Ins Blaue hinein

Er ist aufgeregt. Sein Herz hämmert wie ein Specht gegen seine Brust. Was soll er denn bloß sagen? Während er an ihre Tür tritt und Mut sammelt, wartet sein bester Freund bei laufendem Radio im Auto und raucht. Er weiß, dass sie zu Hause ist. Er weiß, dass sie alleine zu Hause ist. Er weiß, dass diese Nacht seine Chance ist.

Mittwochabend. Gelangweilt liegt er in seinem Bett und zappt sich durch unzählige Kanäle, in der Hoffnung auf etwas Besonderes zu stoßen, als plötzlich das Telefon klingelt. Wer könnte ihn um die Uhrzeit wohl anrufen? Misstrauisch geht er ran. Eine halbe Minute später ist er hellwach und sprintet ins Bad, um sich zu richten. Sein bester Freund hat ihn völlig überrumpelt.

Er klingelt zögerlich. Er hat Angst, dass er zu stottern beginnt, wenn sie vor ihm steht. Im Inneren geht das Licht an und Schritte sind zu hören, sowie das Geklimpere eines Schlüsselbundes. Dann öffnet sich die Tür. Bevor er ein Wort sagen kann, schenkt sie ihm eine Umarmung und begrüßt ihn freundlich. Der Duft ihrer Haare ergreift ihn wie ein Sturm.

Sie fahren dem Mond entgegen. Die Nachtluft erfüllt das Innere des Autos mit Frische. Leere Landstraßen lassen Platz zum Nachdenken. Laut schallt die Musik aus den Boxen und vertreibt die Tiere im Unterholz. Alle drei sind von einem Gefühl der Freiheit erfüllt und genießen den Augenblick, lassen sich treiben. Billiger Alkohol erhöht die Stimmung auf der Rückbank, lockert beide auf. Sie lachen, scherzen, singen zu 80ern laut mit, während die restliche Welt schläft und an ihnen vorbeizieht. Irgendwohin fahren und irgendetwas machen, das war der Plan. Bisher scheint er zu funktionieren. Ein erster liebevoller Blick trifft seine linke Wange, doch auch das Mädchen hält sich noch zurück, ist sich unsicher.

An einer Tankstelle legen sie einen Zwischenstopp ein und kaufen noch Proviant für unterwegs. Wie sie so an der Zapfsäule stehen und die Anzeigetafel beobachten, kommt ihr eine Idee, welche sie sogleich äußert und die den zwei Jungen auf Anhieb gefällt. Das Auto wird gewendet und es geht weiter. Dieses Mal mit einem Ziel vor Augen.

Wie drei Leoparden pirschen sie durch die Nacht, achten auf jedes noch so geringe Geräusch. Ihre Herzen klopfen den gleichen, schnellen Takt. Schließlich erhebt sich vor ihnen ein hoher Metallzaun, den es zu überwinden gilt. Sie zuerst.Vorsichtig zieht sie sich nach oben und wuchtet sich darüber, während das gequälte Metall bedrohlich aufstöhnt. Als sie herunterspringt, rutscht sie bei der Landung auf dem nassen Gras aus und landet recht unsanft auf ihrem Hinterteil. Alle drei versuchen sich ein Lachen zu verkneifen, was nur mäßig gelingt.

Als die anderen beiden nach einer gefühlten Ewigkeit auch auf der anderen Zaunseite angelangt sind, huschen sie geduckt weiter. Sie flüstern sich zu, halten die Augen offen. Endlich sind sie da. Still liegt das Schwimmbecken vor ihnen und genießt den Sternenschein dieser verrückten Nacht.

Sie entkleiden sich. Als sein Blick ihren Körper trifft, erstarrt er in Ehrfurcht und spürt sogleich, wie sich etwas in seiner Badehose regt. „Hoffentlich sieht sie es nicht. Bitte nicht!“, geht es ihm durch den Kopf. Ihr Anblick ist das Schönste, was er in seinem bisherigen Leben gesehen hat. Seine Augen können nicht von ihr ablassen, betrachten jeden Zentimeter. Sie ist perfekt. Wie gerne würde er sie küssen, ihr durch das lange blonde Haar fassen, ihr seine Innerstes offenbaren, doch er hat Angst. Angst vor einem Nein. Angst, dass dieser wundervolle Moment zu schnell zu Ende ist. Angst, dass er nach dieser Nacht wieder alleine in seinem Zimmer liegt und vor sich hinvegetiert. „Kommst du jetzt mit, oder willst du nur gaffen?“, ruft sie ihm leise zu, während sie bereits bis zu den Knien im kühlen Nass steht. Sanfte Wellen breiten sich über die gesamte Wasseroberfläche aus, während der bleiche Sichelmond zusieht und schweigt.

Doch die Ruhe und währt nicht lange. Gerade als sie an der anderen Seite des Beckens angelangt sind, geht vor ihnen ein Licht an.

Panisch rennen sie über die Wiese, die Kleider und Schuhe in den Händen. Dieses Mal erklimmt sein bester Freund den Zaun zuerst. Sie werfen ihm erst seine, dann ihre Sachen zu. Unten am Becken sehen sie, wie eine Taschenlampe wütend Ausschau nach ihnen hält. Ein lauter Fluch ist zu hören. Doch sie sind schneller als der Nachtwächter und schaffen es in letzter Sekunde ins Auto. Mit quietschenden Reifen fliehen sie in die Nacht.

Zehn Minuten später sind sie alle immer noch komplett außer Atem und haben ihre Badesachen an. Der Motor wird abgestellt. Die drei schauen sich kurz gegenseitig an, schweigen und prusten dann los. Was für eine dämliche Aktion. Nachdem sie ausgestiegen sind und sich angezogen haben, überlegen sie sich bei einer Zigarette, was sie mit den wenigen verbleibenden Stunden noch anstellen können.

Eine Stunde später stehen sie auf einem kleinen Hügel, der eine fantastische Sicht auf die ganze Umgebung bietet. Weinberge breiten sich unter ihnen aus, sowie Weizen- und Maisfelder und über allem liegt ein leichter Nebelhauch, der alles sanft einkleidet. Sie meint scherzhaft, dass man von hier ganz leicht in den Himmel steigen könnte, um einen Stern zu pflücken. Er sagt, dass er das gerne für sie tun würde. Sie lächelt ihn liebevoll an. Sein Freund verdreht die Augen und lässt sich dann müde ins taufrische Gras fallen. Die Fahrerrei hat Spuren hinterlassen. Die Anderen gesellen sich zu ihm.

So liegen sie auf der Wiese und schauen in den wundervollen Sternenhimmel. Eine Hand wandert in die andere. Zwei Herzen schlagen wie eines. Sein bester Freund muss schmunzeln und schließt die Augen. Mission erfolgreich.

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