Diät

Am Vorabend hatte er sich mit billigem Rum abgefüllt. Nachdem die Rumflasche verebbt war, griff er zu Tequila Gold, ohne Orangen, ohne Zimt. Er schwemmte sich förmlich die Seele aus dem Leib und schlief schließlich sogar im Sitzen ein. Als er erwachte war sein Hintern völlig taub und sein Rücken steif. Er torkelte zum Kühlschrank,  nahm eine der Plastikflaschen heraus und schüttete sich den Inhalt gierig in den Rachen. Apfelsaft, ein bisschen alt und nach Essig schmeckend, aber noch einigermaßen genießbar. Aus dem gut gefüllten Tiefkühlfach nahm er eine Fertiglasagne heraus und schob diese grob in den Ofen. Danach ließ er sich wie ein Stück totes Fleisch auf sein Sofa fallen und blieb dort regungslos liegen, bis die Eieruhr klingelte. Nachdem er das halbe Kilo Pastamischmasch in sich hineingeschlungen hatte, wurde ihm endlich ein wenig warm.

Das Telefon klingelte. Er ließ es klingeln. Sein Handy summte. Er ließ es summen. Sein Handy pfiff diesen ekelhaften Whatsapp-Ton, den man mittlerweile in jedem Bus, jeder Bahn, in jeder Fußgängerzone ertragen musste. Dies war zu viel für ihn an diesem Morgen. Entschlossen nahm er das schmale, schwarze Handy und warf es gegen die Wand, wo es filmreif zerschellte. Genau so, dachte er. Er ließ das Radio schweigen, den Fernseher auch. Irgendwo, wahrscheinlich durch den Spalt des Wohnzimmerfensters, drang von unten eine altbekannte Weihnachtsmelodie in seine Wohnung herauf. Zu früh, dachte er und es graute ihm bereits bei dem Gedanken an all die glitzernden Lichter und das fröhliche Getue. Zum Glück beschränkte sich sein Weihnachten stets immer nur auf einen Besuch bei seinen Eltern und ein Abendessen in kleiner Runde. Kein: „mehrtägiges Familienarmageddon mit lauter nahen Fremden.“
Eine Bezeichnung, die seine Freundin gerne verwendete, wenn sie in Gesellschaft waren. Auf der letzten Feier hatte sie ihn jedoch wieder einmal alleine gelassen, nachdem er sich betrunken hatte und dann begann Geschichten von früher zu erzählen. Einen seichten Kuss auf die Stirn, einen feurigen auf den Mund, dann war sie weg. Er nahm ihr dies nie übel, denn ihr Vater war ein übler Trinker gewesen. Der Typ Vater, der all die angestaute Wut auf sich selbst ab und zu an seinen Kindern auslässt.

Es war etwa fünfundzwanzig Jahre her, als Lara eines Abends plötzlich unangemeldet bei ihm klingelte und wimmernd in ihrem dunkelblauen, ärmellosen Top vor ihm stand, blassrote Flecken im Gesicht und an beiden Armen. Da war er endgültig durchgedreht. Er hatte sie geschnappt und ins Auto gesteckt, den Zünder herumgedreht und das Gaspedal durchgedrückt. Keine zwanzig Minuten und drei bei Rot überfahrene Ampeln später, hielt er vor ihrem Elternhaus. Er befahl ihr sitzen zu bleiben. Sie zerrte an seiner Jacke, doch er riss sich los und hämmerte die Tür so energisch zu, dass das Glas gefährlich klirrte. Lara blieb sitzen und weinte in ihre kleinen, zarten Hände hinein. Mit knirschenden Fäusten schritt er auf das gedungene Reihenhaus zu, dessen ehemals weiße Fassade durch die ganzen vorbeifahrenden Autos den Farbton von Asche angenommen hatte. „Die Luft riecht schwarz, verdorben“, dachte er. Er stieß die von einem Holzkeil aufgehaltene Eingangstür auf. Deren getrübtes Glas fühlte sich an wie die rauen, dicken Kristallgläser von seiner Oma, die diese nur für besondere Anlässe herausholte.
Im nahm Treppenhaus nahm er sportlich und von Adrenalin getrieben immer gleich zwei oder drei Stufen auf einmal. Atemlos kam er vor der Nr. 32 zum Stehen. Auf der Türmatte stand Welcome in großen Cartoonbuchstaben und darunter war ein vertretener Smiley zu sehen. Mal schauen wer gleich lachen wird, dachte er. In ihm brodelte es. Er klingelte und hämmerte gegen die Tür, dass es im Hausgang laut hallte. Lara´s Vater öffnete genervt die Tür und wollte gerade etwas sagen, da fiel er schon rückwärts in seine Wohnung zurück, stolperte über einige Schuhe und knallte anschließend hart mit seinem Hinterkopf auf den grauen Teppichboden. Seine Nase war in einer gewaltigen roten Wolke explodiert, als die Faust seines zukünftigen Schwiegersohnes diese zertrümmerte und sie sogleich in eine breiähnliche Masse verwandelte. Verwirrt blickte er nach oben und versuchte sich aufzurichten, doch der nächste unbarmherzige Schlag kam bereits herangerauscht. Dieser traf ihn oberhalb des rechten Auges und hinterließ einen tiefen Cut. Er bemerkte noch beiläufig dass die Tür zukrachte, dann war die wuchtige Gestalt auch schon über ihm.

Nachdem der junge, athletische Mann endlich von ihm abgelassen hatte, war er eine blutige Ruine gewesen. Im Krankenhaus gab er an, dass er sich mit einigen betrunkenen Jugendlichen geprügelt hatte, die ihre Bierflaschen auf den breiten Stufen der Peterskirche abgestellt hatten und sie nicht hatten wegräumen wollen. Es wurde keine Anzeige erstattet. Noch Wochen später war sein Urin tiefrot und er hatte starke Schmerzen beim Sitzen, sowie beim Zähneputzen. Er rührte seine Tochter nie wieder an.

Lara hatte im Auto gewartet und als ihr Freund die Autotür öffnete und sich mit einem lauten Seufzer in den Sitz fallen ließ, war sie ganz still gewesen. Er blickte zu ihr herüber und sie konnte von seinen Augen ablesen, was vorgefallen war. Und wieder kamen ihr die Tränen, dieses Mal jedoch zarte Tränen der Erleichterung. Sie schämte sich fast für das verstohlene Gefühl der Freude in ihrer Brust, das sie bei dem Gedanken an ihren geschundenen Vater empfand, der gerade wahrscheinlich seine Zähne auf dem Fußboden zusammensuchte und welcher keine Chance gegen Tom gehabt haben musste. Ihr Retter, mit dem sie jetzt seit knapp acht Monaten zusammen war und der seit etwa vier Jahren jede Woche mindestens zweimal ins Kickboxtraining ging. Dieses Erlebnis schweißte sie noch enger zusammen. Anderthalb Jahre später heirateten sie. Sieben Monate später erblickte dann seine Tochter Natalie das Licht der Welt, die mittlerweile 24 war.

Diese sportlichen, aufregenden Zeiten waren vorbei. Seine Knie machten nicht mehr mit und auch sein Rücken machte ihm mittlerweile immer öfter zu schaffen. So sehr er das Kickboxen auch geliebt hatte, sein Körper wollte irgendwann einfach nicht mehr. Er war jetzt 52 und laut seiner Frau endlich „im Leben angekommen“, was sie auch immer damit meinte. Er hauchte an die Scheibe. Sie beschlug leicht. Mit dem Zeigefinger schmierte er einen Smiley auf das trübe Glas. Dieser verblich langsam, doch das Fett seiner Finger war weiterhin deutlich zu sehen. Eine Dusche, die brauchte er jetzt. Den Kopf freispülen, sich solange vom heißen Wasser berieseln lassen, bis das Badklima dem einer Sauna gleichkommt. Allein der Gedanke daran erfrischte ihn bereits. Auf dem Weg zum Bad kam er an seinem Garderobenspiegel vorbei und blieb davor stehen. Er musste schmunzeln, sein Spiegelbild ebenfalls. „Du warst schon mal dünner, schon mal fitter, schon mal jünger“, dachte er und ergriff mit dem Daumen und dem Zeigefinger eine kleine Speckfalte, die er wie eine große Prise Salz hin- und herrieb. Irgendwie mochte er diese Weichheit, dieses Zeugnis einer gewissen Gemütlichkeit. Damals hätte man auf seinem Bauch Bretter und Besenstiele zerschlagen können, jetzt könnten kleine Elfenkinder wie auf einem Trampolin darauf herumspringen. Seine Geheimratsecken waren deutlich zu sehen und mittlerweile machte er sich keine Mühe mehr diese zu verstecken. Lara war mit Natalie fünf Tage bei Lara´s bester Freundin Anna und deren Mann Thorsten zu Besuch, welche ein großes Mehrfamilienhaus im nördlichen Schwarzwald  alleine bewohnten. Anna und Thorsten waren sehr vermögend und wahrhaft ehrliche und herzige Menschen, doch leider waren sie trotz endloser Versuche kinderlos geblieben. Die unangenehme Leere und Stille ihres Heimes versuchten sie daher so oft wie möglich mit Verwandten und Freunden zu verdrängen.

Lara hatte ihm auf einem kleinen Zettel einige Dinge notiert, die er zu erledigen hatte. Die Liste hing am Badezimmerspiegel, quietschgelb und mit zahlreichen Ausrufezeichen verziert. Da er ohnehin duschen wollte, war ihm das ganz recht. Eine lange Kleiderspur verfolge ihn, während er in Richtung Bad schlurfte. Irgendwie genoss er diese seltsame Freiheit. „Ich Rebell!“, rief er und kickte seine Jeans in hohem Bogen durch den Hausflur. Auf dem Zettel standen die üblichen Belanglosigkeiten des Alltags. Müll rausbringen, Briefe abschicken, bei der Versicherung anrufen und bla und bla und bla. Ein Punkt erregte jedoch seine Aufmerksamkeit und er begann so laut zu lachen, dass das Echo durch die gesamte Wohnung hallte und die metallene Wendeltreppe im Wohnzimmer leicht zum Vibrieren brachte. „Bis bald Schatz und DENK AN DEINE DIÄT!!!!!“, stand da, der zweite Teil gänzlich in Großbuchstaben  geschrieben und mit monströsen Ausrufezeichen versehen. Außerdem hatte Lara  noch einen fetten Kringel darum gezogen. „Zu Befehl“, murmelte er. Da wurde ihm erneut bewusst, warum er wirklich zu Hause geblieben war. Er machte seine Diät. Lara hätte ihn wohl lautstark zusammengestaucht und mit zornigen Blicken bedacht wenn sie gesehen hätte, wie er ihre Diät er in den letzten zwei Tagen gehalten hatte. Er war ein böser Junge gewesen. Unmengen von Fertigprodukten, Lieferdienstgütern und alkoholischen Getränken hatten in den letzten drei Tagen ihr dunkles Ende in seinem Verdauungstrakt gefunden. Er machte jedoch tatsächlich eine Diät, nur eben nicht die, die seine Frau für ihn vorgesehen und die sie ihm aufgeschwatzt hatte. Sehr sorgfältig hatte er seine Diätwoche geplant.

Er machte eine Menschendiät. Fünf Tage lang völliges Alleinsein. Nur der eigenen Stimme – sofern möglich – lauschen. Zur Vorbereitung hatte er sich bereits einen Tag vor Lara´s Abreise krankgemeldet. „Ich habe Brechdurchfall Herr Wagner. Vorne raus und hinten raus, ne ganz elendige Sache“, log er seinen Chef an, der ihm daraufhin den Rest der Woche freigab.
Sein Hausarzt stellte ihm ein Attest aus und verschrieb ihm Bettruhe, viel Flüssigkeit und ein paar Medikamente, welche er auf dem Heimweg in eine Mülltonne warf. Von alldem erzählte er Lara selbstverständlich nichts. Seit sie abgereist war, hatte er keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt, nicht das Radio angemacht, nur auf ihre Anrufe geantwortet, den Fernseher schwarz zeigen lassen und nicht im Internet gesurft, die sozialen Medien für eine Woche gänzlich aus seinem Leben verbannt. Selbst als der Postbote mit einem kleinen Paket klingelte, in welchem sich vermutlich einige Bücher für ihn befanden, öffnete er diesem nicht die Tür. Er fandgroßen Gefallen an seinem Benehmen, an dieser selbst herbeigeführten, gewollten Isolation und beschloss, dass er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit diese Form der Diät noch einmal halten würde. Zufrieden stieg er in die Dusche.

 

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