Im Urlaub

Montag: 14:00 Uhr – Luisa und ihre Freundin Julia aus dem Kindergarten abholen, stand in ihrem Tagesplaner, ansonsten zum Glück nichts mehr. Die Mädchen würden sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen, besonders jetzt, da der Garten wieder in herrlichem Sommergrün erstrahlte und die süßfrische Luft die Kinder ins Freie lockte. Zudem war heiteres Wetter vorhergesagt worden und wahrlich, der Himmel zeigte sich in einem prächtigen Gewand. Nur ein paar dünne Wolkenstreifen pilgerten durch das helle Blau. Vielleicht würde sie ein bisschen lesen und den beiden später irgendetwas zu Essen machen oder während die Kinder draußen herumtobten sich dem Gemälde widmen, an dem sie gelegentlich malte, wenn sie dazu die Zeit und Lust fand. Marc war noch unterwegs, quälte sich in diesem Augenblick wohl irgendwo auf der Autobahn herum, schwer genervt und gestresst. Vielleicht würde er zum Abendessen wieder da sein. Seit er die Beförderung angenommen hatte und daraufhin in den Außendienst versetzt wurde, fuhr er täglich bis zu 300 Kilometer mit einem dicken, stahlblauen Firmenwagen, der seinem Wesen überhaupt nicht entsprach und für den er sich manchmal schämte. Von A nach B, nur um irgendein zehnminütiges Gespräch zu führen, dass man wohl auch per Telefon hätte erledigen können, danach  wieder eine Stunde Autobahn von B nach C. Und das fünf, manchmal sogar sechs Tage die Woche. Selten kam er vor 18-19 Uhr nach Hause. Der Verdienst war jedoch super und ermöglichte Meike eine Halbtagsstelle anzunehmen. Die Wohnung hatten sie, wenn alles weiter so glatt lief, in etwa sechs Jahren abbezahlt. Ziemlich früh für ein so junges Paar. Leider litt Luisa in letzter Zeit an der stetigen Abwesenheit ihres Papas, fragte immer häufiger nach ihm und wurde, wenn Meike sie vertrösten musste, entweder ganz still und zog sich zurück oder wurde pampig, trotzig, begann in kleinen Wutausbrüchen die Wohnung auf den Kopf zu stellen. Wie hätte sie ihrem Kind da böse sein können? Um die Kleine abzulenken, lud sie so oft wie möglich Freunde ihrer Tochter zu sich nach Hause ein, doch wenn keines der anderen Kinder Zeit hatte und sie sich wieder einmal nach ihrem Vater sehnte, fühlte Meike, wie auch ihr eigenes Herz in unerträglicher Weise schwer wurde. Aber was will man machen, sagte sie sich. Ihr haselnussbraun gelockter Engel mit den frechen Pausbacken hatte einige gute Freunde, aber mit Asra, einem Flüchtlingskind, kam sie momentan am besten aus und verbrachte die meiste Zeit.
„Er kann besser klettern als ich, aber ich bin dafür viel schneller als er Mama!“, hatte Luisa einst stolz berichtet. Meike mochte den Jungen. Ein fröhliches, höfliches Kind, manchmal ein bisschen melancholisch, aber sie wusste ja nicht, was er bereits hinter sich hatte. Ab und zu wurde er übermütig, grenzentestend, was jedoch völlig normal für Jungs in seinem Alter war.

Sie legte den Tagesplaner beiseite, verscheuchte die Nachdenklichkeit und widmete sich wieder dem Bildschirm vor sich, auf dem einige rote Zahlen erschienen waren, die dort nichts zu suchen hatten. Angestellte im Rechnungsamt, ein Job der den meisten Leuten nur vom Namen her schon sauer aufstößt, erinnert er sie doch an die Quälereien ihrer Schulzeit, die Penibilität übereifriger Lehrkräfte, welche verzweifelt versuchten die Schönheit und Geheimnisse ihrer notwendigen und achtbaren Kunst an die nächste Generation weiterzugeben, durch ihre eiserne Verbissenheit allerdings oft nur Bitterkeit und Unlust erzeugten. Sie genoss es. Zwar teilte sie sich ihr Büro mit einem Kollegen, jedoch war dieser eine Stillnatur und eröffnete nur selten ein Gespräch, was Meike sehr schätzte. Das Beste an ihrem Job war allerdings, dass sie dabei nur sehr selten mit Menschen und deren Problemen, Sorgen und Wünschen in Kontakt kam. Die Zahlen gingen ihr nicht auf die Nerven, verwickelten sie nicht in dahinplätschernde Gespräche über Nichtigkeiten. Nein, die Zahlen schwiegen. Momentan bearbeitete sie die Rechnungen einiger Baufirmen, welche an einem Großprojekt; einigen Sozialbauklötzen im Norden der Stadt, beteiligt waren. Manche der Firmen nahmen es mit der Buchführung nicht so streng und gaben gerne mal Leistungen an, welche sie nicht erbracht hatten oder schwindelten ein bisschen bei den Materialkosten. Daher galt es die Rechnungen zu überprüfen und sobald das Programm mit dem sie arbeitete eine Ungereimtheit meldete, musste sie dem nachgehen.

Sie wurde um 13:00 in ihrer Arbeit durch den Wecker zu ihrer Rechten unterbrochen, der wütend piepte. Sie hatte den silbernen Störenfried kurz nachdem sie die Stelle angetreten hatte gekauft, da sie sich zuvor zweimal so sehr in der Zahlenwelt verloren hatte, dass ihr jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen war. Die Folge dessen war ein ziemlich unglückliches Kind gewesen, welches nicht rechtzeitig von seiner Mutter abgeholt worden war. Sie brachte den Wecker zum Schweigen, fuhr den Rechner runter, nahm ihren Rucksack mit und verließ das Büro. Ihr Kollege nickte höflich zum Abschied und wandte sich schon währenddessen wieder seiner Arbeit zu. Auf dem Weg zum Auto grüßte sie noch einige Kollegen und Kolleginnen, deren Namen sie sich nie gemerkt hatte, und entfloh dem einen oder anderen Gesprächsversuch mit dem Verweis auf ihre Tochter. Der Verkehr war gnädig zu ihr, grüne Welle, wodurch sie sogar noch die Zeit für zwei Zigaretten fand, bevor Luisa und Julia aus der Kita kamen.

Irgendetwas stimmte mit Luisa nicht, das sah sie sofort. Normalerweise strahlte ihr Kind, rannte freudig auf sie zu und fiel ihr wuchtig in die Arme, doch heute nicht. Stattdessen sah ihre Kleine betrübt aus und brachte ihr nur ein vergleichsweise müdes Lächeln entgegen. Julia wirbelte dagegen freudig umher und erfreute sich noch an einem Grashüpfer, der vergeblich vor ihr zu fliehen versuchte.
„Hey mein Schatz, was ist denn los?“, fragte Meike, ging in die Knie und umarmte ihre Tochter. Die sonst so kraftvoll ausfallende Grifferwiederung fiel heute besorgniserregend schlaff aus.
„Hm, was ist denn?“, hakte sie nach und strich der Kleinen durchs Haar.
„Asra war heute nicht da und…und…und Frau Möhringer hat gesagt, dass er nicht mehr wieder kommen wird.“
Eine Träne floss über die zarte, mattrote Wange und ein fragender Blick stieg zu Meike auf, der sie wie eine Abrissbirne traf und umwarf. Wie hatte sie das nur vergessen können? Wie? Sie hatte es bereits in der Zeitung gelesen und zudem noch ein Gespräch im Supermarkt mitgehört. Sie war sprachlos. Ihre Lungen schienen für einige Momente das Einatmen zu verweigern. Luisa starrte sie immer noch an, erwartete irgendeine Reaktion. Sie sah, dass irgendetwas mit ihrer Mutter nicht stimmte. Schließlich rannen Meike einige Worte über die Lippen:
„Asra und seine Familie sind wieder nach Hause gefahren mein Schatz. Weißt du, sie waren hier nur im Urlaub und mussten jetzt zurück.“
Sie schämte sich.
„Aber Asra hat davon gar nichts erzählt“, entgegnete ihre Tochter. Meike wurde rot. Ihre Gedanken sprangen im Kreis. Das Flüchtlingsheim im Malvengrund war über das Wochenende geräumt und der Großteil der Bewohner abgeschoben worden. Mit großen, durchdringen Augen starrte ihre Tochter sie an. Der Himmel schien ergraut zu sein und die Sonne brannte mächtig herab.

 

 

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Ein Gedanke zu “Im Urlaub

  1. Auch wenn dies nur eine „Geschichte“ ist, möchte ich Folgendes loswerden: Ich persönlich bin immer dafür, die Wahrheit zu sagen – ich glaube auch, dass Kinder es merken, wenn sie belogen werden (und wenn nicht, dann erfahren sie es später von anderen Kindern etc. im Kindergarten o.ä.). Und dieser Vertrauensbruch wiegt dann viel schwerer, insbesondere, wenn es die eigene Mama getan hat.

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