Kleine Blume

Du, kleine Blume,
gehst unter, statt auf,
ich sehe, wie die Last dich drückt,
wie du knickst,
immer mehr,
immer mehr,
doch sie merken es nicht.

Vorwärts, Marsch!
Richtung Olymp, du goldener Spross,
von Noten getrieben,
deren Klang dich nicht glücken,
von Erwartungen,
die du nie erfüllen kannst,
denn es werden stets mehr,
immer mehr,
es verglüht deine Jugend,
aus deinem Gold wird Stein.

Du, kleine Blume,
die sich nicht strecken darf,
wie es ihr beliebt,
die verkümmert und ergraut,
du möchtest Kind sein,
nicht in ihrer Welt,
du möchtest DU sein,
nicht in ihrer Welt,
was du möchtest,
interessiert sie nicht,
hat es noch nie.

Sie starren dich an,
und blicken durch dich hindurch,
sehen ihre verlorenen Träume,
die du erfüllen musst,
erwarten Dankbarkeit,
für das Hamsterrad,
das sie erbaut haben,
in dem du gefangen bist.

Wird es eine Flucht,
wird es ein Bruch,
oder wird es beides
was wirst du tun?

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Wiedersehen

Ein bekanntes, schönes Gesicht,
doch wer sie ist, wie sie heißt,
nun, dies weiß ich nicht,
mehr, denn der verstrichenen Jahre sind es zu viele,
doch erinnere ich mich einiger warmer Gefühle,
einem ungeschickten, kindlichen Annäherungsversuch,
der mich mal verfolgte,
wie ein schlimmer Hexenfluch.

Die Jahre stehen ihr gut und sie ist schlanker geworden,
und wie die Pfunde,
gingen hoffentlich auch Sorgen,
nun serviert sie Kaffee,
mit viel Wärme im Blick,
und erfreut ihre Kunden,
mit ihrem Geschick.

Ich gehe vorbei,
mit einem Lächeln auf den Lippen,
und ziehe es vor,
nach vorne zu blicken,
ich wünsche ihr alles Gute,
eine wunderbare Zeit,
dieser schönen Fremden,
aus der Vergangenheit.

Scherbensturm

„Bitte beschreiben, oder versuchen Sie zumindest, mir Ihre Visionen noch einmal genauer zu beschreiben. Was sehen Sie? Was fühlen Sie?“, sagte Dr. Heck und tippte mit der Spitze seines rechten Zeigefingers dreimal rhythmisch auf die Lehne des schwarzen, gepolsterten Lehnstuhles. Einmal langsam, zweimal schnell. Tok-toktok, Tok-toktok.  Marc hasste dieses Geräusch. Tok-toktok, Tok-toktok. Er schloss die Augen, ließ sich fallen und redete los:

„Wenn…wenn es losgeht“, begann er „stehe ich plötzlich auf der Straße. Sie wissen schon, DIE Straße, diese verdammte Straße durch das Waldstück in meiner Nähe.“
Dr. Heck sagte nichts und ließ Marc weitererzählen.
„Erst ist es still, aber dann, zack, wie mit einem Fingerschnipps, faucht mir ein fürchterlicher Sturm, der Sturm aller Stürme entgegen. Nur führt er keinen Regen mit sich, nein, sondern Scherben. Unendlich viele Scherben schlagen mir entgegen, schneiden mich, zerfetzen mich und meine Kleidung, bis ich völlig nackt bin, schutzlos. Überall werde ich geschnitten, kann es nicht verhindern. Die Farben der Welt verändern sich rasch, kippen, bis nur noch blutiges Rot und Schwarz mich umgeben. Die Sonne stirbt und der Mond nimmt ihren Platz ein, blutrot, schwer, zu schwer. Manchmal macht er es erst später, manchmal sobald ich ihn erblicke, aber jedes Mal kracht er vom Himmel herunter, direkt vor mir auf die Straße und rollt dann durch den Sturm schnell auf mich zu, will mich zermalmen. Ich drehe mich um und versuche wegzurennen, umpeitscht von diesem Höllengetöse, renne bis meine Lungen fast platzen, aber der Mond ist immer schneller als ich. Ich sehe seinen Schatten über mir, dann wird alles schwarz.“

Während Marcs Erzählung sah Dr. Heck, wie sein Patient sich verkrampfte. Dieser grub seine Hände in das Polster der Couch, bis einige Adern an den Händen und Armen deutlich hervortraten und ihm Schweißperlen von der Stirn in die Augenbrauen rannen. Der gesamte Körper war in höchster Erregung und immer wieder zuckte irgendein Körperteil ruckartig zusammen. Die Augen, der Mund, eine Hand, ein Fuß. Sein Patient litt auch jetzt. Kein Simulant.

„Wenn ich dann wieder die Augen aufmache, liege ich auf dem Bauch, immer noch nackt, und kann mich nicht bewegen. Um mich herum ist es dunkel, aber nicht mehr so dunkel wie zuvor, denn der Mond hängt wieder im Himmel und ist zum Glück nicht mehr blutrot, sondern schneeweiß. Der Rest der Welt hat sich auch verändert. Keine Straße mehr, keine Bäume, nein, stattdessen liege ich in einer flachen, endlosen Landschaft aus Asche. Ich kann es riechen und fühlen, der verbrannte Geruch, Knochen unter dem staubigen Grau. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Dann höre ich ein ohrenbetäubendes Krachen, der Aufprall, und der Wahnsinn beginnt dann von neuem. Überall steigt aus der Erde ein feiner Nebel, der sich als dünne Schicht auf sie legt und bedeckt, bis zum Horizont und darüber hinaus, nur mich nicht. Ich bin eine kleine Insel in diesem Nebelmeer. Ein zitternder, schwarzer Punkt im endlosen Weiß. Schließlich ist es vollendet und der Nebel perfekt. Dichter und weißer könnte kein Nebel der Welt sein. Ich liege da, zur Untätigkeit verbannt, das Grauen erwartend, welches sich mit den schrecklichen Schmerzensschreien meiner Frau und meiner Tochter ankündigt. Ich höre die beiden direkt hinter mir, versuche mit all meiner Kraft mich loszureißen, will ihnen helfen, aber es geht nicht. Die Schreie verstummen so plötzlich, wie sie begonnen haben. Es geht weiter.

Vor mir sehe ich dann, wie ein kleiner, dünner Arm lautlos aus dem Nebel auftaucht. Er gleitet auf mich zu, bis er direkt vor meinem Gesicht ist. Die Hand hängt schlaff am Gelenk herab, wie eine tote Narzisse. Es bleibt aber nicht bei dem einen Arm, ganz im Gegenteil. Weitere tauchen auf und gleiten heran, bis ich umgeben bin von diesen Nebel-, diesen Totenarmen.
Marc knirschte mit den Zähnen, was Dr. Heck nicht entging, und biss sich so fest auf die Lippen, dass er Blut schmeckte.
„Plötzlich schrecken die Hände hoch und packen zu. Die erste Hand reißt mir ein Auge heraus, die anderen was sie ergreifen können. Ich schreie und schreie, während ich in Stücke gerissen werde. Dann endlich komme ich zu Sinnen, irgendwo in der Natur, alleine. Wie ich dort hingekommen bin, daran erinnere ich mich nie. Meistens liege ich am Boden, bin völlig verdreckt, weil ich mich offensichtlich herumgewälzt habe. Und dann rufe ich sie sofort an, muss ihre Stimmen hören, sofort, mich davon überzeugen, dass es den Autounfall nie gegeben hat, dass sie beide noch leben. Doc, ich kann nicht mehr. Das geht so nicht weiter. Ich werde noch irre.

Dr. Heck nickte und lächelte mild. Er ging rüber zu Marc, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen:
„Das bekommen wir schon in den Griff Herr Bruhn. Als allererstes werde ich Sie von der Arbeit frei stellen, Ihnen etwas zur Beruhigung verschreiben und dann sehen wir weiter. Die menschliche Psyche ist etwas Faszinierendes und manchmal Fürchterliches. Unser Körper und unser Hirn reagieren auf Stress ganz unterschiedlich, in Ihrem Fall sehr extrem mit diesen realitätsverdrängenden Visionen, den Wahnvorstellungen, die Sie plötzlich überfallen. Gönnen Sie sich so viel Ruhe wie möglich. Mit einem Burnout wie dem Ihrem ist nicht zu spaßen.“
Marc verließ die Praxis mit einem guten Gefühl, jedoch fürchtete er sich vor der nächsten Stressattacke, der nächsten Psychose, die irgendwann kommen würde. Dann rief er Sarah an und als er ihre Stimme hörte, kam er endlich wieder etwas zur Ruhe.

Bald kommt der Winter

Er zottelt auf mich zu und neben mir ruft ein kleiner Junge: „Mama, da läuft der Nikolaus!“, woraufhin ich schmunzeln muss. Der Nikolaus ist ein Wrack und riecht säuerlich, nach Straße. Sein zerzauster Rauschebart ist um den Mund herum schmutzgelb, wohl des Nikotins wegen, denn er kaut viel Tabak. Er trägt eine graublaue, zerschlissene Regenjacke, die an den Oberarmen ganz abgewetzt ist, vermutlich vom vielen auf der Seite liegen. Santa Graus legt den Kopf schief und zuckt plötzlich, zuckt noch einmal heftiger, so dass aus der goldenen Bierdose, die er in seiner linken Hand hält, ein Schluck auf das Bahnhofsplaster schwappt. Dem kleinen Jungen macht das Angst und er klammert sich fest an die Hüfte seiner Mutter, welche nichts sagt, nur den Blick streng geradeaus hält und ihr Tempo erhöht.

Der Nikolaus öffnet den Mund und spricht Worte, die nur ihm selbst und seinem Rausch bestimmt sind. Er ist einer der Obdachlosen vom Bahnhof, läuft dort schon seit Jahren umher, bettelt geduldig und drängt sich niemandem auf, bietet manchen Leuten seinen Kautabak an, in der Hoffnung sie in ein Gespräch verwickeln zu können. Ich sehe ihn wieder, als ich auf dem Heimweg bin. Mittlerweile sitzt er im Schneidersitz an der Glasfassade des Bahnhofsgebäudes und scheint eingeschlafen zu sein. Mit einem Kaffeebecher und einem geknickten Pappschild, bittet der Nikolaus um kleine Geschenke.

Er ist mir lieber als der Typ, welcher jeden Tag mit blauen Zetteln in der Innenstadt umherläuft, auf denen irgendein osteuropäisches Mädchen mitleidig dreinblickt, welches er instrumentalisiert, um das Mitleid von Reisenden zu erpressen. Er ist mir lieber als die drei Türken vom Döner an der Straßenbahnlinie, welche immer an derselben Stelle stehen und die Schalen von Sonnenblumenkernen auf den Boden rotzen. Er ist mir lieber als die braunen Idioten vom Stadtpark, die jeden Ausländer anpöbeln und für ihre Probleme und Nutzlosigkeit verantwortlich machen. Er ist mir lieber als die meisten Menschen, denen ich so begegne, vielleicht aufgrund seiner Armut, seines Elends, weil er mir vor Augen führt, wie gut ich es habe und manchmal bedauere ich es, dass ich ihn überhaupt brauche, um mich dessen zu erinnern.

Archiv

Guten Morgen, Mittag, Abend ihr alle,

ich habe mich mal rangesetzt und ein alphabetisches Archiv meiner Texte angelegt, von dem aus ihr auf alle hier hochgeladenen Inhalte schnell zugreifen könnt. Einfach auf den Titel eines Textes klicken und ihr werdet zu ihm weitergeleitet. Finden könnt ihr es direkt oben in der Leiste, neben den anderen Kategorien.

Weiterhin werde ich nächste Woche mal herumexperimentieren und das Aussehen dieses Blogs etwas verändern. Falls jemand von euch Anregungen hierzu hat, so lasst es mich hören.

Liebe Grüße,
Max

Dein Vermächtnis

Zwei Container, ein Leben,
nichts bleibt mehr zurück,
die Wohnung hallt einsam,
längst fern war das Glück.

In der Akte ein Haken,
das Klingelschild blank,
ein Stein ohne Blumen,
„Hier starb Unbekannt“.

Sag, war dies dein Schicksal,
du Mensch, vor mir im Boden,
hoffentlich gab es auch Gründe,
dein Leben zu loben.

Warst du ein Könner des Handwerks,
hast du Steine behauen,
in deiner Jugend verführt,
die allerheiligsten Frauen?

Sag, was war einst dein Wirken,
was war einst dein Streben,
warst du Flaschen und Drogen,
als Ausweg ergeben,
oder standest du stolz,
über all diesen Dingen,
und wolltest nur schlicht,
hier dein Ende zubringen.

Wieso blieb nur von dir,
dieser nichtige Stein,
sag, war dies so gewollt,
und verstarbst du allein?

Sehr ins Grübeln gebracht,
hat mich dein kleines Grab,
und die Frage „Was will ich?“
ganz von selbst sich ergab.

Was will ich vermachen,
was soll einst verbleiben,
viele Kinder und Enkel,
viel Lachen und Weinen?

Soll man um mich trauern,
meine Texte verehren,
nach mir Straßen benennen,
und die Jugend belehren?

Schließlich gehe ich weiter,
und du hast es geschafft,
hast mir mit deinem Ende,
was von deinem Leben vermacht.

Ja, ich danke dir Fremder,
wo auch immer du bist,
und ich hoffe von Herzen,
dass dich jemand vermisst.

Wir warten und hoffen

Werden sie das Laufen noch lernen
oder wird das Krabbeln ihr Schicksal bleiben
der Aufbruch zur Transzendenz
oder der Untergang in den Feuern
welche sie selbst erschaffen
was wird es sein
was wird es sein

Das blaue Juwel ist trüb geworden
es möchte schlafen, doch darf nicht
wird getrieben und getrieben
atmet den Rauch ein
noch ist es still

Zwei Pfade zur Zukunft
der eine bergab und bequem
der andere steigt und fordert
welchen werden sie wählen
welchen werden sie wählen

Wir formen was gut werden soll
sich selbst erlösen muss
was immer verdarb
liegt es an uns?

Wenn die letzten sterben
kommt das Ende ihrer Erinnerung
erlischt das Vermächtnis
vom großen Baum
stirbt ab der Ast

Wir warten und hoffen
auf ihren Aufstieg
dass sie uns übertreffen
ihren Platz einnehmen
denn ohne Wächter
erlischt die Flamme
und müde sind wir geworden
so müde
und wollen längst ruhen

Wir warten und hoffen