Das Loch

Die Alten jammern und behaupten, dass es seit ihrer Jugend größer geworden ist, aber ich halte von diesem Gerede nichts. Die jammern bloß, damit sie was zum Jammern haben. Naja, egal. Jedenfalls lagen letzte Woche wieder zwei drin. Ein Mädchen, noch zu jung zum Rauchen, und ein Rentner aus dem Sozialbau, Typ Kornfrühstück. Schade um die Kleine. Ich kannte sie nicht, sie soll aber anscheinend nett gewesen sein. Über die Jahre haben sie Menschen aller Formen, Farben und Altersstufen aus dem Loch gekratzt. Eine Schande ist das, eine Schande.

Als sie das Mädchen und den Alten nach oben hievten, da sah die halbe Stadt geierhaft zu. Nachdem die Türen von den Leichenwagen zuschlugen, zerstreute sich die Masse gleich wieder. So ganz nebenbei, so geisterhaft, wie Wasser durch die Erde sickert. Plötzlich sind sie alle da und rempeln und drücken und vermuten und streiten und dann sind sie plötzlich wieder weg, wie Wasser.

Schon einige Male wollten die Verantwortlichen das Loch zuschütten, aber es blieb stets nur bei vielen Wörtern und halbherzigen Versuchen. Am Ende kümmerte es dann doch niemanden genug und das Loch starrt bis heute mit seinem drohenden, schwarzen Auge in den Himmel. Wissen Sie, jeden Tag stehen einige Leute an der Kante von dem Ding. Sie blicken runter in den dunklen Schlund, setzen sich hin, lassen ihre Beine in die Tiefe baumeln. Komische Menschen. Ich bin noch nie da gestanden, ist mir unheimlich. Man könnte nun annehmen, dass sich dieser Abgrund irgendwo am Stadtrand befindet, irgendwo in den siechenden Vororten im Süden, auf dem ehemaligen Fabrikgelände; das in der Nähe der Autobahn, aber dem ist keinesfalls so. Nene, stattdessen liegt es relativ mittig, ja bildet, wenn man es von oben betrachtet, fast das Zentrum dieser Stadt. Ein eigenartiger Umstand, wenn man so darüber nachdenkt. Irgendwie ist mir dabei nicht wohl.

Es existiert schon lange, länger als ich lebe, länger als meine Alten – Gott hab sie selig – gelebt haben. Wie lange genau? Puh, vielleicht schon immer. Keine Ahnung. Kluge Köpfe mit zu viel Zeit haben anscheinend darüber auch schon Bücher geschrieben, Tests gemacht und so. Keine Ahnung was da bei rausgekommen ist. Ich weiß nur, dass es auch anderswo diese Löcher gibt, nicht nur bei uns. Naja, aber im Grunde ist mir das alles egal. Sollen die Deppen doch da reinhüpfen, wenn sie denken sie müssten. Solange ich nicht irgendwann im Suff aus Versehen über die Kante tapse und mir das Genick breche, ist mir das Drecksloch egal.

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