Abzug

Selbst hier in der Basis hatte der Afghane eine Scheißangst.
„Ihr mitnehmen. Haben Familie, Taliban kommen wenn ihr weg sein“, sagte er verzweifelt. „Was soll machen? Nehmen mit sonst tot!“
Jeff tat der Mann leid. Aber er konnte da nichts tun außer ihn zu seinem Vorgesetzten zu schicken, von dem er wusste, dass er den armen Kerl wie eine Fliege verscheuchen würde. Scheiß Bürokratie. Dabei war die Sache allen klar. Jeder wusste, wie das hier ablaufen würde. Alle Einheimischen die ihnen hier geholfen hatten, inklusive deren Familien, schwebten in Lebensgefahr, sobald sie weg waren. Aus den südlichen Randgebieten der Stadt gab es bereits Meldungen, dass die Taliban schon wieder ihre alten Stellungen besetzt hielten und jeden Tag weiter vorrückten.
„Wo sollen wir hin? Haben Frau und haben Kinder.“ Er hob ihm ein staubiges Foto von zwei lächelnden Kindergesichtern vor die Nase, zwei Jungs, beide mit weiten Zahnlücken. „Können nicht hierbleiben“, rief er und zeigte energisch auf die beiden Buben.
„Ich kann Ihnen nicht helfen, da müssen Sie mit dem Oberleutnant sprechen.“
Der Afghane verstand ihn nicht. Er sah Jeff nur verwirrt und verängstigt an. Diesem stach jener Blick ins Herz, aber er konnte da nichts machen. Den Verantwortlichen in Washington waren die paar hundert einheimischen Helfer und Informanten egal. Ein paar Tote mehr machten nach diesem Kriegsdebakel auch keinen Unterschied. Das bisschen schlechte Presse konnte man verkraften.
Der Mann im weißen Gewand wurde ungehalten: „Haben geholfen viel. Für euch Lager von Taliban gesagt, ihr Taliban haben getötet. Alles gut für Amerika. Nicht gut für mich, nicht gut für mein Familie. Was soll machen? Bleiben nicht können, mussen auch gehen. Gehen mit Amerika.“
Aus einem Zelt hinter dem Soldaten trat Jeffs Freund Mickey, der fast so breit wie hoch war und dem man deswegen den Spitznamen Bull verpasst hatte. Bull baute sich neben ihnen auf und verschränkte die muskulösen Arme. Er stank penetrant nach Schweiß und Nuttendiesel.
„Hält die Mücken fern“, laut seiner Aussage. Hielt aber auch die halbe Kompanie fern.
„Was will der? Kommst du klar“, fragte Bull mit starkem New Yorker Akzent. Manchmal, wenn er es darauf anlegte, klang er wie ein Mobster.
„Alles gut, der möchte ein Visa für sich und seine Familie“, antwortete Jeff.
„Heute schon der Dritte. Das geht gar nicht klar mit denen. Arme Schweine. Wenn wir weg sind,  wird’s hier richtig heiß.“
Er zündete sich eine Zigarette an. Am erdbraunen Zelt rüttelte leicht der Wind. Viel Wind, viel Staub. Kein Wind, wenig Staub, dafür noch mehr Hitze. Bei vierzig Grad am Tag mit voller Ausrüstung über irgendwelche steilen Hügel im Nichts klettern und darauf warten, dass irgendwoher ein Gewehr rattert und die Kugeln wie Bienen um einen herumzischen. Das war Afghanistan für Jeff gewesen.
Der Afghane verstand Bull nicht und blickte fragend zwischen ihnen hin und her.
„Amerikaner gesagt wo Taliban, jetzt ich Visa. Was soll machen? Hab ich alles gemacht was Botschaft gewollt. Antrag gemacht, Papiere, alles da. Aber von Botschaft kommt nicht. Sagen warten zwei Wochen. Ich warten zwei Wochen. Sagen wissen nicht wann. Was soll machen? Amerika weg, dann Taliban wieder kommen. Kinder tot, Frau tot, ich tot.“, rief er mit Tränen in den Augen. Ein Hubschrauber ratterte dicht über ihre Köpfe. Während sie sich vor dem Staub mit den Händen schützten, tastete Jeff nach irgendeiner Ausrede, irgendeiner Lüge warum der Mann und seine Familie nicht mit der Truppe zusammen ausgeflogen wurden. Aber da kam nichts. Er konnte, nein wollte den Mann nicht anlügen, konnte ihm aber auch nicht die kalte Wahrheit sagen. Plötzlich Schreie, ein lautes Sirenenheulen. Befehle wurden gebrüllt und Jeff und Bull rannten in ihr Zelt um ihre Waffen zu holen. Mörserbeschuss, irgendwo aus der Stadt. So nah war der Feind also schon wieder. Die C-RAM hämmerte los und alles vibrierte. Der Afghane rannte panisch weg und Jeff sah ihn nie wieder. Drei Wochen später saß er in einem Transportflugzeug Richtung Heimat. Es roch nach Öl und heißem Metall. Er schaute aus einem Fenster und sein Herz war so zerrissen wie die Wolken am Himmel. Einerseits freute er sich auf seine Familie und seine Freunde, andererseits waren da der bittere Nachgeschmack der letzten fünf Jahre sowie der verzweifelte Blick des afghanischen Vaters. Bull saß neben ihm und  war gut drauf.
„Oorah! Wir habens lebendig aus dem elenden Wüstenloch geschafft, Kumpel. Home sweet home!“, rief er, stupste Jeff leicht mit der Schulter an und grinste.

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