Begegnung

Am Bahnhof sehe ich ihn umherstreifen. Drei Plastiktüten in den Armen. Du Armer, denke ich. Sein Jetzt, Damals und Morgen mit sich tragend, trottet er zwischen den Leuten hindurch. Hebt schüchtern den Blick, schaut die Pendler an. Volle Koffer, volles Leben. Doch bleibt ihnen keine Zeit zur Freude. Er hat genug Zeit, doch keine Freude. Ein schmaler Grat, den wir alle da wandern. Weiter. Schultertief den Arm in den grauen Mülleimer gesteckt, umhertastend, hoffend. Abwertende Blicke brennen sich ihm in den Rücken. Er ist es gewohnt.

Alles klebt, es riecht nach Verwesung. Eine grüne Glasflasche zieht er hervor, betrachtet sie im Licht, wie ein Kind eine Murmel betrachtet. Pfand. Sein Gesicht leuchtet, ganz kurz. Kleiner Funke. Die Flasche wird ausgeschüttet, eingepackt, wohin nun? Stolzes Herz, will nicht betteln, will nicht brechen. Er verschwindet im Gedränge, irgendwie.

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14 Gedanken zu “Begegnung

      1. Gerne. Dann habe ich eine für dich, die mir heute über die Lippen geflossen ist. Man weiß ja allerdings nie, ob man bei so etwas der/die Erste ist. Jedenfalls: Bibliotheksbleiche, die Hautfarbe von hausarbeits-/prüfungsgeplagten Studenten, welche im Sommer besonders deutlich im Kontrast zu der ihrer Kommilitonen/innen steht.

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      2. Das Wort gefällt mir! Auch wenn ich das beschriebene Problem gut kenne, galt mein erster Gedanke den vielen Sonnentagen, an denen ich – während alle anderen ins Freibad stürmten – die Stadtbücherei oder den Buchhandel anstrebte 😀

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