Tagebucheintrag: 15.09.2058

Auf den Straßen ist es unruhig. Erst gestern Mittag wurde ein Anschlag auf den Hauptsitz von Roscom – Robtec verübt, nachdem sie in einer Pressekonferenz ein neues Modell des RR-64 angekündigt hatten, welches anscheinend noch besser auf menschliche Sprachäußerungen eingehen und sie verarbeiten kann. Die Anwesenden jubelten. Wir nicht. Verdammte Roboter!

Eine Bombe ging kurz nach zwei Uhr im Foyer des Gebäudes hoch.  Zwölf Tote, leider alles nur Zivilisten. Keine Firmenvorsitzenden, Lobbyisten, oder Politiker, welche sich von denRoscom Drecksäcken schmieren lassen und uns dann frech ins Gesicht lächeln, wenn wir sie um Steuererleichterungen, mehr Kindergeld oder andere Dinge anbetteln, weil wir sonst vor die Hunde gehen. Aber die kümmert das alle nicht. Wir sind denen egal. Wir sind nur der Dreck an deren Schuhsohlen, den sie abschütteln wollen. Mal schauen wie lange noch…

Schwierige Zeiten sind es. Unsere Regierung hat uns im Stich gelassen und versucht jetzt mithilfe von Propaganda ihre eigene Unfähigkeit zu verschleiern, den Unmut des Volkes im Zaum zu halten. Pausenlos nerven uns ihre Durchsagen im Radio und im Fernsehen. Mancherorts fliegen sogar kleine Transporter durch die Gegend, auf denen Lautsprecher angebracht sind. Keiner glaubt ihnen mehr ihre Lügen. Millionen sind arbeitslos, bitterarm, wütend, zu allem bereit. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann beginnt er auch hier in Deutschland. Der große Krieg, der längst fällige Befreiungsschlag. Menschen gegen Roboter und deren Erbauer, gegen die Reichen und Mächtigen, welche uns ausnutzen, aus sicherem Abstand zusehen, wie wir alle verrecken. Die Roboter müssen verschwinden, anders geht es nicht. Es gibt keine anderen Perspektiven mehr. Einst konnte man träumen, besaß Möglichkeiten, aber ohne Geld, ist alles was uns bleibt Liebe und davon wird man nicht satt. Sie sagen, dass wir lernen sollen mit unseren ohnehin schon spärlichen Ressourcen schonender umzugehen, während sie selbst im Reichtum ertrinken, jeden Tag sich fetter und fetter fressen. Heuchler.

Das Militär stehen geschlossen hinter Roscom – Robtec. Klar, was auch sonst. Ich will gar nicht wissen, was für abartige Kampfmaschinen die Ingenieure von Roscom im Auftrag der Armee in ihren Werkstätten zusammenbauen. Der Gedanke, dass wir eventuell gegen solche Dinger kämpfen müssten, sollte es wirklich zu einem Bürgerkrieg kommen, bereitet mir große Furcht. Aber es geht nicht mehr. Es ist genug. Wir einfachen Leute leben wie die Ratten, müssen jeden Tag hoffen, dass unsere Kinder nicht hungrig zu Bett gehen müssen.
Mara…
Kein Wunder, dass da manche Leute das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Acht tote Politiker in einem Monat. Eigentlich ein trauriger Rekord, aber ich empfinde bei dem Gedanken an ihren Tod nur Freude, kein Bedauern.

In England hat sie schon begonnen. Die große Wende. Als es losging hat sich kurze Zeit später deren Regierung in drei Lager gespalten, welche sich gegenseitig die Schuld an der ganzen Situation zuschieben, während auf den Straßen völlige Anarchie herrscht. Englands Armee ist zu Milizen verfallen. Diese bekämpfen sich entweder gegenseitig, oder verkaufen ihre Kampfkraft an die Reichen. Mal schauen wie lange es noch dauert, bis hier die Straßen brennen. Ruben hat mir gesagt, dass es anscheinend weltweit Unruhen gibt. Was für ein Wahnsinn. Amerika, einst Vorreiter in der technologischen Entwicklung, soll sich bereits letztes Jahr in zig Teilstaaten aufgelöst haben, welche sich gegenseitig bekriegen und dabei reichlich Roboter, Drohnen und andere Abartigkeiten einsetzen. Zum Glück haben sie keine Atomraketen mehr, sonst würde mittlerweile wohl schon der ganze Kontinent in Asche liegen.

Nicht jeder Fortschritt ist automatisch gut, das haben wir nun schmerzlichst lernen müssen. Typisch Mensch. Voran, voran, voran und über die Konsequenzen wird nicht nachgedacht. Die Robotisierung hat die Menschheit völlig überrollt.
„Ein neues, glorreiches Zeitalter wird anbrechen. Lassen sie uns Ihren Alltag leichter machen“, war überall zu hören. Alles Lügen. Lügen, die zu lange geglaubt wurden. Lügen, die in allen Medien verbreitet wurden, bis es zu spät war und Roboter Menschen in jedem Lebensbereich abgelöst hatten. Jetzt sitzt der Großteil der Zeitungs- und Fernsehfuzzis selbst auf der Straße, weil ihre Arbeit von Robotern erledigt wird. Welche Ironie…

So wurden also allmählich Menschen durch Maschinen ersetzt und die Regierungen dieser Welt haben bis auf ein paar Ausnahmen nicht rechtzeitig soziale Auffangsysteme für all jene geschaffen, welche durch die Maschinen ihre Arbeit und damit ihre Existenzgrundlage verlieren. Und nun? Nun liegt alles in Scherben. Jeder der noch eine Arbeit hat fürchtet sich, dass er bald durch einen Roboter ersetzt werden könnte. Eine Welt der Angst, in der ich nicht länger leben will. Warum hat bloß keiner etwas dagegen getan? Warum habe ich bloß nicht schon früher etwas getan? Ja, ich fühle mich schuldig, denn jetzt zerfällt hier alles. Drogen und Gewalt bestimmen den Alltag, während unsere Regierungs“vertreter“ sich ihre Ärsche von Robotern und deren Erbauern vergolden lassen.

Keine Ahnung, vielleicht schließe ich mich bald dem Widerstand an, denn jeder Tag ist ohnehin schon ein Kampf. Erst gestern habe ich ein Flugblatt auf dem Nachhauseweg gefunden und mitgenommen. Darauf steht geschrieben:

„Bewaffnet euch! Es beginnt! Wir lassen uns nicht mehr unterdrücken! Heute stehen wir auf und wehren uns! Gegen die Robotisierung, die Maschinisierung unserer Welt, gegen den Verfall der menschlichen Kultur. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der unsere Kinder nicht mehr von Maschinen erzogen werden, in der Menschen mehr wert sind als kaltes Metall, in der jeder eine Chance bekommt. Heute beginnt es! Ihr Menschen der Welt, vereinigt euch im Kampf gegen die Maschinen und ihre Meister! Reißt ihre Fabriken nieder, schneidet ihre Leitungen durch, bringt ihre Funktürme zu Fall!

Schließt euch noch heute dem Widerstand in eurer Stadt an! Wir sind viele und werden täglich mehr. Mit eurer Hilfe können wir es schaffen! Für euch, für eure Freunde, für eure Familie, für eine bessere Zukunft!“

Vielleicht folge ich dem Ruf. Vielleicht. Aber was soll dann aus Mara und Lisa werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht, aber eines ist mir klar. So kann es nicht weitergehen.

_____

PS: Dieser Text ist ein Ausblick auf eine Zukunft, in der Roboter alle möglichen Tätigkeiten ausüben, welche derzeit noch von Menschen erledigt werden. Telefonie, Handwerk, Medizin, ganze Arbeitszweige könnten durch den Einsatz von intelligenten Robotern wegbrechen, was jenachdem schwerwiegende soziale Folgen haben würde, wie ich sie im Text teilweise angedeutet habe. Ich bin der Auffassung, dass es nicht schaden kann, wenn wir uns bereits jetzt schon Gedanken machen, wie wir verantwortungsvoll mit diesen zukünftigen Entwicklungen umgehen können, um nicht in ein solches Chaos, wie ich es in diesem Tagebucheintrag entworfen habe, zu stolpern. Dass die Menschheit mit neuen Erfindungen oft nicht verantwortungsvoll umgeht, hat die Vergangenheit leider zur Genüge gezeigt. Im Kalten Krieg sind wir nur knapp der völligen, atomaren Vernichtung entronnen.  Neue Technologien stellen allerdings auch im Alltag, im persönlichen Bereich immer neue Verantwortungen an jeden von uns. Tausche ich meine Daten, meine Privatssphäre für mehr Komfort oder mehr Daumen hoch bei Facebook/Twitter/Google etc. ein? Hole ich mir Systeme wie Amazons Echo oder Alexa ins Haus, mit denen man mich ohne Probleme ausspionieren könnte? Jede/r Einzelne muss solche Dinge immer wieder im Kleinen für sich entscheiden und die jeweiligen Folgen bedenken.

Liebe Grüße,
Max

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2 Gedanken zu “Tagebucheintrag: 15.09.2058

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