Schreibrituale

Ich sitze hier und tippe. Die Tastenanschläge, das laute Rauschen meines Computers und das Ticken der Ikeauhr über mir stören die Stille. Neben mir dampft mein Morgenkaffee, vor mir Nudeln mit Ei und Maggi. Daneben steht eine Tasse, gefüllt mit kaltem, trüben Pfefferminztee; vermutlich von gestern, und eine handballgroße Blechdose, gefüllt mit selbstgebackenen (nicht von mir, ich kann sie nur essen) Plätzchen. Zimtsterne, Spitzbuben, Nussschnittchen und noch viele andere, deren Namen ich nicht kenne. Meine Mutter war fleißig beim Backen, ich bin es jetzt beim Verzehren. Mal verleibe ich mir eine Gabel Eiernudeln ein, mal ein mit milchigem Zuckerguss bestrichenes Schokoherzchen, mal ein Schluck Kaffee, mal ein Schluck Pils. Das hatte ich in meiner Aufzählung ganz vergessen. Das schlanke Kühle steht trotzig neben dem Kaffee und wird langsam warm. Ich nehme einen großen Schluck. Draußen ist es eisig. Vor meinem Fenster entfaltet sich eine kalte, vernebelte Winterlandschaft. Auf den Dächern, dem Gras und den Bäumen (und vielleicht auch auf den Menschen) liegt eine dünne, weiße Frostschicht. Selbst den Vögeln scheint es zu kalt zu sein. Fünf kleine Federklöße, Kohlmeisen, sitzen ruhig auf meiner Fensterbank. Vier picken gelegentlich ein paar Körnchen, eine steht Schmiere. Hektisch wird es nur, wenn der Eichelhäher aufkreuzt. Ein stolzer, selbstbewusster Bursche mit azurblauen Federstreifen an beiden Flügeln , der sich seit vorletztem Winter immer mal wieder blicken lässt, im Frühjahr und Sommer meistens mit weiblicher Begleitung. Er krächzt einmal laut und verscheucht die aufgeplusterte Bande, die sich notgedrungen in dem kahlen Apfelbaum vor meinem Fenster niederlässt. In dem graubraunen Skelett sitzend, beschweren sich die fünf Vertriebenen lautstark, doch dem Häher ist das egal. Der schlingt in vollster Gemütlichkeit die Köstlichkeiten in sich hinein, behält mich dabei aber stets im Auge. Anfangs traute er sich noch nicht an das Futter, wenn ich am PC saß und ihn bei seinen Mahlzeiten beobachten wollte. Es dauerte eine ganze Weile, bis er Vertrauen fasste. Er kam immer morgens in aller Frühe, wenn ich noch in meinem Bett lag und fraß in größter Hast, blickte hektisch auf den schlafenden Menschen, hüpfte herum und sondierte den Himmel nach Raubvögeln, betrachtete dann wieder mich. Mittlerweile kommt er zu jeder Jahres- und Tageszeit in unregelmäßigen Abständen vorbei, frisst kurz und verschwindet wieder. Während der „große“ Vogel sein Mittagessen genießt, bin ich mit meinem auch fast fertig. Irgendwie habe ich zu nichts wirklich Lust. Ich stecke mir eine Pfeife an und suche im Rauch nach meiner Lust. Winterschlaf halten, bis die Temperaturen wieder bei +15 Grad liegen, klingt verlockend. Gestern wollte ich mich an einer neuen Geschichte versuchen, musste aber feststellen, dass da einfach nichts kam. Mein Hirn war wie ein ausgetrockneter Brunnen in einer Wüste. Wobei, es stimmt nicht ganz. Ein Rinnsal zeigte sich, genügte allerdings meinen Ansprüchen nicht. Beim Schreiben bin ich wählerisch, ansonsten eher nicht. Man kann mich sehr einfach glücklich machen. Essen, Wein, Sonne, Küsse, Zeit.

Das Rinnsal war eine seichte Liebesgeschichte. Mann verhält sich wie ein Kühlschrank, nach außen abweisend, wenn er sich öffnet ist er kalt und lieblos, seine Frau/Freundin ist davon schwer betroffen, beginnt sich Fragen zu stellen, zu zweifeln. An sich selbst und an der Beziehung.  „LANGWEILIG!!!“, brüllte eine innere Stimme irgendwann verzweifelt und ich löschte die knapp drei Seiten, für die ich etwa zwei Stunden Lebenszeit verschwendet hatte. Naja, scheiß drauf. Jedenfalls saß ich vorhin wieder hier auf meinem schwarzen Drehstuhl und wollte etwas Sinnvolles „auf´s Papier“ bringen. Die gestrige Seichtheit spukte mir noch im Hinterkopf herum, wollte mich nicht loslassen und so begann ich mich mit Essen und Trinken vom Schreiben abzulenken…was schließlich genau das Gegenteil bewirkte.

Während ich jetzt so langsam den messingfarbenen Boden der Plätzchendose sehen kann, der Kaffee und die Nudeln mein Inneres zu erwärmen versuchen, das Bier sich diesem Versuch wacker entgegenstellt, hacke ich wie im Rausch auf der Tastatur herum und gewähre Ihnen, meinen Lesern, einen Einblick in eines meiner Schreibrituale. Am Ende dieses Rituales – eines von vielen – habe ich die gnadenlose Polarwüste des Papieres ein weiteres Mal erfolgreich durchquert und so findet diese kleine Schreibreise hier ihr Ende, mit diesem Punkt.

 

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6 Gedanken zu “Schreibrituale

  1. Hm, kapier ich jetzt nicht wirklich. Welches „Schreibritual“ denn? Aus dem Fenster schauen beim Schreiben? Futtern und Trinken beim Schreiben? Die „gnadenlose Polarwüste des Papiers“ wie im Rausch mit Buchstaben schwärzen?
    Liebe (niko)lausige Grüße!

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  2. Lieber Max,
    hab DANK für diesen Einblick. Ich musste laut los lachen und hatte diese tollen Bilder in meinem Kopf…..letztendlich sitze ich nun hier und nehme diese/deine Worte als Nikolausgeschenk. Wenngleich sind für einen jeden von uns bestimmt sind, so erfreue ich mich dennoch doppelt und dreifach an ihnen, warum …kannst du dir denken.

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    1. Dankeschön :)! Ein Buch ist auch in der Arbeit. Es wird ein Sammelwerk all meiner Gedichte und Kurzgeschichten werden, von denen ich die meisten auch hier hochgeladen habe. Eigentlich fehlt nur noch ein passender Verlag ^^.

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