Verfolgt

Es ist schwül. Schleimig. Alles klebt. Der laue Sommerwind rüttelt leicht an dem Schaukelstuhl, in dem ich sitze, unruhig hin und her wippe und in der rechten Hand ein warmes Bier halte. Schweiß rinnt mir von der Stirn, kalter Schweiß. Ich bemerke, wie meine Hände plötzlich zu zittern anfangen. So stark, dass es mir schwerfällt die Flasche festzuhalten. „Beruhige dich alter Junge. Es ist gleich vorbei“, flüstere ich mir zu. Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und schließe für einen kurzen Moment die Augen.

Das Grollen in der Ferne, der Lichtschein entfernter Blitze. Mein Körper beginnt unwillkürlich zu zucken. Mühsam erhebe ich mich und torkele zur Balkontür. Als ich die Tür öffne, steht plötzlich ein kleines Mädchen vor mir und versperrt mir den Weg ins Haus. Ihre Augen sind pechschwarz, tot. Ihr Kleid ist zerrissen, die Haut bleich und in der Brust klaffen Löcher. Kleine Löcher aus denen unaufhörlich Blut sprudelt und den Boden schwärzt. Ich bin erstarrt, eingefroren. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, verzieht sich ihr Gesicht zu einer grauenvollen, schmerzverzerrten Fratze. Ihr Leiden durchbohrt mein Innerstes, zertrümmert es. Plötzlich reißt sie den Mund weit auf und schreit. Schwärze umhüllt mich.

Ein dumpfer Aufprall. Ich liege in der Fötusstellung auf der Türschwelle. Tränen rinnen mir vom Gesicht auf den kalten Fußboden. Ich ergebe mich der Vergangenheit.

Sie rannte mir aus der Dunkelheit entgegen, lief vor etwas weg. Ich erschrak und zog den Abzug durch. Hungrig fraßen sich die heißen Geschosse in das weiche, unschuldige Fleisch. Ihr fassungsloser, kindlicher Blick, als sie realisierte was geschehen war, brannte sich in meine Seele. Auch wie sie langsam zusammensackte und der staubige Boden ihr Blut gierig aufsog. Ich ergriff ihren schlaffen Körper und brachte sie so schnell ich konnte zu einem Lazarett, doch es war zu spät. Alles was zurückblieb war ihr getrocknetes Blut an meinen Händen und die Schuld.

Seit diesem Tag verfolgt sie mich. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann. Es zerfrisst, zermürbt, zerreißt, zertrümmert mich.

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