Der Koloss

An einem Tag wie heute, kam er in diese Welt.

Er riss den Himmel wie einen Vorhang auf und zwängte sich aus den Untiefen des Nichts hervor. Als er seinen gewaltigen Leib bis zur Hälfte ins Freie geschoben hatte, erledigte die Schwerkraft den Rest und er fiel taumelnd zu Boden. Dort krachte er auf ein stolzes schneebedecktes Gebirge und zermalmte dieses zu winzigen Kieselsteinen. Die Erschütterung war so gewaltig, dass man sie noch am anderen Ende der Welt wahrnehmen konnte. Sein Aufprall hinterließ tiefe Narben in der Landschaft; unergründliche Kluften, durch welche kalte Winde wehten.

Über ihm schloss sich langsam der dunkle Spalt am Himmel.

Er war der Erste seiner Art. Aus der Dunkelheit kam er hervor und war nun fasziniert von den Wolken, die sich um sein Haupt sammelten, war fasziniert von den Vögeln, die sich auf seinen Schultern niederließen, war fasziniert von all den kleinen Tierchen, die sich um seine Füße tummelten.

Selbstverständlich bemerkten die Menschen seine Ankunft und versuchten mit ihm in Kontakt zu treten, doch dies gelang ihnen nicht,da er weder ihre Sprache sprechen, noch sich in einer anderen, ihnen verständlichen Weise ausdrücken konnte. Sie hatten Angst vor ihm, denn seine Existenz ergab für sie keinen Sinn. Er war plötzlich aus dem Nichts erschienen und in ihre Mitte getreten. Alles an ihm trotzte den Gesetzen, die die Menschen für sich entworfen hatten.

Und so kam es, dass sie das taten, was ihnen am besten lag. Sie bekriegten ihn. Sie warfen ihm alles entgegen, was sie zu bieten hatten. Doch nichts half, nichts zeigte irgendeine Wirkung. Er blieb unverändert stehen und sah interessiert dem wilden Treiben zu, begriff nicht was da vor sich ging. All der Hass prallte einfach von ihm ab. Jahrzehntelang, jahrhundertelang versuchten die Menschen ihn zu vernichten und rieben sich an ihm auf, verkamen immer mehr. Am Ende zerbrach die Menschheit daran und verlor alle Hoffnung.

Derweil schwieg er, stand nur da und genoss all die wundersamen Dinge, die sich vor ihm entfalteten. Seine Augen waren rein und er konnte mit ihnen unendlich weit blicken. Er sah den Zauber in jeder Kleinigkeit und in jedem Lebewesen. War er eines Ausblicks müde, so schloss er die Augen und tauchte mit einem ohrenbetäubenden Lärm an irgendeiner anderen Stelle des Planeten auf, nur um wieder für unbestimmte Zeit zu einer Statue zu erstarren und sich an der Schönheit des Lebens zu erfreuen.

Ein Menschenjahrhundert war für ihn lediglich ein Seufzer, ein langer Atemzug. Er aß nicht, trank nicht, schlief nicht, doch sah mit ungetrübtem Blick in die Welt und in die Herzen der Menschen hinein, blickte nachts in den Sternenhimmel und beobachtete andere Wesen auf fremden Planeten. Alles war im Wandel, nur er nicht, denn ihm wohnte die Ewigkeit inne. Ihn gab es schon immer und ihn wird es immer geben.

So kam es, dass mit den Jahrtausenden die Menschheit allmählich wie ein Blatt im Herbst verging und die Natur den Planeten zurückeroberte, sich von all den unzähligen Misshandlungen erholte.

Als schließlich der letzte Mensch in seiner elendigen Einsamkeit vor ihm stand, schrie dieser voller Wut und Verzweiflung: „Was willst du nur von uns? Warum hast du das alles getan? Alle sind tot, nur noch ich bin geblieben!“ Nachdem er dies gesprochen hatte fiel er auf die Knie und schlug verzweifelt auf den Boden ein, bis seine Hände bluteten und sein Körper vor Erschöpfung zitterte.

Der Gigant schüttelte enttäuscht seinen gewaltigen Kopf. Sogleich rann ihm eine Träne über die Wange und fiel fast auf die Erde, wo sie wie ein Meteor aufgeschlagen wäre und alles Leben ertränkt hätte.

Er schloss seine Augen und verschwand plötzlich, doch dieses Mal für immer.  Nie wieder kehrte er auf die Erde zurück.

Der letzte Mensch starrte fassungslos in die Luft und kehrte dann, als er sich gefasst hatte, wieder in die umliegenden Wälder zurück, wo er einige Wochen später verstarb.

 

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