Die Kolonie

Die Kolonie T22 war in einem relativ frischen Meteoritenkrater errichtet worden und dadurch gut vor den Sandstürmen geschützt, die auf Marmur wüteten. Im Vergleich zu anderen Kolonialplaneten war Marmur ein recht angenehmes Stück Fels. Die Zusammensetzung der Atmosphäre nahm allmählich neukolpianische Werte an, wodurch man bereits einige Minuten mit Solanzügen im Freien verbringen konnte, ohne gleich zu ersticken oder gegrillt zu werden. Evolutionsgeschichtlich befand sich die einheimische Flora & Fauna noch in einem sehr frühen Stadium. In den Ozeanen gab es zwar bereits einige mehrzellige Organismen, aber die dominante Lebensform war ein Halobakterium. Jenes Bakterium nutzte einen auf Retinal basierenden Farbstoff, um Licht einzufangen, mit welchem es seine Stoffwechselvorgänge in Gang brachte. Da dieser Farbstoff alle Wellenlängen bis auf die kürzeren absorbierte, leuchteten die zwei Ozeane in allen möglichen Varianten von Violett. Dies war sogar aus dem All zu sehen, weswegen sich Marmur den Namen „Purple Planet“ eingefangen hatte. Die Neugeborenen waren die sechste Generation nach der Primärbesiedelung und wiesen daher bereits erste Adaptionsmerkmale auf. Eine Anpassung an die schweren Sandstürme war eine leichte Verhornung der Haut an den Extremitäten sowie dem Gesicht, wodurch diese Bereiche besser vor Abrieb, Austrocknung und anderen Verletzungen geschützt waren. Zum Erstaunen der Forscher wies ein vierjähriges Mädchen schon jetzt eine stärker ausgebildete Muskel- und Skelettstruktur auf. Eine Adaption an die erhöhte Schwerkraft auf Marmur. Die Evolutionsmedizin hatte im letzten Jahrhundert sehr große Fortschritte gemacht und erleichterte nun die Kolonialisierung von neuen Planeten erheblich. Andere bereits bekannte Adaptionen waren eine starke Rückbildung des menschlichen Fells auf einem Eisplaneten im G-Radiarsektor sowie eine verbessertes Sehen im Dunkeln auf Hlum, einem sehr lichtkargen Planeten im ComAv-Gürtel.

T22 schlief noch, als das erste Planetenbeben einsetzte. Schläuche und Leitungen brachen, weißer Dampf und farbige Flüssigkeiten traten überall in der Basis aus und im Südsektor verzog sich eine Schleuse dermaßen, dass der angrenzende Erholungsbereich für den gesamten Tag abgeriegelt werden musste. Alles schwankte gute zwei Minuten, bis auch der letzte Tiefschläfer aus seinem Pod wachgerüttelt worden war. Im Informationszentrum spuckten sogleich die Computer Ort, Tiefe und die Chance auf potentielle Nachbeben aus. Mit blechernen Stimmen trugen sie ihre Ergebnisse als kleine Tischhologramme vor. Während das Wartungsteam sich sofort mit ihren Robotern und Androiden an die Reparaturen machte, trafen per Spacecom Berichte von den Nachbarkolonien T19, T20 und T21 ein. Die Schäden wurden verglichen und die zur jeweiligen Reparatur notwendige Rohstoffe per Transportdrohnen versandt. Je nach Bodenbeschaffenheit waren manche Kolonien auf den Import bestimmter Rohstoffe angewiesen.

Zwei junge Geologinnen namens Mahani und Velia saßen gerade vor ihren Bildschirmen und werteten die erhaltenen Daten aus, als plötzlich auf Mahanis Monitor seltsame Werte in großer Rotschrift durch das Bild liefen.
„Das macht keinen Sinn“, flüsterte Mahani zu sich selbst und gähnte. Sie hatte die Statur einer Gewichtheberin. Dies kam daher, dass sie vor ihrem Schreibtischjob im Außeneinsatz tätig gewesen war. Um besser mit der erhöhten Schwerkraft im Freien fertig zu werden, hatte sie täglich hart trainieren müssen. Deswegen wirkte sie hier, neben all den schlaffen Wissenschaftlergestalten, so unglaublich fehl am Platz.
Velia sah Mahanis erstaunten Gesichtsausdruck und lehnte sich zu ihr rüber. Als sie nun ebenfalls den warnroten Datenstrom sah, runzelte sie die Stirn und kratzte sich am Kinn.
„Was ist denn da los? Spinnt der Sensor?“, fragte sie Mahani, welche nur mit den Schultern zuckte und ihr entgegnete:
„Ich weiß es nicht. Ist unwahrscheinlich…“, sie zögerte „…ich, keine Ahnung. Hol mal bitte den Alten rüber.“
Der Alte hieß mit richtigem Namen Con, war 34 und hatte sich aufgrund seiner frühgrauen Haarpracht diesen uncharmanten Spitznamen eingefangen. Er saß im Schneidersitz auf einem bequemen Stuhl in einer anderen Ecke des fünfeckigen Raumes, der vollgestellt war mit allerlei Computer- und Hologrammtechnologie. Nicht die neuesten Sachen aus der interstellaren Technikschmiede, aber die Geräte taten treu, wenn auch manchmal ziemlich langsam, ihren Dienst. Con starrte völlig verträumt auf drei große, nebeneinanderliegende Bildschirme, die voll waren mit kaleidoskopartigen Strukturen. Jene Gebilde, denen nur er allein fähig war einen Sinn beizumessen, waren die visualisierten Daten der letzten Warpeinheit eines Faltraumbeschleunigers. Ohne Faltraumbeschleunigung keine Lichtjahresreisen, ohne Lichtjahresreisen keinen Kontakt mit dem Rest des Universums. Velia legte ihm ihre Hand auf die Schulter, woraufhin er erschrak und fast vom Stuhl fiel. Sie liebte es ihn gelegentlich zu necken.
„Was ist?“, rief er genervt. Seine Lippen zuckten leicht, verrieten eine nervöse Erregtheit. Er hatte noch immer Gefühle für sie, dies konnte er nicht verstecken.
„Con, komm bitte mal mit. Wir haben da irgendetwas entdeckt und können es nicht einordnen. Vielleicht ist es nur ein Zahlendreher in der Skalarmatrix, aber wir wollen sichergehen, dass wir nichts übersehen“, sagte Velia.
Sie mochte ihn auch, aber weigerte sich es erneut mit ihm zu versuchen, bevor er es nicht geschafft hatte seinen Gefühlen einen klaren Ausdruck zu verleihen. Die Halbherzigkeit stieß sie ab.
Con seufzte: „Jetzt gleich?“
Velia sagte nichts, ihr fordernder Blick genügte.
„Ist ja gut, ich komme ja schon.“
Er schnalzte mit der Zunge. Die Bildschirme vor ihm wurden schwarz.
Velia schüttelte den Kopf: „Du immer mit deinen Spielereien.“
Con ignorierte den Spruch und trat hinter Mahani. Sein Gesicht verriet bereits, dass er schon zu dem selben Schluss wie seine beiden Kolleginnen gekommen war.
„Das macht absolut keinen Sinn“, rief er erstaunt.
Mahani drehte sich zu ihm um: „So weit waren wir auch schon.“
„Wenn die Zahlen stimmen, dann war das kein normales Beben. Die Wellenstruktur, die Intervalle, alles ist…ist…irgendwie unnatürlich.“
Er hatte ausgesprochen, was Velia und Mahani sich nicht getraut hatten zu sagen. Allen dreien stockte das Herz. Sie meldeten ihre Entdeckung umgehend dem Kommandozentrum. Nur wenige Minuten später stand der Chefgeologe von T22 neben ihnen und sah ebenfalls die seltsamen Werte.
„Dem müssen wir nachgehen“, sagte er mit ernster Miene.
Er zog aus einer Hosentasche seinen Unionsresponder und begann ein langes Telefonat mit seinen Vorgesetzten. Inzwischen hatte Mahani eine Messdrohne ausgesandt. Sie steuerte das kleinwagengroße Fluggefährt mit einem Vluxhelm, der auf ihrem Kopf wie eine erdzeitliche Taucherglocke saß. Mittlerweile hatten sich auch Leute aus anderen Sektionen der Kolonie im Informationszentrum eingefunden, welches noch nie so belebt wie an diesem Tag war. Con war sichtlich unwohl dabei und auch Velia fühlte sich irgendwie entblößt. Sonne Nummer 1 begann allmählich aufzugehen. Ihre schwachleuchtende Schwester würde sich erst in zwei Stunden über den Horizont erheben.

„Wir sind gerade dabei eine Tiefenmessung durchzuführen. Die ersten Kolonisten haben damals vor der Besiedelung des Planetens zwar eine durchgeführt, jedoch haben wir unsere während des Bebens gewonnenen Daten mit denen der Erstkolonisten abgeglichen und dort zahlreiche Abweichungen entdeckt, die wir uns nicht erklären können“, erklärte sie der unruhigen Versammlung. Solch eine Nachricht wollte niemand hören. Man konnte die Spannung im Raum fühlen. Gespannt sahen alle auf den Bildschirm, der die Drohne bei ihrer Arbeit zeigte. Mahani flog sie zu einer Vertiefung außerhalb des Meteorkraters in dem T22 lag. Nach einer erfolgreichen Landung drang sie dann mit einer dünnen, langen Bohrspitze tief in den feuchten Untergrund ein. Die letzten zwei Tage waren leichte Schauer über der Region niedergegangen. Ein weiteres Zeichen des Erfolgs des Terraformers.
„So, gleich ist es soweit. Ich wandle die Bohrdaten jetzt um und projiziere das Scanbild auf den Holotisch hinter Ihnen“, sagte Mahani. Alle drehten sich um. Als der Scan schließlich seinen Weg auf den grün erleuchteten Holotisch fand, wurden sämtliche Anwesenden kreidebleich. Niemand hatte dies erwartet. Ratlosigkeit stand auf den Gesichtern, man sah sich an, suchte nach Antworten, aber fand keine. Was alle so außer Fassung brachte, war ein circa zehn Kilometer unter ihnen liegender Hohlraum, der sich soweit spannte, wie die Drohne messen konnte.
„Überprüft das nochmal, ändert die Position. Nehmt eine andere Drohne, das kann nicht sein. Das geht nicht!“, brüllte ein stämmiger Nahrungsarbeiter. Kein Widerwort schlug ihm entgegen. Alle hofften, dass irgendetwas mit dem Gerät nicht stimmte. Aber auch die folgenden Ergebnisse mit anderen Messdrohnen waren ebenso erschütternd. Im Verlauf der nächsten Stunden verfiel T22 in helle Aufregung. Es wurden Berichte an die anderen Kolonien geschickt, die nun ebenfalls Messunternehmungen starteten.
„Wie können die das damals übersehen haben?“, sagte Velia fassungslos zu Con und Mahani, welche nur verloren mit den Schultern zuckten.
Die Planetenführung wurde verständigt, die um den Planeten kreisende Gravibasis alarmiert. Was genau diese Entdeckung bedeutete, darüber war man sich noch nicht im Klaren. Wenn die Kolonisten auf Marmur es gewusst hätten, so wären sie augenblicklich in ihre Gleiter gestiegen und per Raumfaltsprung in die nächste Galaxie geflohen.

Noch am Abend jenes schicksalhaften Tages gab es ein weiteres, noch schwereres Beben, das an manchen Kolonien ernsthafte Schäden hinterließ. Ein junger Ingenieur, der in der Nähe des Terraformers an einer Gasleitung schweißte, beobachtete noch während die Erde wackelte, wie unweit vor ihm die Erde in einem perfekt runden Trichter in sich zusammenfiel. Er hielt sein flammendes Schweißwerkzeug noch in der Hand, als einige große, dunkle Silhouetten der Erde entstiegen. Zitternd sah er dabei zu, wie es immer mehr und mehr wurden, bis er sie schon nicht mehr zählen konnte. Plötzlich ergriff ihn etwas blitzschnell von hinten und er spürte einen Stich im Nacken. Während er fühlte wie das Leben ihn verließ, nahm der Strom an Kreaturen aus dem Inneren des Planets nicht ab.

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5 Gedanken zu “Die Kolonie

      1. Immer gern geschehen.
        Ich finde die Idee gut, dass die Terraformer ordentlich „Scheiß“ gebaut haben 😉 Man sollte schon genau schauen, ob solch ein Ort besiedelbar ist.
        Klasse auch die Idee mit den Halobakterien.

        Gefällt 1 Person

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