Eintagsliebe

Ich saß draußen auf der Holzbank und lauschte dem Franzosen, der eine hellholzige Akustikgitarre spielte und dabei die Songtexte zu den Liedern von seinem Handy ablas. Neben ihm saßen zwei kleine Mädchen, denen er ab und zu einige Griffe zeigte, manche schwerer als für deren Kinderhände angemessen. Auf den Dächern konnte man die Hitzewellen sehen. Die Besitzerin des Gasthofes, in dem ich diese Woche verbrachte, war etwa so groß wie Danny DeVito und genauso quirlig. Sie kochte gerade Knochen, Gemüse und Fleischreste zu einer sämigen Soße zusammen. Ein Küchenfenster stand offen und der herrliche Duft schwebte durch den Vorhof. Auf einer Mauer hockte ein deutscher Journalist, mit dem ich zuvor ein bisschen seichtes Geplauder über Fußball und irgendwelche politischen Entwicklungen betrieben hatte. Er wollte über den Stierkampf in Pamplona berichten und wurde sehr emotional, wenn er darüber sprach. Mit: „Diese bestialische Tradition gehört endlich abgeschafft!“, beendete er seine Ausführungen. Ich stimmte ihm zwar zu, aber seine Sprechweise und die ständige Wiederholung der gleichen Argumente waren schnell ermüdend und so war ich froh, als er sich zu einer ersten Schreibarbeit zurückzog. Meine nackten Füße ruhten auf dem Rasen, der Kopf im Nacken. Neben mir lagen zwei leere Weinflaschen, deren Inhalt ich mir seit dem Aufstehen gemütlich einverleibt hatte. Hier war selbst der billigste Wein gut trinkbar, was ich reichlich ausnutzte. Die Sonne verbarg sich hinter dem Kirchturm, um den drei Schwalben segelten. Es war sehr schön. Ich aß etwas Weißbrot mit salzigem Hartkäse. Von all dem Wein und der Hitze schwang mir der Geist, aber das war auch der Plan gewesen. Essen, trinken und herumlungern, bis das große Fest beginnt.

Irgendwo zwischen den vor Hitze glühenden Häusern schwang jemand einen Hammer, ansonsten war es noch ruhig. Den Aufbau für den heutigen Abend hatte man bereits die Tage zuvor erledigt. Der Gasthof war wirklich einladend, dafür aber seltsam leer. Außer dem musizierenden Franzosen, dem Reporter und mir, waren nur noch ein spanisches Ehepaar sowie drei englische Wanderer in dem gemütlichen Etablissement abgestiegen. Keiner von ihnen schien etwas von dem Fest zu wissen. Das Ehepaar blieb unter sich, aber die drei Engländer schienen nicht genug Konversation betreiben zu können. Ihnen schienen nie die Gesprächsthemen auszugehen. Jetzt waren sie zum Glück nicht da, denn dann hätte die Musik sicher nicht so schön geklungen, die Schwalben wären nicht so schön geflogen und mein Herz wäre nicht so sehr in Bewegung geraten, als eine junge Frau zusammen mit ihrer Familie, dem Elternpaar und ihrem jüngeren Bruder, über den Parkplatz angeschlendert kam. Sommerschön, das tiefschwarze Haar lang bis zum Nabel, die Wangen scharf geschwungen, sah sie mich im Vorbeigehen kurz an, beachtete mich aber nicht weiter, so wie es viele Frauen tun, die um ihre Reize wissen. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell, ein eng anliegendes weißes Top und hellblaue Shorts, die ihre athletischen Beine betonten. Sofort war ich hingerissen von dieser Schönheit, welche ein beliebtes Hollywoodklischee erfüllte. Sie sah aus wie eine jener grauen Filmmäuse, welche durch irgendeine Storywendung aus ihrem tristen, schüchternen Dasein erwachen, eine übertrieben schnelle Metamorphose durchlaufen, um dann am Filmende plötzlich, von Selbstbewusstsein durchflutet, wie ein schillernder Schmetterling allen anderen die Show zu stehlen. So war dieser dahingondelnde Tag innerhalb weniger Sekunden erheblich interessanter geworden. Die Familie checkte ein. Ich hörte durchs Fenster die Besitzerin „Qué mierda!“ rufen, als die Klingel an der Rezeption schellte. Dann, erheitert vom Wein, erträumte ich mir einige Möglichkeiten, wie ich bei dieser Schönheit landen könnte. Aus meiner Pläneschmiederei wurde ich erst gerissen, als die Engländer laut lärmend von ihrer täglichen Wandertour zurückkehrten. Alle drei krebsrot, die Haut an den Armen und im Gesicht von den vergangenen Sonnenbränden geschält, diskutierten zwei von ihnen energisch darüber, wer in einem Ringkampf der UFC die besseren Chancen hätte:

„Mate, you can do the talk, but you can´t do the walk. You´ll get your ass handled in less than thirty seconds. Those guys are fucking beasts. Hell, even the women would fuck us up in no time.”
“I was taking kickboxing lessons in high school. I could take some shots man.”
“But now you´re fat and slow. While you get smacked, I´d jump around like a kangaroo and avoid some hits, before I hit the ground. One minute, a hundred bucks that I could last one minute.”
“Stephen, what do you think?”, rief der eine zu dem bisher Unbeteiligten:
„Geez, I don´t know Frank. I don´t care. What does it matter anyways? Both of you would get beaten to a pulp in no time.”
„But he´d be the first one to go down. No, wait. If it came to a fight your skinny ass would be the first one to kiss the floor“, sagte er und zeigte auf seinen Freund.
„I wouldn´t fight in the first place you moron. No reason for that”, sagte der Mann genervt, der anscheinend Stephen hieß. Er war groß, aber recht mager und selbst ich gab mir die Chance, einen Zweikampf gegen ihn zu gewinnen.
“No reason? What the fuck are talking about Stephen? Money, money, money. One good fight and you´ll be swimming in it.”
“Yeah and after those fights I can take that money and pay my dentist with it. No, thank you.”
„Are you hearing that Rob? Mr. Bigshot here thinks he is too good to fight. Let me tell you one thing my friend, there is nothing more honorful than a one versus one fight between two men. Hell, you gotta…”
Und so ging das noch zehn Minuten weiter. Ich flüchtete auf mein Zimmer und machte ein Nickerchen. Wirklich erholt war ich danach aber nicht, stattdessen war ich noch schläfriger. Die beiden Flaschen Wein auf fast leeren Magen waren dann doch zu viel gewesen. Ich raffte mich dennoch auf und torkelte runter zum Eingangsraum, welcher Rezeption, Esszimmer und Bar in einem war. Nach einem deftigen Abendessen fühlte ich mich besser. Stolz stand die Besitzerin hinter der Bar und bediente zwei Polizisten. Als ich nach draußen trat, war die Luft bereits etwas weniger trocken und die Mittagshitze war einem kühlen Lüftlein gewichen. In mir kribbelte es, die Vorfreude auf das Fest war groß. Die verbleibende Stunde verbrachte ich damit, mir von ein paar Spaniern in einem Café bei ein paar Bier erklären zu lassen, dass diese Feierlichkeiten anders wären, als alles was ich in meinem Leben kennengelernt hatte. Sie behielten recht.

Es herrschte eine Ausgelassenheit als wäre dies das letzte Fest der Menschheit vor dem Weltuntergang. Nackte Kinder rannten schreiend durch die Straßen, überall wurde Feuerwerk gezündet, dass die Luft ganz nebelig davon wurde. Tanzende Menschen, weinende Menschen, lachende Menschen, küssende Menschen, trinkende Menschen, rauchende Menschen. Menschen groß und klein, alt und jung, hell und dunkel. Alle im selben Rausch für diese eine Nacht. Es war wie ein Traum, der nie gelebt worden war. Die Energien des Universums sammelten sich hier und schwebten frei umher, brachten alles zum Schwingen. Ekstase, Schweiß und Lust, das Leben im Jetzt in seiner allerpursten Form. Ich versuche dies zu beschreiben, doch kann ich dabei nur scheitern. Es fehlen die dazugehörigen Gerüche, die Geräusche, das Gefühl. Dieses eigentümliche Lebensgefühl bestimmter Momente und Zeiten, welches ihnen eigen und unwiederbringlich ist.

Mir schwirrte schon bald der Kopf. Ich versuchte mich treiben zu lassen, aber irgendwie konnte ich mich nicht in das hier einfügen. Ich geisterte verloren inmitten dieses weltgelösten Spektakels umher, wurde gepackt, geküsst, mit Schnaps, Bier und Rauchwerk versorgt, tanzte eng mit Frauen, mit Männern, zündete Feuerwerk an, lief im Kreis, bis ich irgendwann an einer Hauswand benommen zusammensackte. Es war fantastisch und furchtbar zugleich. Irgendwie hatte das Fest all jene Illusionen, Ausreden und Lügen gnadenlos aus meiner tiefsten Seele emporgespült, die ich die letzten Jahre, nein vielleicht in meinem gesamten Leben angesammelt hatte. Es tat zuerst weh. Es tat zuerst furchtbar weh. Doch dann fühlte es sich wunderbar an. Irgendetwas in diesen orgiastisch brodelnden Gassen hatte mein Herz wieder geöffnet, meine Seele erfrischt und wieder empfindsam gemacht. Keine Ahnung wie lange ich dort an der Mauer kauerte. Ich weinte und lachte. Weinte und lachte, bis mich zwei kräftige Hände an den Schultern packten und aufrichteten. Ein bulliger Spanier sah mir in die Augen und gab mir eine bärenhafte Umarmung. Er verstand. Er gab mich wieder frei, hielt mich jedoch noch fest, da er sah, dass ich noch etwas wackelig auf den Beinen war.

„Mister, alles ist gut. Wir sagen hier: In jeder Träne liegt ein schlechter Gedanke. Wenn wir weinen, dann spülen wir unsere Seele rein von allem Schlechten. Aber dies, ja dies ist keine Nacht zum Weinen. Heute Nacht schlägt das Herz der Welt hier so laut, dass es im Kosmos wiederhallt. Dort“, er zeigte in den Nachthimmel „die Sterne, sie sind das Lachen Gottes, der über uns alle wacht“,sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Dann drehte er sich um und verschwand wieder in der Menge. Seine Worte hatten mich berührt und ein bisschen beruhigt, aber ich kam mir dennoch wie ein kleiner, schwarzer Fleck in diesem pulsierenden Lichtermeer vor, als ich mir einen Weg durch die Gassen bahnte. Und da, irgendwo mitten im Gewühl, sah ich sie dann wieder. Sie lief mir entgegen, alleine. Als unsere Augen sich trafen, war alles Weitere vorbestimmt. Da gab es keine Fragen, kein Zögern, keine Zweifel. Der gleiche Blick, die gleichen geröteten Augen. Zu zweit alleine in diesem ungreifbaren Wahnsinn. Sie ergriff meine Hand und führte mich. In einem kleinen Garten, weg vom Trubel des Festes, blieben wir stehen. Sie war herrlich schön, als sie sich umdrehte. Sie trug ein leichtes Kleid mit Trägern, die sie sich von den Schultern streifte. Ihr Körper glänzte im Mondlicht, als wir uns küssten. Ich drückte sie fest an mich und spürte ihre Brüste an mir, griff danach, beugte mich runter und küsste sie. Sie seufzte leise auf. Dann ging ich auf die Knie und vergrub mein Gesicht in dem kleinen Busch, bis sie ihre Hände fest in meine Haare krallte und erzitterte. Es war wundervoll. Dann übernahm sie die Führung, half mir beim Entkleiden, half mir mit dem Kondom und drückte mich runter auf das noch warme Gras. Als sie ihn sich einführte, verloren wir uns in dem Genuss. Es war heiß, eng, feucht, atemlos, süß, wunderbar, schmerzhaft, niemals endend, zeitlos, dann plötzlich endend, alles erfüllend. Mein Kopf klebte an ihrer Brust, die Hände ruhten auf ihrem nassen Rücken. Wir verharrten, wussten dass die unvermeidliche Trennung eine Trennung für immer sein würde. Lange saßen wir so da und bewegten uns nicht, genossen die Wärme und Nähe. Dann wurde ich wieder hart. Sie spürte es und kicherte leise. Wir begannen wieder, ließen keine Trennung zu. Wie lange es so ging, wie lange wir einander liebten, das kann ich nicht sagen. Zeit war in diesen wundervollen Stunden nicht von Bedeutung.

Irgendwann dann das wortlose Voneinandergleiten. Wir zogen uns an, alles klebte und war schrecklich kalt am Körper. Ich sah zu ihr. Sie schwieg, lächelte und winkte zum Abschied. Ich sah nicht mehr zurück. So war es gut, so war alles gut. Wir waren gemeinsam ein Teil dieses Freudenfestes geworden und die Sterne über uns schienen heller zu leuchten. Im Gasthof angekommen, grüßte mich die Besitzerin mit einem verstehenden Nicken. Sie schlief stets in der Lobby in einem großen Sessel, in Zwielicht getaucht von einer gedimmten Stehlampe. Dort ruhte sie. Bei einem Geräusch wachte sie jedoch sofort auf und sah, wer heimkehrte und wer sie verließ. Sie und ihre Bar waren da für all jene, die nachts Licht brauchten. Die an Schlaflosigkeit litten, an Fragen, oder beidem. Es gab keine Uhr in diesem großen Raum, der einen ganz eigenen Charakter besaß. An den Wänden hingen überall Bilder mit Fotos und Autogrammen von Prominenten aus einer anderen Zeit, die einst hier eingekehrt waren. Tagsüber fragten immer wieder Gäste nach der Zeit, nachts, wenn es still und das Summen des Kühlschrankes an der Bar das einzige Geräusch im Raum war, fragte nie jemand danach. Ich ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Bier mit auf mein Zimmer. In dieser Nacht trank ich keinen Schluck. Ich schlief nur. Am nächsten Tag waren sie und ihre Familie nicht mehr da.

Jahre später erfuhr ich, dass irgendein Journalist über das Fest geschrieben hatte; vielleicht war es derjenige gewesen, den ich an jenen Tagen zu sehen bekam, und dass nach diesem Artikel eine Unmenge von Touristen in die kleine Stadt geschwärmt war und das Fest seines einzigartigen Charakters beraubt hatte. Sie verstanden den Sinn und die Energien nicht, wurden kein Teil davon. Sie standen nur da, starrten und urteilten, anstatt sich treiben zu lassen, völlig hinzugeben. Ich kehrte nie mehr dorthin zurück. Meine Erinnerungen an diese Tage sind wundervoll und genau so sollen sie auch bleiben.

 

 

 

 

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