Die schwarze Schlucht (Teil 1/3)

Der Besitzer des Cafés erinnerte mich seiner Kopf- und Gesichtsbehaarung wegen an den Räuber Hotzenplotz aus Ottfried Preußlers Kinderbüchern. Diese französische Kopie hatte die Angewohnheit alle paar Minuten Kautabak in den leeren Blumenkübel neben der Eingangstür zu spucken. Sein Kaffee war vorzüglich, würzig und stark, dazu reichte er  knopfgroße Mandelkekse. Zwei Mountainbiker saßen am Tisch neben der Tür und brüteten über einer Landkarte, aßen Weißbrote mit Schinken und Käse und tranken dunklen Rotwein dazu. Als sie aufstanden und gingen, fegte ein Kellner mit dem Handrücken die Überbleibsel vom Tisch und trat nach den Tauben, welche sogleich herbeiflogen waren, um die Reste aufzupicken. Ein Regen begann einzusetzen und schnell wurden in hektischer Zusammenarbeit Sonnenschirme aufgespannt, so dass nur wenige Tropfen den Stoff meines blauen Leinenhemds verdunkelten. Am runden, gerippten Holztisch zu meiner Linken saß ein älterer Herr im beigen Cordanzug und zuckerte den Schaum seines Milchkaffees, den er dann vorsichtig mit einem Löffel abtrug und verzehrte. So tat er es auch mit der nächsten Schaumschicht und der darauffolgenden. Der Mann machte einen sehr enttäuschten Eindruck, als er schließlich allen Milchschaum abgetragen und den Kaffee erreicht hatte, welchen er mit einem großen Schluck austrank.

Die Straße dampfte und auf dem geländerumrahmten Balkon des Hauses schräg gegenüber fluchte eine Frau wüst auf Französisch, weil sie ihre Wäsche, die auf einem Draht wie eine Fastnachtsgirlande über die Straße gespannt war, im Regen vergessen hatte. Gut versorgt und in Gedanken bei einer weiblichen Bekanntschaft, saß ich das schöne Gebrause aus und ging danach in mein Hotel. Dort überfraß ich mich dann in einem Schwung der Gier am reichhaltigen Mittagsbuffet. Anschließend blieb mir die Wahl zwischen stundenlangem Rumliegen und vor dem Laptop in Serien zu versumpfen oder irgendeiner Art der körperlichen Betüchtigung. Meistens zog ich ersteres vor, aber in diesem Fall forderten meine Füße Kilometer ein und ich schaffte es tatsächlich meinen trägen Leib ins Freie zu schaffen, das mich mit Sonne und Frische begrüßte. So wanderte ich mit einem Schirm, etwas Verpflegung in meinem Rucksack sowie einer Packung Nikotinkaugummis ausgestattet, los.

Alles glänzte silbern vor Nässe und die Luft war gesättigt mit dem scharfsüßen Duft des Waldes im Nordwesten. Efeu wucherte gierig an einer Hauswand empor und es wirkte so, als ob sich der mediterrane Bau mit den roten Tonziegeln darin zurückgezogen hatte. Nur eine weiße Antenne ragte trotzig aus dem grünen Gewühl heraus. Es war Donnerstag und ich hatte den Artikel für Montag bereits halbfertig, was eigentlich fertig bedeutete. Den Rest würde ich in der Sonntagnacht, aufgescheucht von Kaffee und den körpereigenen Panikdrogen, niederschreiben, mit etwas Glück vielleicht sogar rechtzeitig abschicken. Außer mir waren nur noch ein paar Rentner und Eltern mit Kinderwagen unterwegs. Teilweise schien die Sonne so gleißend auf Metall und Stein, dass ich mich blinzelnd vorantasten musste und einmal fast gegen einen olivengrünen Renault Twingo geprallt wäre. Abgesehen von dem blechernen Röhren eines Rollers, irgendwo verborgen in den Gassen, war es ruhig. Da zu eng für Autos, war der alte Kern des Städtchens – dessen Name ich in dieser Erzählung nicht nennen möchte und nicht nennen werde – ein entzeiteter Ort. Hier konnte ein ganzes Jahrhundert, ja vielleicht sogar zwei oder drei, vergehen und bis auf die Gesichter würde sonst wohl nichts einen Wandel durchmachen.
„Hier isch d´Welt noch in Ordnung!“, ging es mir mit der Stimme eines badischen Fensterrentners, jene halbsessile, vom Aussterben bedrohte Spezies, durch den Kopf. Ich schritt durch die Gassen und verließ den Ort durch einen großen Torbogen, der sich über zwei alte Bruchsteinhäuser spannte. Ein paar nasse Spatzen saßen auf den Dächern und stritten.

Ich hielt mich nördlich und lief nahe dem Ufer eines vom Regen stark angeschwollenen Flusses entlang. Vor mir in der Ferne versuchten dunkle Wolken die Spitze eines einsamen, weißverkronten Berges zu überwinden, was ihnen nicht gelang. Stattdessen teilten sie sich auf und glitten in sanften Wellen an dessen Flanken vorbei. Es waren vielleicht sogar dieselben Wolken, die sich eine Stunde zuvor über meinem Kopf abgeregnet hatten. Der Fluss sowie der geteerte Fahrrad- und Fußgängerweg führten durch eine ausgedehnte Wiesenlandschaft, in der vereinzelt Apfelbäume standen. Das Gras war struppig und kniehoch, durchsetzt von Moos und anderem zähen Gewächs, das sich einen Platz erkämpft hatte. Die Natur nagte an den Seitenrändern des Weges, neben dem jemand an einer Stelle Müll, vermutlich illegal, abgeladen hatte. Schwarze, zerbrochene Ziegel, Teerpappe, Blech, Balken und grau angelaufene Bretter glühten in der schwülen Luft. Ich lief daran vorbei und fühlte allmählich, wie der Druck auf meinem Gedärm nachließ. Auch die damit verbundene Trägheit der Sinne verschwand wieder. Schließlich gelangte ich zu einer Gabelung. Der von der steil stehenden Sonne golden erleuchtete Teer schlang sich rechts weiter und ich konnte eine Holzbrücke sehen, die über den Fluss führte. Zu meiner Linken versprach ein überwachsener Schotterpfad leichte Steigung sowie einen Besuch der hügeligen Wälder im Nordwesten. Nach all dem Stadttrubel der letzten Monate war mir jetzt nach Abenteuer und Natur, Grün und der völligen Absenz von Menschen, weshalb ich mich links hielt. Irgendwie, es ist mir im Nachhinein unbegreiflich, übersah, ignorierte oder blendete ich ein großes Schild aus, welches im Gras neben dem Pfad gestanden und den Zutritt für Unbefugte untersagt hatte. Ja, in meiner völligen geistigen Abwesenheit kletterte ich sogar kurze Zeit später über einen rostgeplagten, hohen Metallzaun, an dem weitere große, gelbe Schilder mit: Privateigentum, kein Zutritt für Unbefugte! – befestigt waren. Irgendetwas trieb mich dennoch in diese Richtung, ließ mich diese Hindernisse überwinden, keinen Zweifel an der Richtigkeit meiner Unternehmung empfinden, irgendetwas. Jetzt, hier in meiner stillen Kammer, rauschen mir die Details jenes Tages, inklusive aller Gefühle, in erstaunlicher Klarheit durch den Kopf…was mich erzittern lässt, denn damals verschwammen in wenigen Minuten Realität und Fantasie, Wissenschaft und das Übernatürliche, zu etwas Neuem, was mich nie mehr loslassen und bis zu meinem Tod beschäftigen wird.

Matsch klebte an meinen Trekkingschuhen und bei jedem Schritt war ein Schlürfen zu hören. Aber je länger ich lief, desto felsiger wurde der Untergrund, desto dichter wurde der Bewuchs um und auf dem Weg, desto näher kam mir der Wald, bis ich schließlich von ihm verschluckt wurde. Ein leichter Nebeldunst waberte zwischen den Stämmen umher. An manchen schattigen Stellen blieb der Waldboden selbst in den Sommermonaten sehr feucht. Dort breiteten sich samtige Moosteppiche aus, denen Farne entwuchsen sowie irgendeine fleischige Pflanze, die mit großen, roten Dornen warnte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn dort hinter einem Baumstamm plötzlich die breit grinsende Cheshire Cat aus Alice im Wunderland hervorgesprungen wäre, oder mich ein beflügeltes Feenwesen am Ohr gezupft hätte. Ich genoss die Außerweltlichkeit dieses Ortes. Er war rein, urig, belebend, fast frei von allem Menschengemachten. Ich fühlte mich gleichzeitig fehl am Platz und genau in der Mitte aller Dinge.

Über mir wurde munter gezwitschert und durch die Baumkronen spielte der Wind, welcher Wolkenlämmer in den Norden trieb. Irgendwo bellten einige Hunde, wohl Streuner oder die Gefährten von Jägern, aber das Gebell war so fern, dass es mich nicht beunruhigte. Während das Licht wie Schwerter durch die Baumkronen drang, wurde der Weg immer schmaler und steiler, verwandelte sich in einen Trampelpfad, der an manchen Stellen von großen Steinen versperrt wurde, über die ich klettern musste. Außer den Waldtieren und mir schien sonst nichts und niemand mehr diesen Weg zu benutzen. Meine Waden und Oberschenkel brannten fürchterlich. Ich verfluchte meine Bewegungsunlust der vergangenen Monate, nein Jahre. Manch einer wäre jetzt wohl umgekehrt, hätte sich gedacht: „Wozu die ganze Quälerei?“, aber in mir loderte eine kindliche Entdeckerlust, die mich weiter vorantrieb. Schließlich lichtete sich der Wald vor mir etwas und die Spitze des Hügels entfaltete sich unter klarem Blau.

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Fortsetzung folgt

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