Brief an die Wolkenfee

Sehr geehrte Wolkenfee,

es freut Sie vielleicht zu hören, dass Ihr Treiben in den letzten Wochen nicht unbemerkt blieb. Jedoch muss ich dem Willen und dem Drängen meiner Bürger Folge leisten und Sie nun in diesem Brief freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass Sie doch bitte den Regen vorerst einstellen. Den Kindern mag es vielleicht gefallen, selbst meine Tochter singt während sie draußen spielt noch ihr heiteres Regenliedchen:

Plotsch – Plitsch – Platsch, wir springen durch den Matsch,
wir tanzen wild im Regen rum, die Wolken singen, sind nicht stumm,
Plotsch – Plitsch – Platsch, wir springen durch den Matsch,
wir blicken aus dem Fenster raus, für jeden Blitz, gibt es Applaus,
Plotsch – Plitsch – Platsch, wir springen durch den Matsch,
wir mummeln uns so richtig ein, der Regen kriegt uns niemals klein,
Plotsch – Plitsch – Platsch, wir springen durch den Matsch.

Doch allmählich werden die Bauern ungeduldig und wütend. Sie mussten aufgrund Ihres Regens bereits zwölfmal die Trauben spritzen und sowohl die Tomaten, als auch die Äpfel verfaulen in den Gärten. Es ist nicht so, dass wir Ihre Wolken nicht schätzen, nein. Wir wissen, dass wir von Ihrer Gnade abhängig sind, würden wir doch sonst alle wie Dörrobst im Staube kriechen, doch genug ist genug. Die unbefestigten Wege sind aufgrund des Schlammes unbegehbar geworden und mir wurde sogar berichtet, dass einige der Häuser am Fluss bereits leicht unterspült und vom Einsturz bedroht sind. Zudem muss ich Ihnen beichten, dass der dauerhafte Regen und das damit verbundene Himmelgrau bei uns Menschen irgendwann auf das Gemüt schlägt und die Laune vergiftet. Sie sehen, es ist auch ein moralisches Problem, was Sie hier heraufbeschwören. Daher bitte ich Sie inständig, dass Sie der Sonnenelfe wenigstens für ein paar Tage die Möglichkeit lassen, wieder alles zu trocken und die Menschen ins Freie zu locken. Es ist zwar Ihre Zeit des Jahres, aber die Regenmäntel aller Bewohner dieses Ortes werden nicht mehr trocken aufgrund der anhaltenden Nässe. Auch nimmt die Anzahl der Kranken stetig zu, so haben sich bereits etwa einhundertfünfzig Personen einen ziemlich gemeinen Schnupfen eingefangen und liegen seit mehreren Tagen im Bett. An der Kreuzung Mühlenstraße – Friedrichstraße, die ohnehin schon ein arges Verkehrsrisiko birgt, kam es aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse und der rutschigen Straßen bereits zu vier Unfällen. Bei zwei davon mussten die Betroffenen anschließend zur weiteren Untersuchung ins Marienkrankenhaus. Sie sehen Ihr Handeln dort oben hat große Konsequenzen auf uns Sterbliche. Vielleicht könnten Sie sich eine Auszeit nehmen und eine Weile lang einige Ihrer Schwestern in anderen Regionen des Landes besuchen und unterstützen – nicht zu energisch versteht sich, will ich doch nicht das Leid anderer Menschen heraufbeschwören. Ich weiß, dass Sie sich nicht gut mit der Sonnenelfe verstehen. Auch ich hatte schon das zweifelhafte Vergnügen, mit diesem exzentrischen Wesen während der langen Dürre vor sechs Jahren eine heftige Diskussion zu führen, welche damit endete, dass ich ihr androhen musste, ihre Anbeter mit heftigen Strafen zu belegen. Sie drohte mir damit mich und meine gesamte Familie zu verbrennen, doch sie beruhigte sich zu meinem Glück gleich wieder und alles Weitere kennen Sie ja. Nun denn, ich möchte nicht zu viele Worte verlieren und zu viel Ihrer Zeit vergeuden. Der Kern dieses Briefes ist meine Bitte an Sie, sich mit Ihrer Partnerin abzusprechen, um uns armen, unwürdigen Gestalten hier unten ein bisschen Erleichterung zu verschaffen und wenn es nur für einige Tage ist.

Hochachtungsvoll,

Markus Lehmann, Bürgermeister von Hocheichstett

 

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