Eine Kopfsache

Dunkelblau schimmerte das Licht auf seiner Stirn. Es pulsierte leicht und manchmal vibrierte der kleine, ringförmige Metallapparat aus dem es strömte so sehr, dass Christian Schmelzer vor Schmerzen schlechte Laune bekam. Eines Tages traf er eine Entscheidung, welcher kein besonderes Einzelereignis voranging; eher eine jahrelange Neugierde, die ihn schon bald sein Leben kosten würde. Stück für Stück festigte sich der Entschluss, bis er; ein durchschnittlich begabter Mann im Mittag seines Lebens, sich dazu entschied, seine tägliche Dosis nicht zu nehmen. Zu seiner Verwunderung verspürte er in den nächsten Tagen und Wochen keinerlei körperliche oder seelische Leiden. Was sich jedoch am vierten Tag ereignete, war etwas, das in seinen Mitmenschen allerlei verborgene Gefühle erweckte und letztendlich zu seinem Tod führen sollte. So wechselte nämlich das Licht auf seiner Stirn die Farbe. Als er am Morgen des vierten Tages nach dem Absetzen der Dosis seiner Morgentoilette; bestehend aus Stuhlgang, Dusche, dem Auftragen einer Lotion sowie einer schnellen, ungenauen Rasur, nachging, erschrak er dermaßen, dass es ihm das Blut aus seinem Gesicht jagte. Der Grund jenes Erbleichens war die schon genannte Farbveränderung seines Stirnlichtes. Statt einem dunklen Blau grinste ihn nun ein blutiges Rot im Spiegel an. Der Metalleinsatz in der Mitte seiner Stirn, ein Gebilde aus Titanstahl und allerlei Elektronik, mutete nun wie ein Unheil verkündendes Teufelsauge an.

Er blinzelte, kniff sich. Nichts, keine Veränderung. Unnachgiebig starrte ihn das Rot an. Als er daran fassen und an dem Gebilde ein bisschen rütteln und drücken wollte, um diesen Zustand umzukehren, bekam er einen so heftigen Stromschlag, dass er auf dem Fließenboden seines Bades erwachte und eine garstige Beule an seinem Hinterkopf pochte. Er rappelte sich auf und starrte ratlos sein Spiegelbild an. Die Idee, dass jener Farbumschwung aufgrund seiner eigenmächtigen Absetzung der täglichen Dosis eingetreten war, eröffnete sich ihm in diesen ersten Schreckminuten noch nicht. Als sein Geist jedoch die ersten Wellen der Verstörung überwunden hatte, kam ihm dieser Zusammenhang in den Sinn. Sogleich begann ein innerer Kampf, den er bis zu seinem baldigen Lebensende bestreiten würde.

Schon als er an diesem Morgen aus seiner Haustüre trat, fiel die rot leuchtende Stirn seinem Umfeld auf. Simon Krüger, Nachbar seit fast einem Jahrzehnt, stürzte fast im Treppenhaus rückwärts herunter, als er Herrn Schmelzer entgegenstieg. Er sagte zwar nichts, jedoch entblößten seine Augen jene Gedanken, welche ihm bei diesem Anblick durch den Kopf rauschten. Krüger grüßte ihn mit einem unsicheren:
„Guten Morgen Christian!“, und hangelte sich dann die Treppe hinauf, nicht ohne Herrn Schmelzer noch in den Rücken zu starren, bis dieser um die Kurve war. Ähnlich erging es dem Rotstirnigen an seiner Arbeitsstelle. Ängstliche, misstrauische Blicke drangen von allen Seiten hin auf ihn ein, während er durch das Büro schritt. Gerüchte wurden augenblicklich gestreut, so dass er schon am Ende seiner donnerstäglichen Sechsstundenschicht im gesamten Gebäude zu einer enormen Bekanntheit emporgestiegen war. Eine Bekanntheit, die er selbst nach vierzig Jahren Arbeit in dieser Firma nicht hätte erlangen können. Jenes feig verborgene Geläster von Kolleginnen und Kollegen, selbst von Chefs, wurde fleißig weitergereicht und zu Wahrheiten verdichtet, wodurch er am Ende des Tages, als er aus dem Foyer schritt, jede erdenkliche Untat verübt hatte.

Am Abend hatte er sich Freunde eingeladen und selbst mit diesen verhielt es sich nicht besser. Immerhin fragten diese ihn offen, was denn der Grund für seine seltsame Stirnfarbe sei.
„Wie du nimmst deine Dosis nicht? Das geht doch nicht!“, empörte sich Lea Steiger, eine hochgewachsene Blondine mit Lachfalten im leicht gepuderten Gesicht. Während sie dies sagte, gestikulierte sie in italienischer Manier, was jedoch eher an lächerliche Zaubereiversuche erinnerte, da sie dabei eine Salzstange in ihrer Hand umherschwang.
„Warum nimmst du sie denn nicht?“, wurde Christian von allen Anwesenden gefragt, doch darauf konnte er selbst keine klare Antwort geben, was nur noch mehr Unfrieden stiftete. Der Abend endete im Streit und einer zugeschlagenen Haustür. Nachbar Krüger war von dem lautstarken Disput aufgewacht und hatte mit einem Glas an der Wand zu lauschen versucht, jedoch nur Wortfetzen aufgreifen können, die isoliert keinen Sinn ergaben.

Aus Trotz nahm Herr Schmelzer auch in den folgenden zwei Wochen seine Dosis nicht und so leuchtete seine Stirn weiterhin in dem blutigen, von seinem Umfeld verhassten Rot. Menschen, die ihm einst nah gestanden, ja ihn geschätzt und geliebt hatten, entfernten sich in dieser kurzen Zeit deutlich von ihm. Keine Anrufe, keine Einladungen. Er nahm dies wahr, jedoch genoss er zu seinem Unglück jene kürzlich erworbene Aufmerksamkeit in höchstem Maße und verdrängte alle warnenden Gedanken, die ihn vor möglichen Gefahren hätten beschützen können. So schlossen sich alsdann einige seiner Freunde und Arbeitskollegen zu einem geheimen Bund zusammen und berieten, wie man mit ihm weiter verfahren sollte, falls er sein rebellisches Verhalten in der nächsten Zeit nicht ablegen würde. Die Folgen, die sein Verhalten für sie selbst darstellte, konnten sie nicht einschätzen, jedoch erklomm Furcht in ihnen herauf, wenn sie daran dachten. Sie gaben ihm eine weitere Woche Zeit und hofften, dass er bis dahin zu einem Einsehen kommen würde. Dem war nicht so.

In ihm tobte zwar weiterhin ein Kampf, allerdings bekräftigte das gänzliche Nichteintreten von Nebenwirkungen nach dem Absetzen der Dosis sowie jene zweifelhafte Berühmtheit; dieser Status des Ausgestoßenen, seine Entscheidung, der langgelebten Konformität weiter zu entsagen. Die notgetriebenen Verschwörer und Verschwörerinnen fassten schließlich einen Entschluss. Herr Schmelzer musste verschwinden. Tränen flossen manchen über die Wangen, während sie sich darüber berieten wie man das Problem; sie vermieden es nun in ihren Treffen seinen Namen auszusprechen, am besten und schnellsten aus der Welt schaffen könnte. Doch wie? Wer sollte es tun? Wer würde die verborgene Klinge führen, den Nackenschuss abfeuern, ihm den verhängnisvollen Stoß geben, wenn er an einem Abgrund stand, dabei in seinem Rücken keine Gefahr witterte. Keiner meldete sich freiwillig und so lief Herr Schmelzer weiterhin rotstirnig durch die Welt, wobei er dabei gänzlich friedfertig, und gut gelaunt wie eh und je war, sich wirklich vorbildhaft verhielt, sah man von seiner Dosis ab. Weiterhin ging er seinen üblichen Beschäftigungen nach, so als ob keinerlei Veränderung an ihm stattgefunden hätte.

Eines Tages jedoch hatte die Fröhlichkeit ein jähes Ende. Er war gerade bei der Arbeit und der Kaffee bewegte ihn auf die Toilette. Kurz nachdem er seine Hose heruntergelassen und vor Erleichterung beim Entleeren seiner Blase einen leisen, genüsslichen Seufzer ausgestoßen hatte, erschienen hinter ihm einige vermummte Gestalten. Ein grässlicher, lauter Schrei war zu hören. Alle im Büro erstarrten, hielten die Luft an. Die Tür zur Toilette öffnete und schloss sich wieder.
Und schon hielt der Alltag wieder Einzug in der Etage. So, ganz als ob nichts geschehen wäre, wurden Anträge ausgefüllt, wurde Kaffee gekocht und Smalltalk betrieben, Telefone klingelten, Verträge wurden abgeschlossen, manch einer träumte von seinem kommenden Urlaub, während er auf seinem Computer sich die Zeit mit Solitaire vertrieb. Ein Platz im Büro verblieb bis zum Feierabend leer. Niemand wagte sich mehr an diesem Tag auf das Herrenklo. Der Körper von Christian Schmelzer wurde in der Nacht fortgeschafft. Sein Stirnlicht war erloschen. Seinen Arbeitsplatz räumte man bereits am nächsten Tag, indem alle seine persönlichen Habseligkeiten in eine große Tüte gestopft und dem Restmüll zugeführt wurden. Erleichterung hätte nun eigentlich die Gemüter aller am Mord beteiligten Personen streicheln sollen. Dem war jedoch nicht so. Als sie am nächsten Morgen erwachten und sich selbst im Spiegel ansahen, wich die Müdigkeit sofort blankem Entsetzen. Denn bei jenen, selbst den Mitwissenden, nicht einmal den Mördern selbst, leuchtete nun die Stirn in einem blutigen, bösen Rot.

 

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