Scherbensturm

„Bitte beschreiben, oder versuchen Sie zumindest, mir Ihre Visionen noch einmal genauer zu beschreiben. Was sehen Sie? Was fühlen Sie?“, sagte Dr. Heck und tippte mit der Spitze seines rechten Zeigefingers dreimal rhythmisch auf die Lehne des schwarzen, gepolsterten Lehnstuhles. Einmal langsam, zweimal schnell. Tok-toktok, Tok-toktok.  Marc hasste dieses Geräusch. Tok-toktok, Tok-toktok. Er schloss die Augen, ließ sich fallen und redete los:

„Wenn…wenn es losgeht“, begann er „stehe ich plötzlich auf der Straße. Sie wissen schon, DIE Straße, diese verdammte Straße durch das Waldstück in meiner Nähe.“
Dr. Heck sagte nichts und ließ Marc weitererzählen.
„Erst ist es still, aber dann, zack, wie mit einem Fingerschnipps, faucht mir ein fürchterlicher Sturm, der Sturm aller Stürme entgegen. Nur führt er keinen Regen mit sich, nein, sondern Scherben. Unendlich viele Scherben schlagen mir entgegen, schneiden mich, zerfetzen mich und meine Kleidung, bis ich völlig nackt bin, schutzlos. Überall werde ich geschnitten, kann es nicht verhindern. Die Farben der Welt verändern sich rasch, kippen, bis nur noch blutiges Rot und Schwarz mich umgeben. Die Sonne stirbt und der Mond nimmt ihren Platz ein, blutrot, schwer, zu schwer. Manchmal macht er es erst später, manchmal sobald ich ihn erblicke, aber jedes Mal kracht er vom Himmel herunter, direkt vor mir auf die Straße und rollt dann durch den Sturm schnell auf mich zu, will mich zermalmen. Ich drehe mich um und versuche wegzurennen, umpeitscht von diesem Höllengetöse, renne bis meine Lungen fast platzen, aber der Mond ist immer schneller als ich. Ich sehe seinen Schatten über mir, dann wird alles schwarz.“

Während Marcs Erzählung sah Dr. Heck, wie sein Patient sich verkrampfte. Dieser grub seine Hände in das Polster der Couch, bis einige Adern an den Händen und Armen deutlich hervortraten und ihm Schweißperlen von der Stirn in die Augenbrauen rannen. Der gesamte Körper war in höchster Erregung und immer wieder zuckte irgendein Körperteil ruckartig zusammen. Die Augen, der Mund, eine Hand, ein Fuß. Sein Patient litt auch jetzt. Kein Simulant.

„Wenn ich dann wieder die Augen aufmache, liege ich auf dem Bauch, immer noch nackt, und kann mich nicht bewegen. Um mich herum ist es dunkel, aber nicht mehr so dunkel wie zuvor, denn der Mond hängt wieder im Himmel und ist zum Glück nicht mehr blutrot, sondern schneeweiß. Der Rest der Welt hat sich auch verändert. Keine Straße mehr, keine Bäume, nein, stattdessen liege ich in einer flachen, endlosen Landschaft aus Asche. Ich kann es riechen und fühlen, der verbrannte Geruch, Knochen unter dem staubigen Grau. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Dann höre ich ein ohrenbetäubendes Krachen, der Aufprall, und der Wahnsinn beginnt dann von neuem. Überall steigt aus der Erde ein feiner Nebel, der sich als dünne Schicht auf sie legt und bedeckt, bis zum Horizont und darüber hinaus, nur mich nicht. Ich bin eine kleine Insel in diesem Nebelmeer. Ein zitternder, schwarzer Punkt im endlosen Weiß. Schließlich ist es vollendet und der Nebel perfekt. Dichter und weißer könnte kein Nebel der Welt sein. Ich liege da, zur Untätigkeit verbannt, das Grauen erwartend, welches sich mit den schrecklichen Schmerzensschreien meiner Frau und meiner Tochter ankündigt. Ich höre die beiden direkt hinter mir, versuche mit all meiner Kraft mich loszureißen, will ihnen helfen, aber es geht nicht. Die Schreie verstummen so plötzlich, wie sie begonnen haben. Es geht weiter.

Vor mir sehe ich dann, wie ein kleiner, dünner Arm lautlos aus dem Nebel auftaucht. Er gleitet auf mich zu, bis er direkt vor meinem Gesicht ist. Die Hand hängt schlaff am Gelenk herab, wie eine tote Narzisse. Es bleibt aber nicht bei dem einen Arm, ganz im Gegenteil. Weitere tauchen auf und gleiten heran, bis ich umgeben bin von diesen Nebel-, diesen Totenarmen.
Marc knirschte mit den Zähnen, was Dr. Heck nicht entging, und biss sich so fest auf die Lippen, dass er Blut schmeckte.
„Plötzlich schrecken die Hände hoch und packen zu. Die erste Hand reißt mir ein Auge heraus, die anderen was sie ergreifen können. Ich schreie und schreie, während ich in Stücke gerissen werde. Dann endlich komme ich zu Sinnen, irgendwo in der Natur, alleine. Wie ich dort hingekommen bin, daran erinnere ich mich nie. Meistens liege ich am Boden, bin völlig verdreckt, weil ich mich offensichtlich herumgewälzt habe. Und dann rufe ich sie sofort an, muss ihre Stimmen hören, sofort, mich davon überzeugen, dass es den Autounfall nie gegeben hat, dass sie beide noch leben. Doc, ich kann nicht mehr. Das geht so nicht weiter. Ich werde noch irre.

Dr. Heck nickte und lächelte mild. Er ging rüber zu Marc, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen:
„Das bekommen wir schon in den Griff Herr Bruhn. Als allererstes werde ich Sie von der Arbeit frei stellen, Ihnen etwas zur Beruhigung verschreiben und dann sehen wir weiter. Die menschliche Psyche ist etwas Faszinierendes und manchmal Fürchterliches. Unser Körper und unser Hirn reagieren auf Stress ganz unterschiedlich, in Ihrem Fall sehr extrem mit diesen realitätsverdrängenden Visionen, den Wahnvorstellungen, die Sie plötzlich überfallen. Gönnen Sie sich so viel Ruhe wie möglich. Mit einem Burnout wie dem Ihrem ist nicht zu spaßen.“
Marc verließ die Praxis mit einem guten Gefühl, jedoch fürchtete er sich vor der nächsten Stressattacke, der nächsten Psychose, die irgendwann kommen würde. Dann rief er Sarah an und als er ihre Stimme hörte, kam er endlich wieder etwas zur Ruhe.

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