Adoptiveltern gesucht!

Guten Morgen, Mittag, oder Abend werte Leser. Ich bin der Schreibtisch von M. und möchte Ihnen wärmstens ans Herz legen, mich zu adoptieren. Eine angestaute Unzufriedenheit trieb mich dazu diesen Brief zu verfassen und es tut mir im Herzen weh, doch es ist ein notwendiger Schritt. Nicht nur, dass ich das Gewicht eines  gewaltigen Monitors, zweier Boxen, einer Tastatur, eines Druckers und gefühlten zehn Kilogramm Druckerpapiers schultern muss, nein, er missbraucht mich auch ab und zu als einfachen Esstisch. Ist das zu fassen? Von Ordnung scheint mein jetziger Besitzer nicht viel zu halten, liegen doch sämtliche Büroutensilien wild verstreut auf mir herum. Da kann man doch nur Kopfschmerzen von bekommen! Letztens habe ich mich angeregt mit dem netten Schreibtisch im Nebenzimmer unterhalten, der der Mitbewohnerin meines sorglosen Besitzers gehört. Neidisch könnte man da werden…Fächer für Blätter, ein Becher für Stifte und diese sind sogar nach Farben sortiert! Meistens stehe ich ohnehin verlassen da, der Herr schreibt lieber draußen im Klappstuhl in sein Notizbuch, oder liegt faul im Bett herum, die Beine angezogen, den Block auf den Oberschenkeln ruhend und knabbert an seinem Bleistift, wie ein Hase an einer Karotte. Eine Unart! Einsam, sehr einsam bin ich meistens, doch ab und zu, wenn mein werter Besitzer sein Handgeschriebenes abtippen muss, schlägt meine große Stunde. Dann vibriere, ja erzittere ich unter unzähligen Tastenschlägen, diene auch mal seinen schönen Beinen als Unterlage wenn er sich in einer seiner Schreibpausen einen Film ansieht. Am schönsten waren für mich stets die Klausurphasen. Vollgestellt mit Büchern, Blöcken und Blättern, zahlreichen Stiften und Krimskrams, saß er oft stundenlang konzentriert über mich gebeugt, murmelte Merksätze vor sich hin, schrieb fleißig Notizen und las seine Aufzeichnungen durch, bis er sie im Schlaf rückwärts aufsagen konnte. Was mich stets verwunderte war, dass er keinen Terminplan führt. Eine Eigenart, die ihm eine gewisse Unbekümmertheit verleiht, ihn jedoch das ein oder andere Mal in der Vergangenheit schon in die Bredouille gebracht hat. Was mir das Herz immer fast zerspringen lässt ist, dass er nie ganz zufrieden mit seinen selbstgeschriebenen Texten zu sein scheint. Immer wieder streicht er irgendetwas durch, radiert es weg, schreibt wieder etwas an diese Stelle, nur um es dann einige Augenblicke später wieder zu verwerfen und durchzustreichen. Was mich persönlich an der Gesamtsituation auch sehr stört ist, dass ich in der dunkelsten Ecke seines Zimmers stehe und nicht das zarte Sonnenlicht kosten darf, dass morgens durch den Rollladen fällt. Nur eine alte Schreibtischlampe wärmt mich in ihrem kalten Licht, ein leidiges Ding. In der Hoffnung auf glücklichere, bessere Zeiten, stand ich nun schon ein Jahr lang so herum, zählte geduldig die Stunden, Tage, Wochen, Monate, doch nichts, rein gar nichts hat sich geändert. Immer noch das gleiche verflixte Chaos, der gleiche dunkle Platz, meine Seele schreit nach Veränderung! Daher meine Bitte, die Sie nun wohl besser nachvollziehen können, jetzt nachdem ich Ihnen ausführlich meine verzweifelte Lage geschildert habe. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie nicht enttäuschen werde! Ich bin gut verarbeitet und in tadellosem Zustand, sieht man von einer kleinen nichtigen Schramme ab, die mir beim Einzug in dieses Zimmer zugefügt wurde. Mit sehnlichstem Wunsch, der Schreibtisch von M.

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2 Gedanken zu “Adoptiveltern gesucht!

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