Das Geheimnis der Liebe

Würde ein fremder Mensch dem Herrn, von dem diese Geschichte handelt, auf der Straße begegnen, so würde er ihn im Vorbeigehen höflich grüßen, denn jener Herr strahlt eine gewisse Erhabenheit aus, die seinesgleichen sucht. Eine Erhabenheit, nicht der Kleidung oder aufgrund eines fortgeschrittenen Alters wegen, es ist viel mehr der Fall, dass diese Eigenschaft in seinen neugierigen Mandelaugen ruht, welche einen an eine duftende Tasse italienischen Espresso erinnern. Augen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen, faszinieren, festhalten, Frauen so sehr erröten lässt, bis ihnen das Blut fast in die Haare steigt. Er ist ein gänzlich ehrlicher Mensch, der es vorzieht sein Gegenüber ausreden zu lassen, dann eine kurze Zeit verstreichen lässt in der er seine Gedanken zu dem Gesagten ordnet, um schließlich eine gut durchdachte, dem Gegenüber angemessene Antwort zu geben. Eine sehr seltene Eigenart heutzutage , die ihm zu Beginn eines Gespräches mit einer fremden Person häufig als Schwerbegrifflichkeit ausgelegt wird. Sofern das Gespräch nicht im Small-Talk versickert, wird sein Gegenüber jedoch schnell feststellen, dass das erste Bild welches er oder sie sich von dem Herrn gemacht hat, in keinster Weise zutrifft und ihm gerecht wird. Sind sie zu dieser Erkenntnis gekommen, geht ein Ruck durch die Menschen und ihr Verhalten ändert sich merklich. Der Herr, der schon an diesen raschen Wandel gewöhnt ist, genießt dies mittlerweile sehr.

Vorschnelles Handeln widerstrebt dem Herrn am meisten, weshalb selbst seine Art sich fortzubewegen sehr eigen und bedächtig ist, da er jeden Fuß gezielt absetzt, um nicht etwa auf die Rillen, die zwischen den Gehwegplatten liegen, zu treten. Daher schaut er oft auf den Boden wenn er unterwegs ist, insbesondere wenn er sich auf einem Kopfsteinpflaster bewegt und dies seine ganze Konzentration erfordert. Es ist eine recht kindliche und kauzige Manier, die der Herr sich da erhalten hat und an den Tag legt und sie gibt seinen Bewegungen etwas tastendes, unbegreifbar faszinierendes, was dazu führt, dass manch einer verwundert stehen bleibt, dem Schauspiel das sich ihm da bietet zusieht und nicht recht die Intention begreift, die dahinter steckt. Ab und zu, wenn er trotz aller Vorsicht und Bedachtsamkeit auf eine der unzähligen Fugen getreten ist, macht er seinem Unmut lautstark Luft.

Seine Mutter gab ihm einst einen Rat auf den Weg, den er bis heute tief in seinem Herzen verankert hat. „Lass den Menschen die du liebst die Möglichkeit zur Veränderung. Genieße sie!“, sprach sie zu ihm. Ein Satz dessen Gewichtung ihm erst deutlich wurde, als damals die Beziehung zu seiner ersten richtigen Freundin ein Ende fand. Anfangs war alles wie in einem Traum, doch mit der Zeit hielt die Monotonie und mit ihr der Verfall der Liebe Einzug. Sie waren beide in einem Hamsterrad gefangen. Es drehte sich zwar, doch sie kamen nicht voran. Irgendwann konnte er das alles nicht mehr ertragen und zog einen Schlussstrich. Eine bittere, doch notwendige Lektion, die eine unsichtbare Narbe hinterlassen hatte und ihn vorsichtig werden ließ. Nie wieder wollte er solche Schmerzen erleiden.

Es geschah, dass sich jener wundersame Herr eines Tages in eine Tänzerin namens Sophia verliebte, die er bei einem Theaterbesuch mit anschließendem Buffet kennengelernt hatte. Liebe, ein Gefühl welches ihm mittlerweile ganz und gar zuwider war, da er es zutiefst hasste, wenn er die Kontrolle über etwas verlor, in diesem Fall sich selbst. Doch sein Drang alles zu kontrollieren, war der Intensität der Liebe einfach nicht gewachsen.

Dieses Gefühl war unerträglich für ihn, denn er hatte sich seit seiner ersten wahren Liebe nie mehr getraut sich vollends hinzugeben, zu vertrauen und fallenzulassen. Zahlreiche Frauen hatte es bereits in seinem Leben gegeben, sogar einen Sohn im Studentenalter konnte er vorzeigen, doch waren diese Beziehungen und die Zeugung eines Nachkommen von Anfang an gänzlich Stück für Stück von ihm durchdacht und geplant worden, bevor er sich darauf eingelassen hatte. Er hatte die Vor- und Nachteile eines Kindes, oder gegebenenfalls Zwillingen abgewägt und kam zu dem Schluss, dass er doch wenigstens seinen biologischen Zweck erfüllen sollte. Diese Investition an Geld und Zeit erschien ihm lohnenswert und so erblickte Jonas das Licht der Welt. Die Natur seines Sohnes, eine Mischung aus verblüffender Unbeschwertheit und Spontanität, war ihm unbegreiflich. Von „Wie der Vater, so der Sohn“, konnte man in diesem Fall wirklich nicht sprechen. Als Jonas schließlich volljährig wurde, brach der Herr jeglichen Kontakt zu ihm ab und ließ sich von seiner damaligen Frau scheiden, da diese Ehe für ihn nun mal nur eine reine Zweckgemeinschaft gewesen war, was er ihr zwar oft gesagt hatte, sie aber nie glauben wollte.

Dieses Mal war es jedoch anders. Diese wahre Liebe war eben nicht rational erklärbar, nicht planbar. Er liebte sie einfach. Dafür gab es keinen Grund. Ohnmächtig stand er diesem Gefühl aller Gefühle gegenüber und fühlte sich nackt. Kein Entkommen gab es davon. Egal wo er hinging und was er gerade beabsichtigte zu tun, ihr Antlitz schwebte allmächtig über allem und legte sich wie eine dicke Daunendecke auf seine Gedanken. Sein Verstand war in Ketten gelegt. So blieb ihm letztendlich nichts anderes übrig, als sich zähneknirschend diesem Gefühl hinzugeben und ihr seine Liebe zu gestehen. Ein Umstand, der ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb, kam er sich doch dabei ungeheuer kindisch vor. Zu seinem Glück, oder vielleicht auch Unglück, hatte sie sich auch in ihn verliebt. Schon bald konnte man sie beide Arm in Arm über die Einkaufsstraßen und von Café zu Café schlendern sehen. Ein glückliches, verliebtes Pärchen. Während seine Freundin sich darüber keine weiteren Gedanken machte und den Dingen einfach ihren Lauf ließ, kam der Herr nicht zur Ruhe. Er machte es sich zur Lebensaufgabe dem Geheimnis der Liebe auf den Grund zu gehen. Jahre vergingen, Kinder wurden geboren, ein Haus gebaut, doch all die Zeit über zog er sich, sofern sein Alltag es zuließ, an seinen Schreibtisch zurück und machte sich von Zigarettenrauch umhüllt Gedanken. Er analysierte, stellte Berechnungen an, studierte die Werke bekannter Philosophen, die sich mit der Liebe beschäftigt hatten, ordnete seine Ergebnisse in Tabellen an und begann sogar damit Formeln aufzustellen, doch alles war zwecklos. Nichts konnte er vorweisen, nur vage Theorien. Dann, gerade als seine jüngste Tochter gelernt hatte, wie man ohne Stützräder Fahrrad fährt, gelang es ihm endlich. Freudig sprang er auf, um die Entdeckung seiner Frau mitzuteilen. Diese saß gerade am Küchentisch auf einem kleinen Holzschemel und war damit beschäftigt Äpfel für einen Kuchen zu schälen. Doch wie er in die Küche trat und sie so dasitzen sah, musste er feststellen, dass seine Liebe für sie erloschen war. Ihr Anblick entfachte nichts mehr in ihm. Ihre Augen hatten den Glanz verloren, den er bisher so geliebt hatte. Es waren nur noch zwei glibberige Kugeln, die jeder x-beliebigen Frau auf der Straße gehören konnten. Der einzige Unterschied war, dass nun eine dieser Frauen in seiner Küche saß und ihn erwartungsvoll anblickte. Auch seinen Kindern und Freunden gegenüber empfand er nichts mehr. All seine Erklärungsversuche waren zwecklos. Nicht lange dauerte es und die Ehe zerbrach.

Der Herr gebrochen und niedergeschlagen verdammte seine Neugier, seine Beharrlichkeit. All seine Aufzeichnungen, in denen das Geheimnis der Liebe offengelegt wurde, verbrannte er. Niemandem sollte es je wie ihm ergehen.

Er zog aus und nahm sich eine Wohnung außerhalb der Stadt. Wie ein Geist wandelte er zwischen den Menschen umher, konnte keine Freundschaften schließen, war allein. Auf der Arbeit ließ man ihn in Ruhe. Er war wie ein Roboter, machte seine Arbeit und war stets pünktlich, das genügte seiner Chefin.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, woraufhin er kündigte und auf Reisen ging, in der Hoffnung das Geheimnis der Liebe zu vergessen, doch nichts half. Aus Kummer nahm er sich schließlich das Leben, indem er sich von einer Brücke in den morgendlichen Berufsverkehr warf, was einer etwas betagteren Dame ziemlich den Tag versaute.

Er erwacht. Grelles Licht empfängt ihn, blendet ihn. Wo bin ich? Was ist passiert? Wer bin ich? Fragen über Fragen, die ihn wie Heuschrecken überfallen. Eine warme Hand drückt seinen Kopf sanft zurück in das Kissen, ruhige Worte werden ausgesprochen. Der Herr schläft wieder ein. Krankenhaus, Suizidversuch, kein Anhaltspunkt. Als er so durch die Krankenhausgänge schlendert fällt sein Blick auf eine junge Frau im Rollstuhl, die gerade vergeblich versucht einige Münzen in einen Getränkeautomat zu werfen. Er beschließt zu helfen und tritt neben sie. Als ihre Augen sich treffen machen ihre Herzen einen gewaltigen Sprung. Die Zeit steht für einen Moment still. Liebe. Neuanfang.

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