Brief eines amerikanischen Soldaten

Italien, 12.04.1944

Liebe Mary,

Meine Liebe zu diesem Land wird nur noch durch die Liebe zu dir übertroffen. Italiens tragische Schönheit ergreift meine Augen und mein Herz, wie Musik den Geist.

Über uns ragen kleine Balkone aus den Häusern, umrahmt von Metallgeländern, deren Rippen handbreit voneinander abstehen und an denen vor langer Zeit einige Weinreben befestigt wurden, die sich eifrig um die Stangen geschlungen haben und sich teilweise bis zum Boden hinabschlängeln. Haben wir sehr viel Glück, so tragen diese schön anzusehenden grünen Vorhänge saftige Früchte, welche wir im Vorbeigehen naschen können. Man darf sich dabei nur nicht von den Hausbewohnern erwischen lassen, da man ansonsten Fersengeld geben muss, um dem feurigen Temperament einer erzürnten italienischen Großmutter zu entgehen. Eine Tracht Zungenprügel aus dem Mund solch einer stämmigen Matrone und du schämst dich deiner so sehr, dass du dich auf der Stelle in Luft auflösen möchtest. Wir machen uns trotzdem immer wieder einen herrlichen Spaß daraus auf diese Weise unser Geschick, sowie unser Laufvermögen auf die Probe zu stellen.

Verlassen wir die Dörfer, so sind wir umgeben von Olivenhainen und Weinreben, von denen wir uns auch reichlich bedienen. Manche von den Jungs sind so gierig und stopfen sogar die unreifen Trauben in sich hinein, nur um dann zwei Tage lang über Bauchschmerzen und Durchfall zu klagen. Nichtsdestotrotz sind fast alle Dinge, die wir hier am Wegesrand entdecken, wahre Delikatessen im Vergleich zu dem Militärfraß, den wir sonst erdulden müssen. Damit würde man zu Hause nicht einmal die streunenden Hunde füttern. Dieses Land muss wundervoll gewesen sein, bevor der Krieg es überfiel und zerrüttete.

Warum schreibe ich dir all dies? Warum schreibe ich dir nicht von all den zerstörten Häusern, den Leichen unter den Geröllbergen und dem bedrohlichen Donnern der Artillerie hinter den Hügeln? Wohl weil es die schönen Dinge sind, die ich mir in Erinnerungen behalten möchte und nicht das Blut, die Schreie und der umherwütende Wahnsinn, welcher uns alle nach und nach verschlingt.

Was mache ich hier? Eine Frage, die mich schon unzählige Male geplagt hat, seit ich das wahre Gesicht dieses Krieges gesehen habe. Seit ich den Tod in all seinen grausamen Gestalten erblicken musste. Der Tod, der hier reiche Ernte einfährt und in den Zeitungen zu Hause kaum Erwähnung findet. Wie es einen innerlich zerreißt, wenn neben dir einer deiner besten Freunde von einer Kugel in den Hals getroffen wird und dann verzweifelt nach seiner Mutter und Gottes Gnade schreit, während sein Lebenssaft ihm gnadenlos aus den Adern rinnt. Nein, so etwas wird nicht gedruckt.

Kannst du mir vielleicht einige Bücher aus der Heimat schicken? Alles was wir hier haben ist gedrucktes Chloroform, welches noch nicht einmal gutes Klopapier abgibt. Irgendwelche Werke, die mich in ferne Welten entführen und vom Denken abhalten.

Ich hoffe, dass wir uns wieder sehen, dass ich noch einmal in deine Augen blicken und von deinen wundervollen Lippen kosten kann, doch ich habe das mulmige Gefühl, dass mich der Tod schon bald zu sich rufen wird, dass sich demnächst irgendeine fleischhungrige Kugel in meinen weichen Leib verirrt. Die Deutschen verteilen Fahrkarten ins Jenseits an jeden, der es an der Front wagt seinen Kopf über den Schützengraben zu heben. Von der alten Truppe sind nur noch Bill, Sonny, Joe, Micky, Jack und ich übrig. Der Rest sind Ersatz„männer“. Kinder, die das große Abenteuer gelockt hat und die sich oft mit dem Stolz der Unerfahrenen in den Kugelhagel werfen. Ich will mich nicht mehr mit ihnen anfreunden, weil es mir das Herz bricht, wenn wieder einer von ihnen draufgeht.

Mit Sehnsucht blicke ich auf all die streunenden Katzen, die in unseren Lagern umherschleichen und kommen und gehen wie sie wollen. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, mich einfach irgendwie davonzustehlen und in den Eingeweiden eines Schiffes zu dir zurückzufahren, doch das könnte ich nicht. Ich kann die Jungs hier nicht im Stich lassen. Ich hoffe du verstehst das.

In aller Liebe,

dein Louis

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