Dämonen

Dämonen

Im Schein ihrer Nachttischlampe verschlang sie Seite für Seite ihres neuen Buches. Ein stolzes Druckwerk, welches den Abschluss einer schier unendlich erscheinenden Reihe darstellte und sie den gesamten Tag und die halbe Nacht an ihr Bett gefesselt hatte. Bereits die nötigen Ausflüge zum Kühlschrank und zur Toilette empfand sie als außerordentliche Lästigkeiten. Es war kein Tag für Gesellschaft gewesen, vielmehr ein Tag an dem man von anderen Menschen Gesprochenes an sich einfach vorbeigleiten lässt, mit Mühe und Unbehagen brav erwidert und peinliche Stille als Zeichen eines unbedingt notwendigen Abschieds erzeugt. Ein Tag der Einsamkeit.

Doch nun, nach diesem gewollt ereignislosen Tag, kroch der Schlaf in ihr empor. Langsam aber bestimmt begann er seine unsichtbaren Finger auf ihre Augenlider zu legen und sie allmählich hinunterzudrücken. Ihr Widerstand schwand von Sekunde zu Sekunde. Sie war gerade damit beschäftigt ein  Lesezeichen anzubringen, als sanfte Müdigkeit ihren Geist vernebelte. Plötzlich schreckte sie auf und riss den Kopf herum. Es hatte am Fenster geklopft. Verängstigt blickte sie nach vorne. Doch da war nichts am Fenster, nur das stumme Spiegelbild ihres Zimmers blickte ihr entgegen. Was sollte denn da auch sein? Was hatte sie erwartet? Ihre kleine, aber stilvoll und gemütlich eingerichtete Wohnung lag im dritten Stock eines ausladenden Altbaus, welches nahe einer viel befahrenen Bundesstraße lag. Sie hatte zwar einen Balkon, diesen konnte man allerdings nur über die Küche betreten. Hinter ihrem Schlafzimmerfenster verbarg sich nur ein etwa 30m tiefer Abgrund. Vielleicht war es eine  Fledermaus gewesen, die sich in ihrem nächtlichen Treiben aus Versehen an ihre Scheibe verwirrt hatte. Die einzige einigermaßen sinnvolle Erklärung, welche ihr in diesem Moment einfiel. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor halb vier.

Ihr Fenster war gekippt und die Welt dahinter so still, wie es eine Millionenmetropole nachts eben sein kann. Das Rauschen des Straßenverkehrs hielt sich in Grenzen und nur ab und zu wälzte sich noch eine Straßenbahn durch die engen Gassen und ließ die Stille vor ihrem schrillen Quietschen flüchten.

Sie sah noch einmal zum Fenster und erstarrte. Da war etwas. Allerdings nicht am Fenster selbst, sondern in der Spiegelung ihres spärlich erleuchteten Zimmers. Ein schwarzer, wabernder Schatten an der Zimmerdecke zu ihrer Linken. Panisch riss sie den Kopf herum und blickte nach oben, doch da war nichts. Nur das öde Weiß der alten Raufasertapete, das an manchen Stellen bereits rissig war. Angst füllte ihr Herz, wie Wasser die Lungen eines Ertrinkenden und sogleich begann es einen wilden Tanz, schien ihr aus der Brust hüpfen, sich einen Weg nach draußen wühlen zu wollen. Kalter Schweiß tränkte ihr Seidennachthemd, bis es wie Froschlaich an ihrem jungen Körper klebte.

Zögerlich drehte sie ihren Kopf wieder Richtung Fenster und schrie plötzlich laut auf. Da vor ihr auf dem zerknitterten Laken kauerte eine kleine Gestalt mit grünen Augen, welche wie zwei kleine, verschleimte Teiche im Hochsommer ihr entgegen starrten. Das Wesen war menschenähnlich und nicht viel größer als eine Katze. Es war tiefrosa, gänzlich nackt und seine Haut war widerlich schrumpelig, so als ob man es zu lange gebadet hätte. Weiterhin wies sie zahlreiche wunde Stellen auf, aus denen eine schmierige, gelbliche Flüssigkeit floss, welche einen abstoßenden Gestank verströmte. Die Gliedmaßen dieses Geschöpfes waren bedauerlich dürr und erinnerten die Frau an die Zweige eines abgestorbenen, jungen Haselnussstrauches. Der Torso war dermaßen abgemagert, dass die Rippen und Hüftknochen wie Nadeln in die rosa Haut stachen. Der Kopf, auf dem sich einige armselige Haarbüschel tummelten, die sich für ihre Existenz zu schämen schienen, war vergleichsweise riesig, fast so ausmaßend wie ein Wasserkopf. Das Schlimmste an diesem grotesken Etwas waren dessen Augen. Scharfe mandelförmige Schlitze, denen eine Wildheit, eine Unberechenbarkeit innewohnte. Etwas das grollte:
Du kannst mir nicht entkommen!“

Sie schrie, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben geschrien hatte. Ein Schrei, der selbst im Umkreis von hundert Kilometern noch jeden Tauben aus dem Schlaf gerissen hätte. Doch die Kreatur rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle, vielmehr legte es nur langsam den Kopf zur Seite; wodurch es fast umkippte – es musste heftig mit den dünnen Ärmchen rudern – und betrachtete die verängstigte Frau genauer. Sie wäre es Schreiens nicht müde geworden, wenn nicht plötzlich ein weiteres Wesen am Fußende wie eine Spinne auf ihr Bett gekrabbelt wäre. So wurde sie vollends von ihrer Angst gelähmt und verstummte augenblicklich.. Ihr Instinkt befahl ihrem Körper sich ruhig zu verhalten, nicht zu rühren, bereitete alles vor, um schließlich im richtigen Moment die Flucht ergreifen zu können

Das zweite Wesen schnupperte rattenhaft in der Luft herum und grunzte leise. Dann versuchte es sich aufzurichten, was ihm sichtlich Probleme bereitete. Als es dies geschafft hatte, taumelte es langsam auf sie zu, wobei es einmal über ihr rechtes Bein stolperte und es sich erneut, dieses Mal von einem gequältem Stöhnen begleitet, erheben musste. Als es schließlich auf der Höhe seines Ebenbildes war, setzte es sich zufrieden auf die Decke und blickte sie dann voller Hass und Verachtung an.

Quälend lange Sekunden verstrichen.

Schließlich durchbrach das erste Wesen die bis zur Zerreißung gespannte Stille, öffnete seinen Mund und sprach mit einer ungewöhnlich tiefen, blubbernden Stimme:
Wir wissen was du getan hast! Wir vergessen es nicht, niemals! Du, du allein hast uns getötet! Drei sind drei zuviel, hast du gesagt.“
 Es schien zu grinsen. Dann jedoch, ohne die geringste Vorwarnung. begann es krampfhaft zu würgen und erbrach sich schwallartig auf ihre dunkelblaue Bettdecke. Ein alptraumhaftes Gemisch aus Würmern, Maden und allerlei anderem abstoßendem Getier spie es aus, welches sich verzweifelt wand und herumkrabbelte, den süßen Schutz der lebensnotwendigen Dunkelheit suchte. Ein unerträglicher Fäulnisgeruch stieg der jungen Frau in die Nase und auch sie musste heftig brechen. Als sie mit Tränen in den Augen und brennender Kehle wieder aufblickte, lachte das Wesen nur verächtlich und wischte sich an einem sauber gebliebenen Stück der Bettdecke seinen Mund ab, an dessen Rändern ein  teeriger Schleim hinuntertropfte.

Das andere Wesen kicherte leise und erhob dann wie ein mahnender Lehrer seinen Zeigefinger. Als es die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte, verzog sich sein Gesicht schlagartig zu einer bizarren, schmerzverzerrten Maske und es riss ebenfalls seinen Mund auf. Die arme Geplagte, welche wieder einigermaßen ihre Fassung zurückerlangt hatte, besudelte sich erneut. Anstatt Zähnen und einer Zunge, war da nur eine dunkle Höhle, in deren Mitte eine fette, graue Ratte saß, die auf ihren Hinterbeinen stand und aufgeregt quiekte. Sie kratzte kurz auf dem Boden ihrer Behausung herum, dann drehte sie sich flink um sprang ohne zu zögern in den Rachen hinein, wobei sie mit dem Rücken an das Zäpfchen stieß, welches kurz hin- und herwabbelte.

Kein Staubkorn wagte es zu fallen, keine Milbe zu krabbeln.

Dieser Anblick war zu viel. Sie riss die geschändete Bettdecke von sich und war schon im Begriff aus dem Bett zu springen, als eines der Wesen ihr blitzschnell zuvor kam und sie am rechten Unterarm packte. Mit einer unnatürlichen Stärke in dem knorrigen Ärmchen warf es sie zurück, wobei sie hart mit dem Kopf an den Holzrahmen ihres Bettes krachte. Dies sandte ihr eine Welle des Schmerzes, wie einen Nagel in die rechte Hirnhälfte. Die Verzweiflung überkam sie nun mit der Macht einer Lawine und so kauerte sie sich am Kopfende des Bettes zusammen und begann zu weinen. Den Kreaturen schien dies zu gefallen, kicherten sie doch aufgeregt und hüpften (sofern es ihre ärmlichen Leiber gestatteten) mit einer Freude herum, wie sie kleine Kinder empfinden wenn sie in einer Pfütze herumstampfen, bis das Wasser ihre Schuhe durchnässt hat und ihre Hosen von dem ganzen getrockneten Matsch steif werden.

Doch plötzlich hielten sie inne. Etwas hatte sie aufgeschreckt. Hektisch sahen sie sich um, tasteten mit ihren Blicken jeden Winkel des Zimmers ab. Als eine der beiden Kreaturen nach oben blickte, quiekte sie verängstigt und zappelte aufgeregt mit ihren dürren Ärmchen herum. Es erinnerte die Frau an eine Marionette, an deren Fäden man heftig zog, bis diese unter der Belastung rissen. Das andere Wesen verfiel ebenfalls in Panik, als es an die Decke sah. Die junge Frau, welche anfangs noch auf den eigenartigen Tanz fixiert war, nahm von diesem eigenartigen Benehmen schließlich Notiz und spähte ebenfalls nach oben. „Gott, bitte hilf mir!„, flüsterte sie.

Dort, direkt über ihr an der Zimmerdecke, hatte sich ohne dass sie es mitbekommen hatte ein pechschwarzes Loch gebildet. Es war etwa so groß wie ein aufgespannter Regenschirm und beschrieb einen perfekten Kreis. An den Rändern waberte ein dichter, schwarzer Nebel in den Raum, welcher sich jedoch sofort wieder auflöste, als er mit dem Licht ihrer Nachttischlampe in Berührung kam. Der finstere Schlund schien das Licht gierig einzusaugen, es besitzen, es beherrschen zu wollen. Für einige trügerische Momente blieb es  still, dann jedoch war ein düsteres Grollen zu hören, dass den Raum zum Vibrieren brachte und welches die junge Frau selbst in ihrem tiefsten Inneren noch erbeben ließ, als würde man ihre Brust mit einen Baustellenrüttler bearbeiten. Die beiden Wesen ergriffen sofort panisch die Flucht und stürzten vom Bett, um in einer der Zimmerecken Schutz zu suchen. Die junge Frau verharrte derweil regungslos, sie war wie eingefroren, konnte sich einfach nicht bewegen, so als ob unzählige unsichtbare Händen sie am ganzen Körper fest umklammert hielten. Sie war gezwungen hilflos dabei zuzusehen, wie dem finsteren Schlund zwei muskulöse Arme entsprangen, welche sich so kraftvoll in die Decke krallten, dass zahlreiche tiefe Risse entstanden. Was auch immer sich da gerade über ihr einen Weg in diese Welt bahnte, es war außerordentlich stark. Das Etwas stöhnte vor Anstrengung und knurrte wie ein riesiger Hund, während es seinen bulligen Körper aus dem Loch zwängte. Schließlich, mit einem letzten festen Ruck, wuchtete es sich hindurch und krachte unsanft auf die Frau und  den Fußteil des Bettes, welches der Belastung nicht standhielt und augenblicklich zusammenbrach. Wie ein Zweig knickte das Schienbein der Frau entzwei, wobei die untere Bruchkante das weiche Fleisch wie einen Speer durchbohrte und der Knochen hellweiß in die Luft ragte, ihr klebriges Knochenmark die ohnehin schon ruinierte Bettwäsche noch mehr besudelte. Der Schmerz hätte sie das Bewusstsein verlieren lassen, wenn ihr Körper in all dem Chaos nicht allerlei natürliche Aufputschmittel produziert hätte.

Was sich da langsam vor ihr erhob, war ein fleischgewordener Alptraum. Hatten die anderen beiden Wesen immerhin noch einen sehr zerbrechlichen und ausgezehrten Eindruck gemacht, so war dieses Exemplar fast doppelt so groß und brodelte nur so vor Kraft. Es war ebenfalls gänzlich nackt, peinlich rosa und spärlich behaart, jedoch ähnelte es von seiner Statur her eher einem Kleinkind, in dessen Körper man einen erwachsenen Bodybuilder gepresst hat. Die Haut war bis zum Äußerten gespannt, teilweise sogar eingerissen und ließ den Blick auf rohes, tiefrotes Muskelfleisch zu. Bevor die junge Frau auch nur annähernd in irgendeiner Weise reagieren konnte, verlagerte das Wesen sein auf ihr verletztes Bein und drückte fest zu. Sie brüllte vor Schmerzen, biss sich fast die Zunge  ab und wand sich sofern sie es konnte, wobei sie den Großteil der Bettdecke auf den Boden strampelte. Hilflos wie ein Neugeborenes war nun dem Wesen ausgeliefert. Völlig verängstigt starrte in das verabscheuungswürdige Antlitz, das diesen Blick erwiderte und sich vor lauter Hass fast  zu entzünden schien. Sie spuckte ächzend einen Mund voll Blut aus. Von dem beißenden, metallenen Geschmack wurde ihr erneut schlecht, doch angesichts der Schmerzen hielt sich dieses Unwohlsein im Hintergrund. Das Wesen senkte den Kopf und schnaubte. Ohne jegliche Vorwarnung und mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit preschte es dann jedoch nach vorne und stellte sich triumphierend auf ihren Brustkorb. Das Gewicht drückte ihr jegliche Luft aus den Lungen. Sie keuchte und röchelte, schlug mit den Händen verzweifelt um sich, doch ohne Erfolg. Derweil schien die Kreatur das vergebliche Streben zu genießen, es noch für einige Momente auskosten zu wollen.

Schließlich öffnete es den Mund und brüllte mit einer rauen, donnernden Stimme:
Du warst schwach und hast uns ermordet! Du allein!“
Auf seiner Stirn pulsierten einige dicke Adern, welche fast zu platzen schienen.
Wir vergessen es nicht, niemals!“, fügte es noch hinzu und griff mit der rechten Hand hinter seinen Rücken, wo es eine gewaltige Klinge hervorholte. Das silberne Messer glänzte vor Schärfe, versprach Tod. Für einen kurzen Moment sah sie ihr Gesicht darin. Sah ihren geöffneten Mund, aus dem Blut triefte und die hervorquellenden Augen. Sie griff noch nach der Klinge, versuchte sich zu schützen, doch das Wesen schüttelte nur verneinend den Kopf und wischte ihre Arme mühelos weg. Für einen weiteren Versuch fehlte ihr die Kraft.

NEIN!“ quoll es noch mit ihrer allerletzten Atemluft hervor, als das Wesen aufschrie und das kalte Metall niederfahren ließ. Mühelos drang es in ihren Leib ein und zerfetzte ihr Inneres.Immer und immer wieder bohrte sich die Klinge in sie hinein, weidete sie aus wie einen Fisch. Die Kreatur lachte hysterisch und verfiel in einen wilden Blutrausch, bis das warme Blut sogar in großen Fontänen auf die Nachttischlampe spritzte, welche das Zimmer daraufhin in ein diabolisches Rot tauchte.

Schließlich legte sich Schwärze auf die Augen der jungen Frau und sie fiel in eine bodenlose Finsternis.

Schreiend wachte sie auf. Sie zitterte wie ein Herbstblatt im Wind und war gänzlich von Schweiß durchtränkt, während sie verzweifelt nach dem Lichtschalter ihrer Nachttischlampe fuchtelte. Dabei fiel ihr Wecker zu Boden sowie ihre Brille und einige Magazine, die in einem kleinen Stapel auf dem weißen Holz beisammen lagen. Da ihre Suche nach Erleuchtung erfolglos blieb und die nervenzerfetzende Furcht, welche all ihr Streben in diesem Moment lenkte, sie zur Eile antrieb, sprang sie mit flatterndem Nachthemd aus ihrem Bett. Wild stolperte sie sich durch die Dunkelheit und ihren Schreibtischstuhl hindurch und fand endlich den erlösenden Lichtschalter an der Wand. Das sechzehn Quadratmeter große Zimmer legte sogleich all seine Geheimnisse offen.

Nichts regte sich. Hektisch griff sie nach einer leeren, tiefgrünen Weinflasche, welche sie an ihrem  Ikea-Kleiderschrank zerbrechen und als Waffe verwenden würde. Doch die Stille blieb unberührt. Die Schatten schwiegen. Auch das chaotische Spiegelbild ihres Zimmers wies keinerlei Ungewöhnlichkeiten auf.Es verstrichen noch einige Momente, in denen sie wie ein in die Enge gedrängtes Raubtier ein Geräusch, eine Bewegung abwartete, geduckt in der Mitte des Zimmer stand und sich einige Male hektisch herumdrehte. Nichts.

Schließlich entspannte sie sich wieder und verfiel in diesem Augenblick in ein krampfhaftes Schluchzen. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Nachdem dieser Gefühlsausbruch überwunden war, legte sie ihre gelben Pantoffeln an und wankte dann in stiller Niedergeschlagenheit in die Küche, um sich einen teuflisch starken Kaffee zu machen. Zuvor nahm sie noch ihren MP3-Player aus einer Schublade, mit dessen Hilfe sie fürs Erste alle Gedanken mit einem krachenden E-Gitarrensolo vertreiben konnte. Aus einer kleinen, aus Walnussholz erschaffenen Schale nahm sie sich einen Apfel und biss kräftig hinein, schloss die lila unterlaufenen Augen, während die herrliche Süße über ihre Zunge glitt. Dann, als sie gerade den zweiten Bissen nehmen wollte, stahl sich jedoch ein kleiner Gedankenfetzen in ihr Bewusstsein, wodurch ihr der Appetit schlagartig verging. Lustlos warf sie das angebissene Obst in den Mülleimer und betrat im Nachthemd den Balkon, um sich dem Rauchen hinzugeben. Während sich der Aschenbecher immer mehr füllte und die Welt um sie herum langsam erwachte, blickte sie stumm den abnehmenden Mond an und wartete darauf, dass er zu ihr sprach. Doch der bleiche, einsame Fels blieb stumm an diesem Gewitter versprechenden Mittwochmorgen. Als sie schließlich in eine leere Zigarettenschachtel blickte, rauschte der Verkehr bereits in wilder Manier, Leute liefen auf den Bürgersteigen mit schnellem Schritt und gesenkten Häuptern aneinander vorbei, aus den Bäckereien waberten herrliche Düfte von frischen, noch warmen und zarten Köstlichkeiten und die Tauben flatterten umher. Aus dem Schlafzimmer meldete sich lautstark ihr Wecker und verkündete dass es an der Zeit zu duschen, zu frühstücken, sich anzuziehen und dann zur Arbeit zu gehen ist. Traurig blickte sie an sich herunter, hob das Nachthemd und strich über den flachen Bauch.
Es tut mir leid„, hauchte sie noch, bevor sie sich ihrem Alltag widmete.