Die schwarze Schlucht (Teil 3/3)

Was ich in den nächsten Minuten mitansehen musste, bereitet mir bis heute fürchterliche Alpträume. Der Nebel war so dicht, dass ich ihn fast greifen konnte. Als ich die Brücke erneut betrat, überkam mich erneut ein Gefühl der Beklommenheit. Mit jedem Schritt schien ich an Kraft zu verlieren, als würde das Holz sie gierig aufsaugen. Ich wischte diese Gedanken weg und tastete mich voran. Zuerst war da nur der Nebel, welcher das Rauschen des Flusses fast verschluckt hatte. Nur ein müdes, dumpfes Brummen war davon übrig geblieben. Aber dann, als ich in etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte, sah ich Camilles Silhouette. Ein dunkler, verschwommener Schatten im Nebel. Ich trat näher an sie heran, rief sie, rief sie erneut, doch sie zeigte keinerlei Reaktion. Erst als ich direkt neben ihr stand und ihr Körper wieder klare Linien annahm, sah ich es. Ich erstarrte vor Schreck. Ein dickes Seil wickelte sich wie eine Schlange um ihren Hals und war zu einer Schlinge gebunden. Der Rest war am Brückengeländer befestigt.
Ich schrie noch: „Halt, nein! Lass uns darüber reden!“,
aber meine Worte erreichten sie schon nicht mehr. Schnell und ohne einen Moment des Zögerns stieg sie auf das Brückengeländer, breitete die Arme wie zwei Flügel aus und sprang. Ein sterbender Engel.

Das Seil straffte sich und ein widerliches Knacken übertönte für eine Sekunde das abgetönte Grollen des Flusses. Ich sprang an das Seil heran, ergriff es und betete, dass sie den tödlichen Sprung irgendwie überlebt hatte. Doch als ich daran zog, war da kein Gegengewicht, keine Camille. Das Seil glitt mir durch die Hände, bis ich die leere Schlinge in der Hand hielt. Keine Camille…keine Camille. Fassungslos starrte ich nach unten in das dichte Weiß, versuchte dem einen Sinn zu geben, als ich plötzlich ein lautes Knirschen hörte und spürte, wie der Boden unter meinen Füßen ein Stückchen nachgab. Ich brauchte einen Moment um die Situation zu begreifen, stand da wie festgefroren, doch dann rannte ich los. Miriam, Mama, Papa, Freunde, nicht jetzt, nicht hier, nicht ich. Ich hörte das Holz stöhnen und ächzen, sah, wie sich das Geländer vor mir langsam nach außen neigte. Die gesamte Brücke geriet in Schieflage, und ich mit ihr. Ich rannte, doch glitt schon nach wenigen Schritten aus und fiel hin, krallte mich in das Holz, dass einige meiner Fingernägel zerbrachen und bluteten, kämpfte mich weiter auf den Knien nach vorne, während um mich herum der ein tödlicher Tanz aus berstendem Holz und Beton aufgeführt wurde.

Ich schaffte es gerade noch den rettenden Grund zu erreichen, bevor die ganze Konstruktion mit einem Riesengetöse in die Tiefe stürzte. Fassungslos und zitternd am gesamten Körper starrte ich in den Abgrund, doch der Nebel war zu dicht, als dass ich irgendetwas hätte erkennen können und nur das gedämpfte Rauschen des Wassers war zu hören. Plötzlich vernahm ich ein anderes Geräusch. Ein Jammern, ein Weinen, eine Art Klagen – direkt hinter mir. Ich fuhr herum und da stand Camille, das Kleid zerfetzt, mit bleicher Haut und widerwärtig verrenkten Gliedern. Ihr linker Arm war mehrfach gebrochen, das Weiß der Knochen war zu sehen. Ihr Kiefer fehlte zur Hälfte, wodurch gelbe Zähne sowie faules Fleisch sichtbar wurden und mein Magen sich augenblicklich verkrampfte. Ihr angenehmer Geruch, jene Milde und Süße, waren völlig verschwunden, stattdessen nahmen mir Fäulnis und Verderben die Sinne. Dort wo eigentlich ihre Augen hätten sein sollen, waren zwei schwarze Höhlen. Mir blieb die Luft weg. Der Nebel schien mich ersticken zu wollen. Plötzlich schrie sie, reckte die Arme nach vorne und kam auf mich zu.

Ich rannte davon. Rannte und rannte und rannte und rannte, alle Schmerzen und Erschöpfung vergessend, flog im ausklingenden Sonnenlicht über Wald und Wiesen hinweg, bis ich irgendwann völlig erledigt an eine brüchige Häuserwand des kleinen Städtchens fiel und mich erbrach, bis nur noch zäher gelber Schleim den Boden besudelte. Ein älterer Mann, der gerade die Straße mit einem Strohbesen reinfegte, war sichtlich erschrocken, als ich panisch an ihn herantrat und ihm von meinem Erlebnis in zusammengestammelten Worten berichtete. Auf sein Gesicht legte sich ein tiefer Schatten, als er hörte, wo ich mich herumgetrieben hatte. Er ging mit dem Besen auf mich los, beschimpfte und verscheuchte mich. Ich war irritiert, stolperte zu den nächsten Menschen, zu ein paar Einheimischen, die vor ihrem Haus an einem Tisch Karten spielten, doch auch diese waren mir nicht zugeneigt. Als ich den Wald, die Brücke und das Mädchen erwähnte, loderte ein Feuer in ihren Augen auf und sie jagten mich durch die Gassen, warfen mit Bierflaschen nach mir. Ich rannte zurück in mein Hotel, total verschwitzt und verwirrt, wo mich der Portier mit besorgter Miene begrüßte und die Augenbrauen hob, als er mein jämmerliches Erscheinungsbild genauer bemaß. Doch auch von ihm prallte ich ab, wie von einer Wand. Kein Wort des Mitgefühls, nur kalte Verachtung im Blick. Mit eiskalter, gespielter Höflichkeit übergab er mir den Zimmerschlüssel und wünschte mir eine angenehme Nacht.

Damals verstand ich dies alles nicht und schloss mich für zwei Tage auf meinem Zimmer ein, fürchtete mich vor den Menschen draußen, bevor ich abreiste und nie mehr wiederkehrte. Es brauchte eine lange Zeit, um dieses Erlebnis zu verarbeiten. War das alles nur ein schrecklicher Alptraum gewesen? Hatte ich etwas an diesem Tag etwas Übles geraucht oder eingeworfen und für ein paar Stunden völlig den Bezug zur Realität, zum Jetzt und Hier verloren? So viele Fragen und Zweifel schossen mir im Hirn herum, blockierten mich so sehr, dass ich irgendwann alle Ereignisse dieser zwei Wochen in einen gedanklichen Tresor packte, diesen abschloss und den Schlüssel im Anschluss dessen fortwarf.

Was mich dazu bewegt hat diese Worte zu schreiben, meine Erinnerungen aus ihrer sicheren Verwahrung hervorzukramen, die mir viele Jahre gute Dienste geleistet hat, war ein Artikel, der vor wenigen Tagen in einem Magazin meine Aufmerksamkeit erregte. Ein Sohn jenes Städtchens, ein Steinbildhauer, wurde mit einem gut dotierten Preis ausgezeichnet, weil er anscheinend imstande war mit seinen Figuren aus Granit und pentelischem Marmor die Moderne und die Antike zu einem runden Ganzen zusammenzuhauen. Dieses dünne Stück Papier wirbelte alles in mir durcheinander, riss den Tresor auf, schwemmte die Vergangenheit wieder gnadenlos in mein Bewusstsein. Ich entschloss mich dazu, mich meinen Erinnerungen zu stellen, anstatt sie zu verdrängen. Sogleich begann ich zu recherchieren, versuchte irgendeine Erklärung für das Geschehene zu finden. Nach über einem halben Jahr in Bibliotheken, wurde ich schließlich fündig. Folgendes fand ich heraus:

Im zweiten Weltkrieg war jenes französische Städtchen ein Dorf mit etwa zweihundert Seelen gewesen, das 1940 von deutschen Wehrmachtstruppen besetzt und bis 1944 gehalten worden war. In dieser Zeit geschahen viele Übel und nach dem Abzug der Deutschen hatte sich eine Tragödie ereignet, die bis heute vertuscht wird. All jene, die mit den Deutschen sympathisiert hatten, waren an einem regnerischen Sommertag von Anhängern der Résistance und einem Mob von zornigen Einheimischen wie Vieh zusammengetrieben worden. Im Anschluss ließ man an den Beschuldigten den über Jahre angestauten Frust, das Leid, den Hass aus. Die Männer wurden zusammengeprügelt oder direkt erschossen, den Frauen wurden in sehr grober Weise die Haare mit Scheren abgeschnitten. Die Übriggebliebenen lud man auf einige Pferdewagen. Dann zog die aufgepeitschte Versammlung in einer großen Prozession zur „Gorge noir“ (was übersetzt schwarze Schlucht bedeutet), los. Dort angelangt, erhängten sie einen nach dem anderen, indem sie die Leute mit Seilen um den Hals vom Brückengeländer stießen. Viele zappelten noch eine Weile im Todeskampf, da die Schlingen oft schlampig angelegt worden waren, doch am Ende erschlafften alle Leiber. Die letzte an der Reihe war eine junge Frau in einem weißen Kleid. Als sie von der Brücke gestoßen wurde, da brach auch ihr Genick nicht sofort. Im Gegensatz zu den anderen, um die Sache zu beschleunigen, zog man sie noch einmal nach oben und warf sie erneut in die Tiefe. Beim zweiten Mal, genau in dem Moment, als das Seil sich spannte, da krachte und knackte es laut im Gebälk, der in die Jahre gekommenen Brücke. Einem tragenden Balken waren die erregte Menschenversammlung sowie die Pferde samt ihrer Wagen zu viel geworden. Er splitterte und gab nach, wodurch eine verheerende Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde.

So brach die Brücke unter einem gewaltigen Lärm zusammen, wobei Mensch und Tier gleichermaßen in die tobende Tiefe gerissen wurden, welche sie alle gierig verschlang. Der Fluss verstreute die Leichen und Trümmer überall an seinem Ufer. Die ersten Toten, schrecklich entstellt und verkrümmt von ihrem gewaltsamen Ende, trieben bereits durch das Dorf, als zwei Überlebende von den Bergen angerannt kamen, um die schreckliche Nachricht zu überbringen. Sie hatten beim Einsturz am Rand der Brücke gestanden und sich dadurch retten können. Atemlos und mit entsetzten Gesichtern berichteten sie den Leuten von dem Unheil, welches das Dorf in einen schweren Schockzustand versetzte. Man erklärte das Geschehene für ein böses Omen, den Zorn Gottes, und versperrte alle Wege, die zu dem Unglücksort führten. Nie wieder wurde darüber gesprochen und nie wieder sollte darüber gesprochen werden. Die Trauer und die Schande saßen unheilbar tief. Die Menschen hielten eisern ihr Schweigen und so hätten die Jahrzehnte die Ereignisse jenes Schicksalstages wohl begraben, wenn nicht ich in träumerischer Kopflosigkeit zur Schlucht gewandert wäre und außerdem ein reisender Händler, der am Tag der großen Tragödie auf dem Dorfplatz seine Waren verkauft und die Ausführung der beiden Überlebenden gehört hatte, dies alles wortgetreu in seinem Tagebuch festgehalten hätte.

Jetzt, hier in meinem stillen Zimmer, nachdem all dies aufgeschrieben ist, bin ich mir nicht mehr sicher, woran ich glauben kann und soll. Eines, ja eines steht aber für mich fest. Ich werde nie wieder dorthin zurückkehren. Sollte jemals jemand diese Worte lesen, so rate ich dem- oder derjenigen mit all meinem Herzblut davon ab, selbst Nachforschungen in dieser Sache anzustellen. Ich habe dies alles nur aufgeschrieben, um meine Erlebnisse zu verarbeiten, um irgendwie damit fertig zu werden.

 

 

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