Das andere Ich

Keine Hilfe kam als sie danach flehte, bettelte. Vor ihrer Familie war sie geflüchtet und von ihren Freunden wurde sie verlassen, nachdem sie ihnen Neid, Missgunst und andere schlimme Dinge unterstellt hatte. All deren Warnungen hatte sie in den Wind geschlagen und alte, lang währende Freundschaftsbande für immer zerbrochen. Damals war sie sich sicher gewesen, dass ihre Liebe zu Georg dies alles wert war. Der Eine. Doch sie hatte sich geirrt. Für ihn war sie nur eine von vielen, ein Spielzeug, ein Stück Fleisch, dass er benutzen konnte wo und wann er es wollte. Dass sie schwanger wurde war ein Versehen. Er versuchte sie zur Abtreibung zu überreden, doch das wollte sie nicht. Nun war sie auf sich gestellt.

Sie blickt in den Spiegel und sieht etwas, nicht sich selbst, nein, nur noch ein Abbild, den Schatten eines früheren Ichs. Ein Ich, das stark und unabhängig war. Früher setzte sie sich selbst unter Druck, wollte dies und wollte das, vielleicht um sich selbst etwas zu beweisen. Um ihrem alten Leben den Stinkefinger zu zeigen. Doch kam sie in all ihrem Streben nach Glück keinen Schritt voran. Je mehr sie danach lechzte, sich nach Erfolgen und der Erfüllung ihrer Wünsche verzehrte, desto mehr versteckte das Glück sich vor ihr. Dennoch, diese Phase ihres Lebens war eine, auf die sie mit Stolz zurückblicken kann. Inzwischen hat sie diese Zeit allerdings leider schon fast vergessen. Lange erträgt sie diesen miserablen Anblick im Spiegel nicht. Schon lange kann sie sich nicht mehr selbst in die eigenen Augen schauen. Sie muss sich wegdrehen und weint still in sich hinein. Von wem hätte sie denn lernen sollen wie es geht? Wie man ein kleines Menschlein erzieht. Ihm ermöglicht irgendwann selbst auf eigenen Füßen zu stehen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, unabhängig zu sein, Vertrauen zu haben, tolerant zu sein. Erziehung bestand in ihrer Familie damals aus zwei Dingen. Schlägen und Schreien. Sie hatte sich fest vorgenommen, niemals in diese Welt zurückzufallen. Armut, Arbeitslosigkeit, keine Perspektiven, Alkohol und Gewalt. Ein Sumpf, der einen festhält, nicht freigeben will. Irgendwie war es ihr dann doch gelungen sich zu befreien. Ein Schritt, der sehr viel Kraft benötigt hatte und Hilfe von guten Freunden. Freunde, die sie jetzt wieder aus ihrem Leben vertrieben hatte. Sie hatte sich einst fest vorgenommen, dass es ihren Kindern einmal besser gehen sollte wie ihr selbst. Doch ohne es zu merken, rutschte sie ab. Fiel auf ihre eigene Weise schleichend und still in das alte Milieu zurück.

 

Er. Er, dessen bisheriges Leben auch einem Scherbenhaufen glich und in den sie sich vielleicht genau deswegen verliebt hatte. Liebe aus Mitleid. Er hatte sich noch nicht von seiner Vergangenheit lösen können, traf noch einige der alten Freunde und auch Frauen, wie sie später erfuhr. Trotz aller Widrigkeiten blieben sie zwei Jahre lang ein Paar. Er ging ihr fremd, doch sie ließ es zu, hatte Angst ihn zu verlieren. Sie wurde schwanger, ungewollt. Zuerst war es wie ein Traum. Voller Vorfreude wartete sie auf ihn, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen. Aus diesem Traum wurde jedoch schlagartig ein Alptraum. Er reagierte nicht so, wie sie es erwartet hatte. Es war, als ob man sie an einem heißen Sommertag in ein Eismeer geworfen hätte. Nachdem er nun Bescheid wusste, zeigte er nicht mehr das geringste Interesse an ihr. Er kam, sie schliefen miteinander, er ging. Ließ sich tagelang nicht mehr blicken, so dass sie sogar einmal eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben hatte. Eines Abends kam er dann wieder angekrochen, wortwörtlich. Er konnte kaum stehen und hatte sich die Treppe hochgehangelt, fast noch den Schlüssel an der Wohnungstür abgebrochen. Vom Alkohol beflügelt sagte er ihr ohne Umschweife die Wahrheit ins Gesicht. Das Wir wurde von der einen Sekunde auf die andere zum Du und Ich. Ihr Gesicht versteinerte. Es bildeten sich Risse und dann zerbrach es mit einem lauten Knall in unsichtbare Trümmerstücke und Tränen, so viele Tränen. Was dann folgte war Chaos. Sie brach ihre Ausbildung ab und kam bei einer Freundin unter. Mira wurde geboren. Die Geburt verlief schnell und unkompliziert. Noch nie war sie so glücklich gewesen wie in diesem Moment. Ein Mädchen. Nein, das schönste Mädchen der Welt!

Das schönste Mädchen der Welt schrie viel, bevorzugt nachts, was ihrer Freundin den Schlaf raubte, den sie dringend benötigte. Diese arbeitete im Schichtdienst auf Mindestlohnbasis. Nicht gerade das Gelbe vom Ei, aber besser als arbeitslos zu sein und bei der Tafel Schlange stehen zu müssen. Einen Monat ging es gut, dann musste sie ausziehen.

Alleinerziehend, arbeitslos, keine abgeschlossene Berufsausbildung und kein Dach über dem Kopf. Ellenbogen raus, durchkämpfen. Irgendwie ging es dann doch und mit den Jahren gewöhnte sie sich an dieses Leben, das einen oft an der Kante stehen lässt.

Der Wecker piept. Erst langsam, dann immer schneller, doch sie dreht sich nur um und blendet es aus. Einfach liegen bleiben, dem alltäglichen Kampf aus dem Weg gehen, ihn zumindest hinauszögern. Sie schafft es kaum über die Runden zu kommen, ist mit der Miete im Verzug, die Mahnung liegt bereits auf dem Schreibtisch. Sie findet keine Zeit für sich und keine Zeit für ihre Tochter. Sie stellt den Wecker ab und beginnt zu zittern. Erst nichts weiter, nur das Brummen der S-Bahn und ihre unruhigen Atemzüge. Dann ein leises Tapsen. Der Kampf kommt zu ihr.

„Mama, Mama, bist du wach? Wann machst du Frühstück? Ich will Pfannkuchen!“ Der letzte Satz, war ein Befehl. Diese Stimme, die in ihr zwei Dinge auslöst. Wut und Scham. Sie ist wütend auf die Kleine, welche ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. „Wäre ich bloß nicht schwanger geworden“, geht es ihr oft durch den Kopf. Mira spürt das, hat das schon im Mutterleib gespürt. Eine Kluft liegt seit jeher zwischen Mutter und Tochter. Mira sucht stets die Nähe und tut alles, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erlangen. Sie kratzt, schreit, beißt, flucht, spuckt, ist der Teufel in Person, besonders dann wenn ihre Mutter gerade mit anderen Menschen redet und sie nicht im Mittelpunkt steht. Das ist für das kleine Mädchen unerträglich. Alles was sie will, ist Geborgenheit und Wärme, doch die kann ihre Mutter ihr nicht geben.

Scham. Sie bereut ihre Naivität und weiß, dass die Schuld allein bei ihr liegt und sie sich das alles selbst eingebrockt hat. Doch diese Erkenntnis macht es für sie nicht leichter. Im Gegenteil, nur bitterer. Eine erdrückende, strangulierende Bitterkeit. Nächtelang liegt sie wach, spielte schon mit dem Gedanken sich das Leben zu nehmen, doch sie kann es nicht. Dann würde sie ihre Kleine alleine lassen und das wäre nicht fair. So steht sie jedem Morgen auf, in der Hoffnung, dass alles besser wird mit der Zeit. Vielleicht wird es das, vielleicht auch nicht.

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