Tief im Schlamm

Ich steckte tief im Schlamm und robbte auf allen Vieren Meter für Meter voran, während ich die zarten Gewächse absäbelte und in die blaue Gitterkiste neben mir warf. Meter für Meter, bis ich meinen Feldstreifen abgeerntet hatte. Ich lutschte auf einer Kaffeebohne herum und dachte an Zuhause, an meine kleine und meine große Liebe. Die beiden sollten es besser haben als ich. Sollten einigermaßen angenehm leben können, während ich fort war. Ich schickte ihnen so viel Geld wie ich konnte, was eigentlich fast alles war. Stets ohne Absender.

Wie lange ich dazu noch in der Lage bin, das weiß nur Gott allein. Irgendwann werden sie mich erwischen, das stand und steht für mich fest. Ja, irgendwann wird ein Polizeiauto am Feldrand halten und ich werde aufstehen und schweigend einsteigen und vor Leuten stehen, die voreingenommen sind und sie werden mir etwas vorlesen, was ich nicht verstehe, und mich abwertend ansehen und einsperren. Keiner von diesen Leuten war dabei gewesen, als mir das Schicksal keine Wahl ließ. Zweimal habe ich zugestochen, direkt von vorne in den Hals. Der Fette hat noch kurz geröchelt und Blut gehustet, bevor er nach vorne kippte und hart mit dem Kopf auf die Betonplatten krachte. Ich ließ die Klinge fallen. Irgendwo schrie jemand und ich rannte weg. Seitdem bin ich auf der Flucht. Mal hier und mal da, wo es sich ergibt.

Eine kleine Familie lief an mir vorbei und der Finger eines kleinen, neugierigen Jungen zeigte auf mich. Die Mutter sagte etwas und das Kind wandte sich wieder ab und sah nicht zurück. Nach getaner Arbeit karrte man mich und die anderen in klapprigen, alten Transportern; die aussahen als wären sie aus ihrem Exil in Afrika zurückgekehrt, wie Vieh zu unserer Behausung, die in diesem Fall aus einigen Bauwagen bestand. Aber es war okay. Ich hatte schon schlimmer gelebt. Die Teile waren innen trocken und jeder hatte einen Ofen im Inneren, der mit nur wenigen Scheiten Holz bereits Saunatemperaturen erzeugte. An diesem Abend wollte ich nur noch schlafen, aber meine Glieder schmerzten und pochten und gewährten mir diesen Wunsch nicht. Meine beiden Arbeitskollegen, welche irgendeine derb klingende, unverständliche Sprachmischung von sich gaben, trugen ebenfalls nicht dazu bei, dass ich zur Ruhe kam. Bohdan, der schlechtrasierte Mittzwanziger, redete im Schlaf ununterbrochen, so als ob er wissenschaftliche Vorträge über Quantenmechanik hielt, während der andere, Milosh, ein Panzer von Mann mit verblüffend mildem Charakter und der geistigen Kapazität eines Torpfostens, mit dröhnenden Kohlfürzen den passenden Applaus zu Bohdans Gebrabbel beisteuerte. Bohdan skypte abends immer mit seiner Freundin, wobei seinen Augen stets die bohrende Unruhe des Zweifelnden innewohnte, was man dem Kerl nicht verübeln konnte. Monatelang weg von zu Hause und eine hübsche Freundin, die viele Männer mit viel Zeit um sich hat. Zudem war weithin bekannt, dass viele Frauen während diesen Arbeitsmonaten die Wärme und Geldbeutel von Geliebten in der Heimat genossen. Der Junge kam damit nicht klar, das sah man. Er hatte einen Kumpel in seinem Alter, der in einem anderen Bauwagen schlief. Alen hieß er und war ein verdächtig wirkender Bursche. Wieso er hier auf den Feldern malochte, darüber stellte die gesamte Truppe wilde Vermutungen an. Einmal hieß es, dass er von der Mafia sei und alle anderen ausspionierte, ein anderes Mal sagte man ihm nach, dass er früher ein Soldat gewesen sein soll, welcher im Ukraine-Konflikt Grausamkeiten begangen hatte und deswegen geflohen war. Er selbst wusste von dem Geschwätz, kommentierte es aber nicht. Wahrscheinlich fand er sogar Gefallen an der Rätselei um seine Person.

Im Vergleich zu den anderen arbeitete ich langsam, woran mein Rücken und mein rechtes Knie schuld waren. In letzteres war mir ein Schäferhund hineingekracht, der mich vor lauter Trieb übersehen hatte, als er einen Tennisball gejagt hatte. Der Meniskus hatte von diesem Unfall einen dauerhaften Schaden davongetragen und sich zurückgebildet, weswegen irgendwann Knochen auf Knochen rieb und ich selbst mit Medikamenten auf Morphiumbasis vor Schmerzen fast die Decke hochging. Eine Ramschoperation später, mir fehlte das Geld für eine ordentliche und versichert war ich auch nicht, beschränkten sich die Schmerzen auf eine erträgliches Maß, sofern das Knie nicht stark beansprucht wurde. Der Rücken ist eine andere, aber ebenso unglückliche Geschichte. Ein Kran sowie ein Sack Zement waren daran beteiligt. Aus diesen beiden Gründen legte ich gelegentlich eine Pause ein. Dem Bauer missfiel dies, doch er hatte nicht die Eier noch einmal etwas zu sagen. Er besaß vom letzten Mal noch ein Souvenir am linken Auge. Eigentlich gab es auch nichts zu beanstanden. Die Ernte dieses Jahr war gut dieses Jahr, kaum Befall und Fäule.

So verbrachte ich eine ruhelose Nacht und war dementsprechend zerstört am nächsten Tag. Wieder ging es raus zum Feldsalat. Wieder hämmerte mir der Regen auf den Kopf. Wenn wir fertig und die blauen, großen Gitterkisten voll waren, so sah das Feld aus, als wäre eine Kuhherde darübergetrampelt. Schlamm, Schlamm, Schlamm, dass selbst der Traktor teilweise Mühe hatte und dessen riesige Räder durchdrehten.
Bohdan kam auf mich zu und gab mir eine Zigarette.
„Scheiße Wetter, scheiße Regen“, sagte er in holprigem Deutsch und ahmte damit den Bauern nach, der den ganzen Tag zwar nur am Traktor gestanden, aber am lautesten von allen über den Regen gemotzt hatte. Ich nickte und lächelte.

Irgendwann hörte der Regen auf und die Sonne schien und trocknete das Land, die Ernte war vorüber und der Schlamm verschwand und ich mit ihm.

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