alles, was kindlichen Köpfen so entspringen kann. Die Mahlzeiten wurden zusammen in einem großen Speisesaal eingenommen, der bis zu 40 Kindern Platz bot. Vor dem Essen wurde gebetet und nach dem Essen zusammen der Abwasch erledigt. Es war wie eine große, glückliche Familie. Abends allerdings, nachdem man gemeinsam zu Kerzenlicht noch den Geschichten der Heimleiterin gelauscht und sich schließlich in sein Bett gelegt hatte, kroch die Einsamkeit in die kleinen Herzen und Schluchzen durchbrach die nächtliche Stille. Im Vergleich zu den städtischen Waisenhäusern, war diese Einrichtung allerdings ein Paradies. Noch musste sich hier kein Kind ein Bett mit einem anderen teilen, wenn es dies nicht wollte. Noch gab es genug zu essen. Es gab nur einen Haken. Das Waisenhaus war ein Waisenhaus für jüdische Kinder. Ein Detail, das vielen Dorfbewohnern sehr unangenehm war. Ein schwarzer Fleck, auf der sonst so reinen Weste.

Unten im Dorf lebte derweil ein kleines Mädchen von zierlicher Schönheit namens Johanna. Ihre Familie war sehr vermögend, da ihnen einige Mietshäuser gehörten und sie auch große Ackerflächen besaßen, auf denen sie alles anbauen konnten, was sie so zum Leben brauchten. Vor dem Krieg herrschte nie Mangel. Sie besaßen zudem einen großen Stall am Haus, in dem sie Hühner, Rinder und Schweine hielten und so war Salz und Zucker alles was sie für den täglichen Gebrauch noch von Händlern kaufen mussten. Als der Krieg dann ausbrach, blieb vorerst alles beim Alten, doch je länger er andauerte, desto mehr bekam ihn auch Johannas Familie zu spüren. Gegen Ende des Krieges wurde ihr Bruder eingezogen. Der Sepp, den jeder wegen seiner kräftigen Statur bewunderte. Kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag kam der Brief und so musste er schon wenig später, in der einen Tagesmarsch entfernten größeren Stadt, seinen Dienst als Gefängniswärter verrichten. Juden, Ausländer, „Vaterlandsverräter“, Zigeuner, Oppositionelle und alle anderen vom Regime unerwünschten Personen wurden dort auf unbestimmte Zeit weggesperrt. Eines Nachts, als der Nachthimmel in Flammen getaucht war, stand Sepp plötzlich völlig verstört und verdreckt vor der Tür und war kaum in der Lage einen zusammenhängenden Satz zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass die Stadt bombardiert worden war und das Gefängnis einen Volltreffer erlitten hatte. Die Gefangenen, die nicht durch die Einschläge und die darauf folgenden Brände getötet, oder verletzt worden waren, waren in dem Chaos untergetaucht. Etwas war an diesem Tag in ihm zerbrochen. Zwei Tage später musste er allerdings wieder zurück, um beim Wiederaufbau des Gefängnisses zu helfen, sowie seinen Wachdienst fortzuführen. Viele der örtlichen Parteimitglieder wurden nicht eingezogen, um zu gewährleisten, dass der Einfluss den sie dort auf die Menschen hatten nicht verlorenging. Dies erzürnte viele, doch niemand traute sich seinem Unmut öffentlich Luft zu machen. Zu groß war die Angst inhaftiert, gefoltert, oder gar ermordet zu werden. In einem nahegelegenen Waldstück war für solche Angelegenheiten extra eine Holzbühne errichtet worden. Im Henkerwäldle, wie es mittlerweile nur noch genannt wurde, gab es immer wieder öffentliche Hinrichtungen, zu welchen man per Brief freundlich, aber mit Nachdruck, eingeladen wurde. Selbst die Kinder sahen dabei zu. Einmal war Johanna dabei gewesen, als sie einen jungen Russen dort erhängten, weil er sich gewehrt hatte, als er von seinem „Besitzer“ geschlagen wurde. Die zappelnden Beine und der Moment, in dem sein Körper erschlaffte, vergaß sie nie. Wie alle Mädchen in ihrem Alter, war Johanna im Bund Deutscher Mädel. Sie mochte es dort. In den „Gruppenstunden“ unternahm man Wanderungen, kochte, bastelte, nähte und sang man zusammen.

„Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt!“

Schick sah sie aus, in ihrem schwarzen Rock, der schneeweißen Bluse und dem schwarzen Halstuch. Als sie und einige andere alt genug waren und in den Bund aufgenommen wurden, gab es zu diesem Anlass ein großes Fest mit reichlich Speis und Trank. Die Mädchen sangen, tanzten, oder führten Kunststücke vor und die Kapelle spielte fröhliche Lieder.

Während der Krieg bereits in seinem Wahnsinn unzählige Leben verschlungen hatte und Bombardements ganze Städte in Wüsten aus Asche und Staub verwandelt hatten, hatte sie sich mit einigen Mädchen aus dem Waisenhaus angefreundet. Die Kinder aus dem Dorf hänselten sie dafür regelmäßig und wiederholten die Sprüche, die ihnen von ihren Eltern eingetrichtert worden waren. Als Johanna ihren Eltern davon erzählte, sagten diese nur, dass sie sich nicht um das Gerede scheren soll. „Alles blinde Idioten, die wie Papageien alles nachplappern, was die Braunen ihnen vorkauen!“, rief ihr Vater erzürnt. Was ein Papagei ist, dass wusste sie damals noch nicht. Auch nicht, dass bereits viele Menschen für solche Sprüche erschossen, oder erhängt worden war. Im Dorf gab es einen Juden und Ausländerbeauftragten. Dieser wies Johannas Familie drei an der Ostfront gefangen genommene Polen zu, die ihnen als Arbeiter dienen sollen. Ihr Vater errichtete deswegen in der Küche neben dem Herd ein provisorisches Schlaflager aus Stroh und einigen Decken, damit die armen Kerle nicht frieren mussten. Eines Tages kam ein Parteimitglied vorbei, um zu überprüfen, ob die drei Männer auch ihre Pflicht verrichteten. Was er da in der Küche sah, empörte ihn zutiefst. „Das sind Tiere und Tiere gehören in den Stall!“, rief er erbost, doch Johannas Mutter entgegnete nur forsch: „Jetzt hören sie mir mal zu! Das ist mein Haus und unter meinem Dach gelten meine Regeln, also scheren Sie sich gefälligst weg und lassen Sie die drei Burschen in Frieden. Die sind tüchtiger, als Sie es jemals sein werden!“. Und tatsächlich trat er den Rückzug an, jedoch nicht ohne zuvor zahlreiche Drohungen auszusprechen. Wundersamerweise hatte dieser Besuch kein Nachspiel. Bis zum Kriegsende arbeiteten die drei Männer für Johannas Familie, schliefen im Haus und aßen mit ihnen an einem Tisch.

Im Waisenhaus veränderte sich währenddessen allmählich die Stimmung durch die Neuankömmlinge. Jüdische Kinder aus den umliegenden Dörfern, deren Eltern man meist bereits deportiert hatte und die nun fast täglich von Soldaten im Heim abgeliefert wurden. Diese erzählten Geschichten, welche die Herzen der anderen Kinder mit Furcht erfüllten. Geschichten von Angst, Flucht, Tod und Schrecken. Das nächtliche Schluchzen schwoll zu einem Konzert der Tränen heran. Die Heimleiterin, ihre beiden Helferinnen und der Dorfpfarrer taten alles in ihrer Macht stehende, um die Kinder vor der harten Wahrheit zu schützen und sie nicht der Verzweiflung zu überlassen. Die Lebensbedingungen wurden allerdings auch immer schlechter. So war das Waisenhaus mittlerweile hoffnungslos überfüllt. Es kam vor, dass sich bis zu sechs Kinder ein Bett mit nur einer Decke teilen mussten. Manche der Älteren schliefen sogar auf dem blanken Boden. Auch die Lebensmittel, die die Heimleiterin erhielt, wurden allmählich immer weniger. Zum Glück gab es einige gute Seelen im Dorf, die im Schutze der Nacht immer wieder Essen, Spielzeug, Arzneimittel und andere notwendige Dinge in das Heim schmuggelten. Alles wurde in einem kleinen, unter einer Falltür verborgenen Keller vor neugierigen Augen versteckt. Der Erbauer des Anwesens hatte in diesem einst seine wertvollen Weine und Spirituosen gelagert. Doch irgendwie kamen diese guten Taten an die falschen Ohren und so wurden schließlich zwei bewaffnete Wachen aufgestellt, die Tag und Nacht um das Heim patrouillierten und weitere Lieferungen unmöglich machten. Als dann noch eine vollständige Ausgangssperre für die Kinder verhängt wurde, brach die härteste Zeit an. Es herrschten Zustände wie in einem Ghetto. Viele der Kinder waren nur noch Haut und Knochen, weswegen nur noch selten ein Lachen in jenen Mauern zu hören war. Jegliche Beschwerden der Heimleiterin beziehungsweise Anträge auf mehr Mittel wurden jedoch ignoriert, oder zurückgewiesen. Die Begründung war stets die gleiche.

„Das Wohl aller arischen Kinder steht an erster Stelle und muss vor allem anderen gesichert werden. Daher können derzeit ihrer Einrichtung keine weiteren Mittel zur Verfügung gestellt werden.“

Eine Lüge. Noch gab es genug.

Der Zivilbevölkerung war es nun auch strengstens untersagt mit den Kindern in Kontakt zu treten, weshalb Johanna ihre Freundinnen nicht mehr besuchen konnte, was sie sehr traurig machte.

Dann kam der Tag, der sich für immer in die Köpfe aller Dorfbewohner einbrennen sollte. Der Tag der Deportation. Die Lastwagen kamen unangekündigt und früh. So früh, dass noch der Tau auf den Blättern saß, als die brummenden Ungetüme vor dem Anwesen zum Stehen kamen. An den Fenstern standen bereits die Kinder, welche das Röhren der schweren Dieselmotoren schon gehört hatten und sie fragten sich, was das wohl zu bedeuten hat. Die Heimleiterin brach sofort in Tränen aus und warf sich an die Soldaten, flehte und bettelte sie an, dass sie die Kinder doch verschonen sollen, dass sie doch niemanden Leid zufügen. Doch die Gesichter der Männer blieben eisern, keine Gefühlsregung war zu erkennen. Aus dem Dorf kam der Pfarrer angeradelt. Komplett durchgeschwitzt und außer Atem, warf er sein Fahrrad weg und versuchte auf die Soldaten einzureden, die im Kreis standen und von ihrem Vorgesetzten, einem Mann, dessen narbengezeichnetes Gesicht von Kampferfahrung zeugte, Anweisungen erhielten. Es half nichts. Jeder Appell an ihre Menschlichkeit prallte einfach ab. Schließlich wurde es einem der Soldaten zu viel und er schlug dem Pfaffen ins Gesicht. Dieser fiel auf den Schotter und taumelte nachdem er sich wieder gefasst hatte ins Hausinnere. Zusammen mit der Heimleiterin und den zwei anderen Frauen versuchten sie einige noch Kinder zu verstecken, doch außer dem kleinen Vorratskeller gab es nichts. Es war ein Chaos. Schließlich waren die Lastwagen voll und das Waisenhaus leer. Die Erwachsenen nahm man bei der Gelegenheit auch gleich mit.

Doch das waren nicht die Einzigen, die an diesem Tag deportiert wurden. Auch einen blinder Bürstenmacher und seine jüdische Frau hatte man auf dem Weg zum Waisenhaus bereits mitgenommen. Er, einst Soldat im ersten Weltkrieg, war seit seiner Rückkehr von ihr gepflegt worden und ging nun mit ihr in den Tod.

Im Dorf blieb es still an diesem Tag. Keiner wagte es, sich auf der Straße blicken zu lassen. Hinter den Fensterscheiben saß man und schaute zu, wie die Lastwägen rumpelnd den Hügel hinunterkamen und ohne zu stoppen durch den Ort fuhren. Die Furcht, in eines der verängstigten Gesichter blicken zu müssen, war groß. Schuld. Scham. Jeder wusste, was sich an diesem Tag zutrug, welches Verbrechen sich da vor ihren Augen abspielte, doch es gab keinen Widerspruch. Man ließ es geschehen. Zu Johanna sagte man, dass die Kinder zusammen mit der Heimleiterin, ihren zwei Helferinnen und dem Pfarrer in ein anderes Waisenhaus umgezogen waren.

Eine Woche später wurden in einer kleinen Auktion die Möbel des Waisenhauses verkauft. Einige Parteimitglieder schrieben sich dabei die Käufer auf und prangerten diese am nächsten Tag öffentlich an, indem sie Flugblätter mit den Namen und Slogans wie: „Seht, wer vom Juden gekauft hat und Schande über uns alle bringt!“, an die Strommästen nagelten und an Häuserwände klebten.

Schluss

Der Krieg war verloren. Durch die Straßen spazierten Männer in fremden Uniformen und anders farbigen Flaggen an der Brust. Einige Leute wurden für ihre Taten verurteilt und hingerichtet. Die Löcher in der Wand spachtelte man einige Tage später zu. Das Leben im Dorf nahm allmählich wieder seinen gewohnten Lauf, sah man von den körperlich und seelisch verkrüppelten Kriegsrückkehrern und all den Toten ab, die der Wahnsinn des Krieges verzehrt hatte. Getreide wurde angepflanzt, wuchs, wurde geerntet. Kinder wurden geboren, Feste gefeiert und nach und nach verblassten die Erinnerungen an diese Zeit. Im Waisenhaus blieb es still während all dieser Zeit. Nur der Wind ist zu Gast und der Staub, der sich wie eine Decke über alles gelegt hat. Man versuchte das Geschehene zu vergessen, zu begraben, doch die Schuld lebte stets in den Köpfen weiter. Man erzählt sich, dass man an sonnigen Tagen, wenn der Wind einem leicht über die Haare streicht, ab und zu Kinderlachen im Tal vernehmen kann, wenn man die Augen schließt und gut hinhört.

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