Ein Sturm zieht auf

Hinter mir hüpft eine neugierige Amsel auf dem dünnen, grauen Blechdach herum und verlangt ab und zu lautstark nach Gesellschaft. Es ist tropisch schwül, weswegen der Schweiß mir aus allen Poren rinnt und das, obwohl ich nur in meinem Lesestuhl sitze. Ich sehne mich nach einer Abkühlung und scheine erhört zu werden, denn der bisher so träge dahindämmernde Wind beginnt an Kraft zu gewinnen, das feuchtheiße Elend was die Erde bedeckt zu zerstreuen. Im Himmel über mir träumt noch sanftes Flimmergewölk im hellen Blau, während in der bergigen Ferne düstere Wolkentürme mit Donnerorchester und Regenschauern drohen. Ich stelle fest, dass der Wind das Unwetter in meine Richtung treibt. Nur her damit! Schon liegt ein Grollen in der Luft. Auf das seufzende, nach Nass lechzende Grün fallen die ersten, verstohlenen Schatten und mit ihrem Kommen setzt ein schüchterner Nieselregen ein. Ich verlagere meinen Platz etwas nach hinten, unter das Blechdach. Meine Füße strecke ich jedoch aus meiner Deckung heraus und lasse sie mir besprenkeln. Freudig beobachte ich, wie sich das Gras, die Erde, der Teer und der Beton schleichend verfärben, allmählich abdunkeln. Stolz zeigt sich die Pflanzenwelt im schillernden Glanzkleid, bevor der Himmel ganz verdüstert. Einige Gänseblümchen lachen noch fröhlich dem Tropfenspiel entgegen, dass aus der dunklen Höhe sich herabstürzt. Ein Donnerknall, verheerend laut, lässt mich aufschrecken. Nun ist das Herz der Sturmzelle wohl direkt in meiner Nähe! Mit kindlicher Freude besinne ich mich der Mächtigkeit der Natur, der wir Menschen so hilflos gegenüberstehen und die uns unserer Nichtigkeit erinnert. Schon beginnt der große Guss. Eine Wand aus Wasser rauscht vor mir hinab auf den nun aufgeheizten Grund. Ein Cabriobesitzer hält an der Straße ruppig an. Wie ein Floh hüpft er umher und versucht verzweifelt das Faltdach seines Fahrzeuges auszubreiten, ohne selbst eine Dusche verpasst zu bekommen. Leider misslingt ihm beides. Während es gar sintflutartig hinunterwäscht, stiehlt sich die Sonne ab und zu aus dem Gewitter hervor, so als wolle sie noch einen verzweifelten Atemzug nehmen, bevor sie wieder in das schwarzblaue Wolkenmeer abtaucht. Genüsslich ziehe ich die regengesättigte Luft ein, kritzele einige Wolken auf meinen Schreibblock. Doch „Klick“, ist der Schauer auch schon wieder vorbei, der Hahn zu. Zwar ist es immer noch reichlich düster über mir, jedoch tänzelt  bereits wieder ein Schwalbenpaar um die nassen Ziegeldächer, vollführt kühne Kunststücke, schnappt sich Insekten zum Mittagessen. Eine Horde Buntfinken unterhält sich erregt auf einer Regenrinne, lästert vielleicht über die Launigkeit des Himmels.

Der Schauer war zwar heftig, währte dafür aber nur kurz, sodass die aufgeheizten Pflastersteine vor meinen nackten Füßen zwar dampfen, jedoch wieder zu trocknen beginnen. Majestätisch präsentieren die Buchen zu meiner Rechten ihr Laubwerk, das sich in irisierender Farbenpracht zur Sonne streckt, welche sich ihren Weg aus dem Sturmgewölk gekämpft hat. Ebenfalls zu meiner Rechten findet sich allerdings auch ein trauriger Nussbaum, dem der späte Frost schwer zugesetzt hat und dessen Blätter und Blüten entweder bereits abgefallen sind oder sich pechschwarz und verdorben verzweifelt an den Ästen festklammern. Ich notiere mir einige Gedanken, welche mich beim Anblick dieses unglücklichen Baumes befallen. Nachdem ich dies getan habe und aufschaue, stelle ich fest, dass  der Boden seine alte Farbe zurückerlangt hat. Keine schlechte Leistung werte Sonne! Nachdem sich meine Faszination über das Naturschauspiel gelegt hat, fange ich an zu lesen. Im Hinterkopf schwirrt mir jedoch die ganze Zeit all jene Tätigkeiten umher, welchen ich mich eigentlich widmen sollte. Eine Hausarbeit über eine Kurzgeschichte und das Kinderbuch, an dem ich gerade mit mäßigem Erfolg herumwerkele. Es fällt mir daher unbegreiflich schwer, den Zeilen meines Buches die angemessene, respektvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden es kennen. Man springt gazellenhaft durch die Zeilen, lässt seine Augen fliegen, aber der Geist hat bereits irgendwo auf dem Leseweg eine Rast eingelegt. Irgendwann, meist ein bis zwei Seiten später, fällt einem dann auf, dass das Gelesene keinerlei Wurzel im Gedächtnis hinterlassen hat. Also noch einmal lesen, in der Hoffnung, dass man nicht noch einmal in andere Denkgefilde abdriftet.

Wie ein Hütehund treibt der Wind einige kleine Wölkchen, die sich aufgrund ihres unbefleckten Weiß deutlich vom dunklen Gewittervorhang dahinter abheben, mit sich. Wie der Wind, so bin auch ich heute absolut unbeständig. Motivation keimt in mir auf und erlischt sogleich wieder. Flämmchen im Wind. Lust zu nichts und Lust zu allem. Ein lästiges Wechselspiel, das mich untätig verbleiben lässt. Regen setzt wieder ein. Zweiradfahrer und Passanten beschleunigen ihr Tempo. Ich bleibe in meinem Stuhl sitzen. Ich lege das Buch weg und nehme den Kugelschreiber in die Hand. Ich schreibe sogleich und schreibe doch nicht, fülle den Block mit vielen Zeilen, die keine wirkliche Substanz haben. Ich schreibe ohne Ziel die Seiten voll. Es ist, wie das müßiggängerische Plätschern mit den Füßen im Wasser. Irgendwie angenehm, zeitfrei, angetrieben von einer unerklärlichen, inneren Lust. Braucht es denn ein Ziel? Ich entscheide mich in diesem Moment für: „Nein“. Nicht heute. Ich erfreue mich sogleich an der Ziellosigkeit dieses Tages, gebe das Schreiben auf und döse ein Ründchen. Kein Tag für Verpflichtungen. Selbst vor dem Kochen habe ich mich durch ein spätes Zubettgehen und Aufstehen gedrückt, nur eine große Tasse Kaffee findet sich in meinen entspannten Gedärmen. Ich trank ihn mit etwas Milch, weswegen ich beschließe, ihn deshalb als Frühstück gelten zu lassen.

In mir keimt die spontane Lust, nach Freiburg zu fahren und mich dort in ein Café zu setzen, um die Menschen zu beobachten, vielleicht ein paar Gesprächsfetzen aufzunehmen oder mich einfach nur an ihrer Lebhaftigkeit zu erfreuen. Unter Menschen fühle ich mich zwar oft fremd, jedoch stürmen dabei manchmal Eindrücke in ungeahnter Intensität auf mich ein, welche ich dann später in meinen Schreibwerkeleien nutzen kann. Ein kreatives Dilemma, könnte man sagen. Im Anschluss an diesen netten Cafébesuch, könnte ich mich in den Hauptbahnhof setzen und mich für einen Reisenden, einen zielhaften Menschen, ausgeben. Um meinem Theaterspiel die nötige Authentizität zu verleihen, würde ich zu einer Anzeigetafel streben und dort ein impulsives „Ach verdammt, jetzt hat der schon wieder Verspätung!“, von mir fahren lassen. Keiner würde diese Trickserei durchschauen können! Ein spontaner Kinobesuch am Nachmittag wäre jedoch auch nicht zu verachten. Reinschlendern, das Programm durchstöbern und eine 15:00 Uhr Vorstellung anzusehen, wäre ein wirklich typisch studentenhafter Genuss. Wie würde ich mich an der Leere und Sauberkeit des Saales erfreuen, den wenigen Gleichgesinnten verstehend zunicken und die Ruhe der Vorstellung schätzen. Stattdessen schaue ich nun auf meine Finger, denn mein Kugelschreiber hat sich dazu entschlossen auszulaufen. Ich stelle mir vor ein gefangener Verbrecher zu sein, der ein Blatt mit seinem Fingerabdruck prägen muss, bevor er inhaftiert wird. „Bitte nicht, ich bin unschuldig!“

Es scheint, als ob sich mein inneres Sturmtief aufgelöst hat, denn mein Körper setzt sich wie von selbst in Bewegung. Mal sehen, womit ich diesen ziellosen Tag letztendlich verbummeln werde.

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