Als die Milch nach Blei schmeckte

Das kastanienbraune glatt gekämmte Haar fällt ihr leicht über die sonnengebräunte Schulter und schwingt im Takt eines flotten Schrittes mit. Der Himmel scheint gealtert zu sein, lässt er sich doch, so fern man sich einmal um die eigene Achse dreht und in die Ferne blickt, nur von milchigen Wolken beherrschen, durch welche die Sonne wie ein Scheinwerferlicht im tiefen Morgennebel die Welt erhellt. Es liegt noch eine morgendliche Frische in der Luft, unterstrichen von einer leichten Brise, die Vorbote eines bald nahenden Winters ist und die bei dem Mädchen, dass zu früher Stunde unterwegs ist eine Gänsehaut bewirkt. Sie blickt hinter sich. Nichts. Sie geht noch schneller. In der rechten Hand, die von dicker Hornhaut überzogen ist, hält sie ein Seil, dass am Ende mit dem Zaumzeug einer alten Fuchsstute befestigt ist, deren Erscheinung Zeuge eines harten arbeitsreichen Lebens ist. Diese zieht hinter sich einen hölzernen Fuhrwagen her, der bei jedem kleinen Loch in der holprigen unbefestigten Landstraße, die mehr einem Trampelpfad gleicht, schmerzlich knarzt und rumpelt. Die Stute will nicht mehr. Sie ist stur und zeigt ihren Unmut über das strenge Tempo, indem sie plötzlich stehen bleibt. „Hast ja Recht.“, stimmt das Mädchen ihrem Tier zu, tätschelt es an den Nüstern und gönnt ihm und sich eine kurze Verschnaufpause.

Weiter. Muss los, muss pünktlich sein. Das Pferd ist stur, doch sie ist sturer und so bringt sie es wieder auf Trab. „Herrlich ruhig ist es. So friedlich“, flüstert sie leise, fast unhörbar. Nicht wie die in der Nacht zuvor, als der Himmel über den Bergen brannte, die Sirenen bis in ihr kleines Dorf zu hören waren, die 88er wütend bellten und man Rauch und Tod auf der Zunge schmecken konnte. Das Grauen aus der Luft. Früh, noch vor dem ersten Hahnenschrei, stand sie auf, gab dem Pferd etwas Heu zu fressen und aß dann selbst etwas Weißbrot mit Käse. Anschließend belud sie den Fuhrwagen mit einigen bis an den Deckel gefüllten, silbrig-grauen schimmernden und von der häufigen Benutzung verschrammten Milchkanistern, von denen ihr einige bis an die Hüfte reichten. Schließlich, nachdem dies alles erledigt war, spannte sie die Stute ein und lief los. So war es immer. Wenn die Bomber nachts kamen und die Stadt beregneten, strömten am nächsten Morgen die obdachlos gewordenen Menschen wie Heuschrecken aufs Land hinaus und bettelten um Obdach und Nahrung. Ein Marsch der Gespenster. Verbrannt, mit Asche bedeckt, leeren Blickes und gänzlich ohne Hoffnung und Ziel. Frauen, die sich für einen Laib Brot verkauften. Männer, die für einen Platz im Heulager sich unter der prallen Sonne den Rücken bucklig schufteten. Ein Kanister Milch war mehr wert als ein Menschenleben, weshalb das Mädchen nichts mehr fürchtete, als einen Achsenbruch zu erleiden und einer Horde dieser geschundenen Gestalten zu begegnen.

Aus der Ferne ist ein lautes Tuckern zu hören, das stetig näher kommt. Ein Traktor, ein alter Eicher, rumpelt von hinten heran und sie muss sich mit ihrem Gespann ganz an den Rand des Weges stellen, damit sie diesen passieren lassen kann. Selbst diese Maschine tut sich mit der groben Beschaffenheit des Weges schwer und der Fahrer wird ordentlich im Sitz hin- und hergeschüttelt. Der Stute ist diese kurze Zwangspause nur recht. Kurz schnaubt sie noch und beginnt dann genüsslich zu Grasen. Als der Traktor sie gerade passiert hat, der Fahrer tippte im Vorbeifahren noch höflich an seine Mütze zum Gruße und Dank, ist ein Summen in der Luft vor ihnen zu vernehmen. Schlagartig wird ihr und Gesicht aschfahl. Auch die Miene des Traktorfahrers verzerrt sich zu einer bleichen Maske. Abrupt bringt er sein Gefährt zum Stillstand und stellt es ab, blickt mit angstgeweiteten Augen und offenem Mund zum Himmel. Das Mädchen weiß was da gleich kommt, sie kennt dieses Geräusch. In verzweifelter Eile versucht sie die Stute loszubinden, in deren Augen auch schon die Furcht sitzt und die unruhig mit den Hufen schabt. Doch es gelingt ihr nicht mehr. Aus der Wolkensuppe schält sich ein Raubvogel aus Metall, der augenblicklich im Sinkflug das Feuer auf den Traktor eröffnet. Wie Regentropfen prasseln die Kugeln herab und reißen tellergroße Löcher in den trockenen Boden, wirbeln den Staub auf. Die Stute geht durch, reißt den Wagen mit sich und überrollt damit fast das Mädchen, das gerade noch zur Seite treten kann. Doch schon nach wenigen Metern sackt das treue Ross getroffen in sich zusammen. Das Mädchen rennt blindlings los, die Arme zum Schutz vor das Gesicht gehalten.  Adrenalin schießt durch ihren Adern und verleiht diesem zarten Körper ungeahnte, verborgene Kräfte. Wie Bienen summen die Kugeln um sie herum, gierig danach ihren Zweck zu erfüllen und sich in das warme, weiche Fleisch zu bohren. Sie hechtet an den Wegesrand hinter einen großen Birnenbaum und macht sich ganz klein. „Aufhören!“, schreit sie aus voller Kehle, doch der Pilot hört ihr Flehen nicht. Noch immer hält er den Abzug durchgedrückt, kein Munitionsmangel wie bei den deutschen Soldaten, um den er sich Sorgen machen müsste. Manche der fingergroßen Geschosse prallen von dem Traktor mit einem lauten „Pling“ ab, andere bohren sich mit einem dumpfen Ton in den Fahrer und in den Leib des Pferdes, wieder andere zersieben die Milchkanister. Milch schiesst in Strömen aus diesen heraus und tränkt zusammen mit dem Blut die Erde. Um das Mädchen herum regnet es Birnen und Holzsplitter surren an ihr vorbei.

Dann ist der Spuk vorüber. Der Flieger ist wieder in den Wolken verschwunden und alles ist still. Eine absurde Stille. Der Traktor raucht. Sein Fahrer ist nur noch eine blutige Ruine. Das Mädchen wartet noch einige Minuten, die Rückkehr des Flugzeugs fürchtend und spricht dann, als sie sich sicher wähnt ein Gebet. Zitternd und mit weichen Knien trottet sie auf den Feldweg zurück. Die Szenerie, das Geschehene brennt sich ihr ein. Noch Jahre später wird sie bei jedem Traktorknattern in Schweiß ausbrechen und ihren Blick zum Himmel richten. Sie seufzt laut. Der Wagen ist hin, das Pferd auch. Sanft legt sie ihre Hand auf die Nüstern des Tieres, aus denen ein blutiges Rinnsal fließt und verabschiedet sich von ihm. Sie spricht auch noch ein kurzes Gebet für den Traktorfahrer. Er war kein schlechter Mensch, er hatte einfach nur Pech. Hämisch lacht die Sonne aus einem Loch in der Wolkendecke hinab, scheint durch die Löcher in den Milchkanistern. Einer davon, nur einer ist einigermaßen heil geblieben und weist nur zwei Durchschüsse auf. Aus ihrem Kleid, das durch den Überlebenskampf kurz zuvor ziemlich schmutzig geworden ist, reißt das Mädchen vier große Stofffetzen heraus und stopft damit sorgfältig die Löcher. Anschließend schüttet sie die Reste aus den anderen Kanistern in den notdürftig Reparierten. Nicht einmal halb voll ist er nun, doch das ändert nichts. Sie brauchen das Geld. Mit Tränen in den Augen wuchtet sie ihn hoch, überprüft ob auch wirklich keine Milch austritt und trägt ihn dann wie ein Neugeborenes vor der Brust. So macht sie sich wieder auf den Weg zur Abgabestelle, um das Geld entgegenzunehmen. Auf ihrem Rückweg wird sie einen anderen Weg nehmen, quer über die Felder. Ihre Familie braucht das Geld. Es herrscht Krieg. Menschen sterben, Menschen leben.

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