Der wahre Grund für den Ausbruch des dritten Weltkriegs

Herr Bronkweiler war außer sich. Das Papier, welches den Weg auf seinen Schreibtisch gefunden hatte, entsprach überhaupt nicht den Vorschriften. Es war schlampig in der Rechtschreibung gehalten und an zwei Stellen des gerade einmal fünfhundertdreiundzwanzig Seiten umfassenden Antrages fehlten Unterschrift und Datum. Mit der Erzürnung eines pflichtbewussten Vollblutbeamten, machte er einen Termin mit seiner Vorgesetzen Frau Kamutschke per Telefon aus. Die folgenden zwei Wochen saß er ungeduldig auf seinem Bürostuhl und studierte immer wieder das ihm vorgelegte Schreiben. Er war erstaunt über den Hektik vermuten lassenden Dilettantismus, der hier ganz untypisch für seine Behörde an den Tag gelegt worden war.

Bei tieferdringender Lektüre fand er außerdem zahlreiche Schwächen in der Grammatik sowie Ungereimtheiten in der antragseigenen Legislaturklausel, die Hintertüren für eventuelle Missbräuche offen ließ. Als er schließlich an einem Freitagmittag um 13:30, also eine halbe Stunde vor Dienstschluss, in Frau Kamutschkes Büro gerufen wurde, stieß er mit einer vor Stolz wie ein Hahn erhobenen Brust die milchige Glastür auf. Seine Chefin saß gelassen in ihrem fünffüßigen Drehstuhl und genoss einen letzten Kaffee vor dem Wochenende.
„Guten Tag Herr Bronkweiler. Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sich Frau Kamutschke höflich, die ihren bebrillten Blick mehr auf die Uhr an der Wand, als auf ihren Mitarbeiter richtete.
„Ebenfalls einen guten Tag Frau Kamutschke“, sagte er und hielt den unzureichenden Antrag mit beiden Armen vor der Brust umklammert, wie es die Kinder früher mit ihren Schultüten getan hatten.
„Ich habe Ihnen leider zu melden, dass ich diesen A-A-A (Atombombenablehnungsantrag) leider in seiner jetzigen Fassung so nicht absegnen kann.“
Frau Kamutschke, die damit überhaupt nicht gerechnet hatte, wurde kreidebleich.
„He..Herr Bronkweiler“, stammelte sie „ich dachte, dass Sie diesen Antrag schon längst weitergereicht hätten. Hier geht es nicht um die Einhaltung irgendwelcher Vorschriften oder Prinzipien, wir…“
Er unterbrach sie abrupt.
„Wie bitte? Was sind wir denn ohne Regeln und Vorschriften Frau Kamutschke? Wohl nur aufrecht gehende Affen mit etwas mehr Kultur, wobei selbst dies angesichts der jüngsten Ereignisse wieder einmal in Frage gestellt werden kann. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber ich habe Ihnen hier…“, er legte der fassungslosen Dame den Antrag auf den Schreibtisch und zog unter dem Papierstapel, der breiter als ein Telefonbuch war, einen braunen Umschlag hervor
„…eine Liste mit allen von mir entdeckten Beanstandungen dieses A-A-As. Sie werden feststellen, dass es genau zweiundsechzig Punkte gibt, die dagegensprechen, dass ich diesen Antrag genehmigen und weiterleiten kann.“
„Hören Sie auf mit Ihrem Beamtisch Herr Bronkweiler! Was haben Sie sich dabei bloß gedacht?“, rief sie. Erste Schweißperlen zeigten sich auf ihrem Gesicht.
„Frau Kamutschke, ich muss Sie mit äußerster Dringlichkeit auf ihre guten Manieren sowie Paragraph 9-4-9-15-20 der Firlefanzienabstraktur verweisen, die besagt, dass selbst A-A-As nicht genehmigt werden können, sofern sie den gängigen und geltenden Regelungen unserer Behörde nicht entsprechen, was hier leider der Fall ist.“
Frau Kamutschke wurde ungehalten und brüllte:
„Bronkweiler, seien Sie kein Sturkopf. Es geht hier um die nationale, nein, die internationale Sicherheit!“
„Vorschriften sind Vorschriften, Frau Kamutschke. Ich will mich schließlich später nicht irgendwelchen Anschuldigungen wegen einer fahrlässigen Handhabung solch eines wichtigen Antrages ausgesetzt sehen.“
Frau Kamutschke hatte genug gehört. Sie griff zum Telefon und wählte eine kurze Nummer. Zehn Minuten später standen fünf bullige Typen, ganz einheitlich in schwarzen Anzügen, in ihrem Büro und führten den lautstark dagegen protestierenden Herrn Bronkweiler ab.

Dieser hatte jedoch bereits mit solch einem regelwidrigen Verhalten gerechnet und die schicksalslastige Nichtgenehmigung des A-A-As Nr. 42 schon vor ein paar Tagen an das zuständige militärische Amt weitergegeben. Der dadurch unverhindert gelassene Einsatz einer Atombombe vom Typ B65, welche weltweit als die „Bronky“ in die Geschichte einging, zog in seinen Folgen den Ausbruch des dritten Weltkriegs nach sich.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Der wahre Grund für den Ausbruch des dritten Weltkriegs

  1. Eine sehr treffende Umsetzung zum Thema. Ein klassischer Fall von pedantischem „Schreibtischtäter“. Wer weiß, ob der realitätsnahe Anspruch an diesen Text nicht doch eines Tages auf die Probe gestellt wird? (Womöglich hat sich die Wahrscheinlichkeit schon deutlich erhöht, seit derjenige Mensch, der ständigen Zugriff auf das weltweit größte Atomarsenal hat, ein Medien magnetisierender, wütender Querulant geworden ist.)
    Diese Szenarien sind tatsächlich eines meiner Lieblingsthemen! Meine bisher meist bearbeitete Kurzgeschichte dreht sich auch um eine solche schwerwiegende Entscheidung. Sie ist unter dem Namen „Verangstwortung“ auf meiner Seite zu finden, sollte ich jetzt dein Interesse geweckt haben. Es würde mich sogar freuen, wenn du sie dir mal ansehen würdest.
    (Vielleicht bietet der aktuelle US Präsident ja eine gute Vorlage für eine weitere Geschichte zum Thema katastrohpale Fehler…)

    Gefällt 1 Person

    1. Trump interessiert mich nicht wirklich, da ich davon überzeugt bin, dass Hillary Clinton eine noch schlechtere Präsidentin gegeben hätte. Meine Hoffnung ist, dass Trumps Präsidentschaft ein Umdenken in Gang setzt und die Demokraten wieder auf einen richtigen Weg führen wird. Die ganze Eskalationsrhetorik müdet mich leider eher an, da viel nur Schlagszeilengeilheit und Clickbaiting ist.

      Freut mich, dass dir der Text, dem ich etwas loriothaftes geben wollte, gefallen hat :). Selbst solche Ereignisse müssen humorisiert werden, so meine Meinung. Deine Kurzgeschichte werde ich mir heute Mittag zu Gemüte führen und kommentieren, jetzt fehlt mir die Konzentration ^^

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.