Es fliegt die Zeit

Der Schotterpfad führte entlang der Apfelbaumplantage vom alten Mutschke den Hügel hinunter und mündete dort in den Riegenweg. Schon von zu Hause konnte Dietmar den Schein der Lichter sehen, die Musik gedämpft hören, das Popcorn riechen. Nachdem er drei Mark von seinen Großeltern erbettelt hatte, sprang er den Schotter hinab, eilte durch den Riegenweg, bis hin zu der großen Wiese, auf welcher die Zelte, die Wagen, die Tierkäfige, der Aufzug und das Karussel aufgebaut waren. Erster Stopp, der „Aufzug“. Eigentlich nur eine übergroße Fahnenstange, an der man Kinder in einen Ledergurt schnallte und an einem Seil in die Höhe zog. Aber Dietmar liebte es. Zehn Pfennig kostete eine Fahrt. Von dort oben konnte man über das gesamte Dorf blicken. Die Höhe machte Dietmar nichts aus, vielmehr war er schon seit er klein war furchtlos und elegant wie eine Katze auf Dächern, Mauern und Bäumen geklettert, woran nicht jeder im Dorf Gefallen gefunden hatte. Eggenhauer Senior, der olle Motzkopf, hatte sogar mal damit gedroht, ihn mit der Jägerflinte abzuknallen, weil er auf dessen Kamin gesessen und ein Vesperbrot verspeist hatte.

Der Zirkus besaß einen ganz eigenen Geruch. Ein Gemisch aus Popcorn, Tiermist, Sägespänen, aufgeheiztem Kunststoff und Zauberei. Veredelt wurde diese Geruchskomposition durch fröhliche Dudelmusik in Dauerschleife aus Lautsprechern und viele, viele bunt blinkende Lichter. Es war wirklich wundervoll. All die anderen Dorfkinder waren auch da und gemeinsam staunten sie über die gefährlichen Kunststücke der Akrobaten, die Dompteure, die Freakshow. Da gab es Black-Jack, den schwarzen Zwerg mit den geschärften Zähnen, Helandria die bärtige Lady und natürlich Oggo den Starken, der auf seinem Kinn eine Stange balancieren konnte, an deren Enden jeweils eine schöne Frau in einer Stoffschlaufe hing. Spannend waren auch die großen Raubkatzen. Tiger, Leoparden, Panther und Löwen. Alle eingesperrt in große, mit Stroh eingestreuten Stahlkäfige. Wenn eine von ihnen brüllte, so spürte man den mächtigen Bass tief im Körperinneren. Der Zirkus führte auch noch andere Tiere mit sich, wie etwa Elefanten, Esel, Pferde und Ziegen, aber die Raubkatzen mochte Dietmar immer am meisten. Und dann war da noch Anne. Anne gab Dietmar an diesem Abend hinter einer Schießbude den ersten Kuss seines Lebens. Kein guter Kuss, aber ein Kuss eben. Anne, die nach Zimt roch und immer leichte Sandalen trug, selbst im Winter, da ihre Familie arm war. Das alles war der Zirkus für Dietmar gewesen.

Viel veränderte sich in den kommenden Jahren. Dietmar zog aus, nach Karlsruhe, wo er eine gute Arbeitsstelle und eine günstige Wohnung fand, die er kaufte. Er traf dort Linda, trennte sich von ihr, kam wieder mit ihr zusammen. Seine Großeltern starben und Sarah und Maren wurden geboren. Die Apfelbaumplantage vom alten Mutschke trug weiterhin jedes Jahr Früchte, während aus den Kartoffelfeldern am Dorfrand ein Neubaugebiet erwuchs und Anne heiratete. Die Kirchturmglocke klang immer noch gleich, der Verkehr ganz anders.

Heute war Dietmar zu Besuch bei seinen Eltern und wurde nostalgisch, als er mit ihnen und ihrem Schäferhund Bolle durch den Ort, der sich zu einem kleinen Städtchen mit knapp 3000 Einwohnern entwickelt hatte, spazierte. Dabei kamen sie auf dem Rückweg an der ehemaligen Zirkuswiese vorbei. Da gab es aber kein Popcorn, keinen Tiermist, keine Sägespäne, keine leuchtenden Lichter und Kinderaugen, keinen Zauber mehr. Stattdessen ein großes Autohaus mit vorgelagertem, gepflastertem Ausstellungsplatz, auf dem überall Neu- und Gebrauchtwagen sauber geordnet in der Sonne rösteten.

Dietmar wusste schon länger, dass der Zirkus aufgelöst worden war. Zu wenige Zuschauer, zu teuer im Unterhalt mit all den neuen Gesetzen und Regeln, ganz zu schweigen von den zahlreichen Beschwerden und Anzeigen über die Haltungsbedingungen der Tiere. Waren es seine Kindheit oder die 70er, in denen Tierschutz und ähnliche Dinge noch kaum öffentliche Erwähnung fanden, gewesen, die dem Zirkus seinen speziellen Zauber verliehen hatten? Wohl beides irgendwie, jedenfalls war Dietmars Gefühlswelt im Taumel, als er auf das flimmernde Blechmeer blickte.

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