Briefe

Wer die hornhautüberzogenen Handinnenflächen und das wettergegerbte Gesicht jenes fast im Leben angekommenen Herren erblickt glaubt kaum, dass es sich hierbei um einen studierten Mediziner handelt, der sein verspätetes Glück im Verrichten geistig anspruchsloser, dafür körperlich sehr fordernder Arbeit fand und welcher den modrig süßen Geruch von alten Büchern, sowie Spaziergänge im Regen mag. In seiner kleinen, aber gemütlichen Dreizimmerwohnung herrscht eine fröhliche Unordnung, die von Zeit zu Zeit ein Aufräumen notwendig macht. Dies geschieht meist am Wochenende und auch nur mithilfe diverser alkoholhaltiger Helfer, welche durch ihr Zutun überhaupt die notwendige Motivation und leicht träumerische Stimmung aufkommen lassen, die er dafür benötigt. Heute ist kein solcher Tag.

Es ist spät und die Straßen leeren sich allmählich, nur manchmal schallt noch vereinzeltes Gelächter und Gekeife durch die Straßen, an deren Rändern die Menschen ihren Abfall gerne abzulegen scheinen. Während die Welt um ihn herum sich schlafen legt, sitzt der täuschend jung erscheinende Herr vor einem garstig weißen Blatt Papier und nagt an seinem blauen Kugelschreiber, bis dessen Ende elendig zerfranst ist und eine ordentliche Ladung Tinte in das nervöse Beißgestell entlässt. Angewidert spuckt er den Stift aus und flüchtet in sein Bad, wo er sich gründlich den Mund ausspült. Dabei schaut er immer wieder in den Spiegel um sicherzugehen, dass sich auch ja keine Tinte mehr zwischen seinen Zähnen versteckt. Nach dieser fast peinlichen Unterbrechung macht er sich auf den Rückweg zu seinem Schreibtisch. Sichtlich lustlos trottet er durch die stille Wohnung und lässt sich dann in seinen schwarzen Stuhl fallen, der ihn mit einem Ächzen begrüßt. Wie soll er fortfahren?

Beim Versuch zu schreiben zittern seine Arbeiterhände so sehr, dass das Blatt seine Unschuld nur an einige krakelige Schwingungen verliert, welche eher an die ersten Malversuche eines Kleinkindes erinnern, als an die Handschrift eines erwachsenen Mannes. Das unleserliche Produkt stößt daher auf grimmige Unzufriedenheit und gesellt sich sogleich zu seinen Brüdern und Schwestern auf dem leicht vernachlässigten Dielenboden dazu, nicht ohne zuvor noch Opfer einer brutalen Zusammenknüllung zu werden. All die fehlgeschlagenen Briefversuche tummeln sich bereits in beachtlicher, sowohl Sturheit als auch Durchhaltevermögen signalisierender Anzahl im Zimmer und es werden mit dem Voranschreiten der Nacht immer mehr und mehr, während zugleich auch die Verzweiflung in jenem freundlich wirkenden Gesicht anwächst. Die mit milchigem Glas umschirmte Glühbirne spendet derweil ein beruhigendes orangenes Licht und trotzt damit stolz der Nacht, welche ihr tiefstes Schwarz auch schon bald wieder aufgeben wird.

Diese verdammten Worte, diese verdammten Briefe…

Sie zwingen ihn zu Begegnungen mit seiner Vergangenheit. Überwunden geglaubte Gefühle erwachen aus tiefster Verbannung und verbreiten erneut Rastlosigkeit und Ratlosigkeit. So ist es kein Wunder, dass die Schrifthand des unglücklichen Schreiberlings anfangs kein leserliches Wort zulässt, jegliche sinnvolle Äußerung unmöglich macht. Und dennoch zwingt sich jener verfolgte Geist dazu den Stift nicht ruhen zu lassen bis etwas entstanden ist, dass die Bezeichnung Brief überhaupt verdient, der langen Reise die ihm bevorsteht würdig ist.

Die gesamte Nacht und fast den halben folgenden Tag hat es gedauert, bis der übermüdete Herr zufriedengestellt ist und sich endlich in sein Bett wuchten kann. Ohne Unterbrechung schläft er bis zum Abend durch. Das Tageslicht scheint ihn dabei nicht im Geringsten zu stören. Als er aufwacht blickt er, nachdem die Müdigkeit aus seinen Augen verschwunden ist, bedrückt zu seinem Schreibtisch hinüber. Eine letzte große Hürde liegt nun noch vor ihm, bevor sein Herz wieder frei schlagen kann und nicht von Bedrückung geplagt, seinem Geist jegliche anderen Gedanken verweigert. Das Abschicken des Briefes. Er ist sich noch nicht im Klaren darüber, wie er sich dazu überwinden soll. Allein bei dem Gedanken daran, bei jedem Seitenblick auf das mit Leben gefüllte Papier, durchfährt ihn ein Schmerz in einer fast physischen Weise. Es muss jedoch getan werden, dessen ist er sich sicher.

Er hat schon unzählige Briefe verschickt, doch niemals ist je eine Antwort gekommen. Mittlerweile weiß er auch überhaupt nicht mehr an wen er all die Briefe schickt. Dass das Schreiben jener Briefe eine Notwendigkeit, ja gar eine Pflicht ist, steht jedoch ganz außer Frage.

Hat er wieder einmal einen fertiggestellt, so drückt er diesen sanft dem Postboten in die Hand und spricht ein vorgetäuscht selbstbewusstes: „Wie immer!“, worauf jener verständnisvoll nickt und seinerseits mit einem knappen, strammen: „Wird gemacht!“, antwortet. Anschließend dreht dieser sich um und verstaut den Brief dann sorgfältig in seiner linken Fahrradtasche. Der Medicus, der dem Postboten melancholisch hinterherblickt, bis dieser schließlich alle Häuser der Straße abgeklappert hat und in die Nächste abbiegt, ist sich bewusst, dass er jenen flinkfüßigen Mann nur nach der Adresse fragen müsste, zu welcher sich seine Briefe aufmachen, doch hält ihn ein erstaunlich intensives, allerdings kaum beschreibbares Gefühl wie eine undurchdringliche Mauer davon ab. Der Herr holt tief Luft, erfüllt seine Lungen und seinen Geist mit Morgenfrische und stößt dann einen lauten Seufzer aus. Es ist vollbracht!

Es werden wieder einige Monate vergehen, bis seine Seele sich von diesem Ereignis erholt hat.  Dann jedoch wird der Drang zu schreiben wieder langsam in ihm aufflammen und ihn dazu zwingen, erneut Stift und Papier zu ergreifen.

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