Tick

„Du wirst sterben, sterben, sterben, jetzt gleich! Der Bus wird in einer Kurve umkippen und du wirst dabei sterben, weil du Idiot dir einen Fensterplatz gesucht hast und deswegen gleich den Abflug machst. Mit etwas Pech wirst du unter den Bus geraten und zu Brei zermatscht werden. Brei, Brei, Brei, Hirn und Blut, einerlei“, schwirrte es in seinem Kopf umher.
Schweiß überall. Ein Zucken nistete sich in seiner linken Mundecke ein. Nervös rieb er mit seinen Händen auf den Oberschenkeln herum. Er versuchte die Kontrolle zu behalten, irgendwie ruhig zu bleiben. Ampelrot, kurze Ruhe.
„Mach deine Atemübungen, nichts wird dir geschehen. Denk daran, was der Doktor gesagt hat. Atmen, tief in dich gehen“, beruhigte er sich.
Draußen fuhr der Feierabendverkehr wieder an, Metalllawine im Sommerdunst.
„Geh weg vom Fenster, schnell weg“, schrie die andere Stimme ein weiteres Mal.
Er stand ruckartig auf und schlug sich dabei hart den Kopf an der niedrigen Decke an. Alles schien enger zu werden. Von seiner Panik in Eile versetzt, zwängte er sich ziemlich grob an seiner Sitznachbarin in den Mittelgang vorbei. Sie fluchte. Alle starrten ihn an. Er fühlte, wie sie ihn durchbohrten.
Sein Tick ließ nicht locker: „Wenn der Bus jetzt bremst, fliegst du nach vorne, geradewegs durch die Frontscheibe. Schnell, raus hier, raus, raus, raus, sonst kommt der Tod ins Haus!“
Seine Brust machte zu. Mit jedem Atemzug musste er gegen einen schweren Druck kämpfen. Dank glitschigen Händen hangelte er sich tollpatschig mit Hilfe des Haltegeländers in die Mitte des Busses, wo eine Frau mit Kinderwagen ihn ansah, als ob er ihr Kind gefressen hätte.

An der nächsten Haltestelle verließ er den Todesbus und bewältigte den Rest seines Weges zu Fuß, abseits der Straße an den stoppeligen Feldern entlang, weil ja ein unachtsamer Fahrer – „Smartphone oder Alkohol, oder sogar beides, bleib da bloß weg!“ – ihn hätte erfassen können.

Er war es so leid.

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2 Gedanken zu “Tick

  1. Mag deine Geschichten. Allerdings habe ich mich zu den längeren noch nicht durch gerungen. Anspruchsvoll: solche Textlängen in einem Blog und statt eines „Gefällt mir“ Button nur Kommentare einfordern. Denk vielleicht noch mal drüber nach?

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