Gedankentage

Sich bei ertragreichem Gespräch lauen Mittelmeerwinden hinzugeben und dazu salzarmes, kurz geröstetes, mit hauchdünnen Scheiben würziger Salami belegtes Weißbrot zu naschen, sowie einige Flaschen Rotwein in guter Gesellschaft zu leeren, bereitet an diesem Tag, der wahrlich in Vergessenheit geraten darf, große Freude und sei es nur im Traum.

Wenn ein Tag mit ruhelosen Gedankenspaziergängen, welche sich zu gern als Sackgassen erweisen, hinter verschlossener Tür verbracht wird und man die Anwesenheit anderer Wesen als ausgesprochen lästig empfindet. Wenn einen die Widersprüche heimsuchen, es an Freunden fehlt, obwohl man gleichzeitig nur mit der Einsamkeit und dem Staub zusammen sein möchte, sticht es einem schnell ins Herz. Man versucht sich einzureden gut alleine zurechtzukommen, obwohl man gerade sehr einfallslos durch das Leben hetzt, sich hinwirft, den guten Rat treuer Menschen als nichtig abtut, sich dafür hasst und eventuell sogar bestraft.

Während sich die Wolken jagen, treffen Nachrichten in Emailfächern und Handys ein, die alles Dagewesene mit unerwarteter Heftigkeit zerstreuen, umwerfen, es wie einen Atemhauch in kalter Winterluft verblassen lassen. Tage, die nichts anderes als heißen Hass aufblühen lassen, wenn man sich in ferner Zukunft an sie erinnert. Es trägt mich zur Küche hin.

Am Vogel sitzt ein Fenster. Ein Fenster sitzt am Vogel. Am Fenster sitzt ein Vogel. Heute springt einfach alles in mir wild durcheinander, scheint sich zu bekämpfen, will keinen Sinn ergeben. Der kleine Buchfink, ein matschbraunes, pummeliges, jedoch sehr herzig dreinblickendes Tierchen, stimmt ein liebliches Liedchen an und lädt seine Brüder und Schwestern zu dem Festmahl ein, welches ich ihnen vor dem kalten Glas ausgestreut habe.

Unruhiges Hin- und Hergehen befällt mich. Ungeduldiges Zähneknirschen, lustlose Kritzeleien auf dem Notizblock, gefolgt von einem Mittagsmahl und Miniaturkaffeekranz; bin ich doch der einzige Teilnehmer, obwohl mich kein Hunger plagt, nicht einmal Lust. Wie ein gelangweilter Rentner wandere ich an das der Straße zugewandte Fenster und blicke in den silbernen Himmelsschild, bin abgestoßen vom unfreundlichen Wetter, vom Regenfall, welcher mich zwar nicht körperlich, aber innerlich trifft, mein Gemüt weiter beschwert. Wie ein Schwamm, der nur all die elenden Dinge aufsaugt, quäle ich mich mühsam durch die Stunden.

Es geht so. Es geht nicht gut, aber es geht eben. Jedenfalls für eine Weile. Man wartet, hofft auf eine Flamme, die sich entzündet, hofft fähig zu sein diese am Leben zu erhalten. Man nimmt sich vor sie zu behüten, vor allen Widrigkeiten zu schützen, sich die Hände zu verbrennen, um dieses helle Licht nicht auch noch zu verlieren.

Ich bin nicht müde, lege mich aber in mein Bett und lasse mir vom stummen Weiß der Tapete Geschichten erzählen, streiche mir mit meiner Hand durchs Haar und über die in Falten liegende Decke, als würden sich dort Antworten auf all jene Fragen verbergen, die mich in letzter Zeit schrecklich wurmen.

Plötzlich, während ich wie ein Brotteig so vor mich hin gäre, beginnt es in mir zu lodern. Die Erkenntnis trifft mich plötzlich. Was mache ich gerade hier? Warum lasse ich zu, dass ich wie ein Betrunkener im Irrgarten herumstolpere, mich zu einem inneren, fürchterlich mühsamen Hürdenlauf zwinge? Hürden, Zweifel, die ich wie Springkraut gedeihen ließ und es für notwendig erachtete blind dagegen zu rennen.

Ich erhebe ich mich von meiner Schlafstätte und strecke meine steifen Glieder, die ungeahnt kraftvoll darauf reagieren, freudige Bereitschaft zu allerlei Taten und Untaten verkünden.

Mit verblüffender Heftigkeit lasse ich meinen Füßen freien Lauf und verbiete mir das Denken. Sie tragen mich ins Freie, wo die regenveredelte, kalte Luft meine Lungen füllt. Das Leben scheint in diesen jungen, müden Leib zurückgekehrt zu sein. Es geht voran.

Das Ortsschild hat sich verändert, die Laune auch. Um mich herum zerfließt die Welt im Regen, doch mein Gemüt ist sonniger als der heiterste Frühlingsmorgen, lässt keine Zweifel zu, sperrt alle Gedanken aus. Ich grüße im Vorbeigehen brav die gesenkten Häupter, welche mir skeptische Blicke schenken, finden sie doch im Augenblick allem Anschein nach keinerlei Gefallen an diesem Wetter, sowie sich selbst. Es befällt mich noch weiter zu gehen, allem zu trotzen, das sprühende Leben aufzusaugen, bis meine Füße mich zur Rast ermahnen, an einem fremden Ort, dessen Faszination von meinem inneren Licht erhellt, mich innehalten und staunen lässt.

Es sind Momente wie diese, in denen man voller Übermut beschließt einen Freund anzurufen, mit dem der Kontakt lange Zeit unmöglich schien, um nachzufragen, wie es bei ihm derzeit steht, ob ein Heißgetränk zusammen genossen werden soll, ob sich ein neuer Weg findet um alte Kluften zu schließen, ob eine Versöhnung gelingen könnte.

Der andere ist froh, oder eben nicht. Die Überwindung zum Versuch macht den Tag erheblich lebenswerter.

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