Das Wolkenschiff

Manchmal wenn ich wirklich traurig bin und mich nichts anderes mehr aufmuntern kann, dann steige ich auf mein Wolkenschiff und fliege einfach weg. Anfangs hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, denn Mama und Papa wären sicher wütend geworden, wenn sie davon gewusst hätten. Doch ich habe ihnen kein Wort gesagt und werde es auch nicht, niemals!

Es hat ganz schön lange gedauert das Wolkenschiff zu bauen, aber ich war dabei zum Glück nicht allein, sondern einige Tiere haben mir geholfen und Ideen geliefert. Aber das ist eine andere Geschichte. Angefangen hat alles in meinem Zimmer, mit einer Schere und ganz viel Papier. Daraus habe ich ein großes Papierflugzeug gebastelt. Ein wirklich verdammt großes Papierflugzeug! Es war so lang wie mein Bein und eine Katze hätte sicher bequem darauf Platz gehabt. Aber naja, Katzen mögen das Fliegen nicht, das weiß ich mittlerweile.

Irgendwann bin ich nachts mal aufgewacht und habe ein leises Summen und Brummen gehört. Es klang, als ob jemand ein Handy mit Vibrationsalarm in eine Blechdose gesteckt hatte, aber es war viel, viel leiser. Zuerst hatte ich ein bisschen Angst und bin in meinem Bett geblieben und habe gehofft, dass das Summen wieder aufhört. Hat es aber nicht.

Bsss – Summ – sssssssummmmbrumm – Summ – Bsss- Summ – sssssssummmmbrumm – Summ

Immer das gleiche komische Herumgesumme und scheppernde Gebrumme. Irgendwann war ich dann aber doch wirklich neugierig. Was summt da so? Was brummt da so?
Also bin ich aus meinem Bett geklettert. Das hat ein bisschen gedauert. Wenn ich mitten in der Nacht aufwache, dann kann ich erst einmal gar nicht klar denken. Es fühlt sich an, als ob ich in einem dichten Nebel stehe. Ein Nebel der müde macht und mich wieder in mein Bett zurückschicken möchte. Aber irgendwann war der Nebel dann weg. Mitten in der Nacht kann es auch ganz schön unheimlich sein. Ich darf dann nicht an das Fenster gucken, denn ich habe Angst dort ein Gesicht zu sehen. Unter meinem Bett sind keine Monster, das weiß ich. Eine Weile lang habe ich jede Nacht eine Taschenlampe eingeschaltet und unter mein Bett gelegt. Dann habe ich mich hingesetzt und die Schatten an der Wand beobachtet. Doch da ist nie etwas passiert, die Schatten haben sich nie bewegt. Zum Glück. Mein Fenster ist mir nachts trotzdem noch unheimlich. Aber egal, ihr kennt das vielleicht. Wo war ich bloß? Ach ja, das Brummgesumme. Zuerst habe ich meine Nachttischlampe angemacht und mir mein Zimmer angesehen, doch da war alles normal. Dann bin ich aufgestanden und habe das große Licht angemacht und die Nacht war aus meinem Zimmer verschwunden, wie weggejagt. Das Summen kaum aus meiner Spieleeecke. Ganz langsam und ganz vorsichtig bin ich dort hingeschlichen. Wie eine Katze auf der Jagd habe ich mich gefühlt. Das Summen wurde immer lauter und lauter. Schließlich sah ich, was da so summte. Es war das Papierflugzeug, welches ich mir gebastelt habe. Das war ziemlich, ziemlich unheimlich. Es schien auch leicht zu leuchten. Ein blaues, ganz unbedeutendes Leuchten. Ein Glühwürmchenleuchten in Blau. Das wollte ich mir genauer ansehen! Erst einmal bin ich um das Flugzeug herumgegangen und habe geguckt, ob da vielleicht irgendein Tierchen unter einem der Flügel sitzt und dort die Geräusche macht. Aber da war nichts. Kein Tier, nur das leise Summen und Brummen und das Leuchten. So stand ich also mitten in der Nacht in meinem Zimmer und lief im Kreis um dieses Flugzeug herum. Hätten Mama und Papa mich dabei gesehen, wären sie sicher wütend geworden (besonders Papa, der wird immer sehr wütend) und hätten mich in mein Bett zurückgeschickt. Zum Glück haben sie fest geschlafen und das Brummgesumme nicht gehört.

Ich war so neugierig. Was war da los mit diesem Flugzeug? Und naja, dann konnte ich nicht mehr anders und habe es angefasst. Und  – WUSCH  – alles wurde plötzlich blau um mich herum. Ihr werdet es mir nicht glauben, aber es ist wahr was ich euch erzähle! Plötzlich war da ein wahnsinniger Wind, der mich und das Flugzeug gepackt hat und aus meinem Zimmer und hoch in den Himmel geweht hat, ultrahoch! So hoch, dass ich meine Hände ausstrecken und in eine Wolke greifen konnte. Unter mir schlief die Welt und ich konnte die ganzen Lichter sehen. Autos, Straßenlampen, alles so unglaublich winzig.
Ich flog fast wie ein Vogel. Anfangs hatte ich noch große Angst, aber nach einer Weile gewöhnte ich mich an das Fliegen und genoss es. Neben mir flog mein Papierflugzeug und es sah aus, als würde es gleich zerreißen und abstürzen. Aber es ging nicht kaputt. Ganz im Gegenteil. Als ich es ansah, veränderte es sich plötzlich. Es wuchs. Es wuchs und wuchs und wuchs. Schon bald war es so groß wie eine Badewanne und nach ein paar Minuten war es so groß wie mein Zimmer. Und dann hörte ich eine angenehme, ruhige Stimme zu mir sagen:
Ich bin es, dein Wolkenschiff. Hier neben dir. Ich bin kein einfaches Papierflugzeug, nein! Ich bin so, wie du es möchtest. Du musst dir nur etwas vorstellen und ganz fest daran glauben, dann verändere ich mich.“

Ich war total baff und konnte erst einmal nichts sagen. Schließlich passiert so etwas nicht jeden Tag. Der Wind zerrte an meinen Haaren und wuschelte sie mir durch. Komischerweise war mir überhaupt nicht kalt. Mir war eher warm. Eine Wärme, die aus mir selbst zu kommen schien, wie eine kleine Heizung in meiner Brust.
Denk ganz fest an etwas, vielleicht an einen Mast und ein Segel und du wirst schon sehen, was dann passiert.“, rief das Papierflugzeug. Es hatte zwar gesagt, dass es ein Wolkenschiff war, aber ich wollte ihm noch nicht richtig glauben.
Okay“, sagte ich unsicher und dachte fest an einen Mast aus Holz und ein weißes Segel, wie ich es mal in einem Buch über Schiffe gesehen habe, dass ich in der Schule gelesen habe. Und tatsächlich, das Papierflugzeug veränderte sich. Aus den Flügeln wuchs in Windeseile ein großer Mast. Wie ein Baum, nur viel, viel schneller. Es knackte und krachte und ich dachte schon, dass das Flugzeug gleich auseinanderbricht. Aber es passierte nichts dergleichen und der Mast wurde immer dicker und höher. Schließlich stand er wie ein übergroßes T auf dem rechten Flügel des Flugzeuges. Dann hörte ich ein lautes Rauschen. Aus einer Wolke vor mir löste sich ein riesiger Fetzen und kam blitzschnell auf uns zu. Während der Wolkenfetzen auf uns zuflog, veränderte er jedoch seine Form. Und wieder konnte ich meinen Augen nicht trauen. Aus dem Wolkenstück hatte sich doch tatsächlich ein richtiges Segel gebildet, welches mit einem feuchten Klatschen auf den Mast prallte. Gut, es war kein richtiges Segel. Man sah, dass es aus Wolken bestand, waberte es doch wackelpuddingartig umher, aber irgendwie machte es trotzdem einen ziemlich festen Eindruck. „Ich glaubs nicht!“, stammelte ich und rieb mir dabei die Augen. Als ich sie aufmachte, war aber alles noch da. Ich flog immer noch durch den bewölkten Nachthimmel und neben mir war mein Papierflugzeug mit dem Mast und dem Segel, das wild herumschlotterte. Mittlerweile weiß ich, dass es keine reißfesteren Segel als Wolkensegel gibt!

Ich bin dein Wolkenschiff und du bist mein Kapitän. Dies ist dein Traum, deine Welt. Sie ist so, wie du sie magst möchtest“, rief das Wolkenschiff.
Und naja, so begann alles. Ich musste nur fest an etwas denken und das Wolkenschiff veränderte sich. Dachte ich an ein Steuerrad, so erschien es auf zauberhafte Art. Dachte ich an Holzbretter, so verwandelte sich das Papier in Holz. So habe ich mir mein eigenes, riesiges Wolkenschiff erschaffen, mit einer tollen Galionsfigur vorne am Bug. Das fantastische war allerdings, als ich daran dachte, dass ich ein paar Matrosen gebrauchen könnte. Es war doch schon recht einsam, so ganz alleine auf diesem riesigen Schiff. Kaum hatte ich daran gedachte, rumpelte und pumpelte es laut. Die Geräusche kamen aus dem Inneren des Schiffes, wo ich mir einige tolle Zimmer ausgedacht hatte. Eines ist ein wilder Dschungel, mit einem kleinen Baumhaus in der Mitte, in dem ich ab und zu schlafe. Die ganzen Pflanzen sind wie der Mast einfach aus dem Boden gewachsen, manche aber auch aus den Wänden und der Decke. Durch ein anderes Zimmer fließt ein kleiner Fluss auf dem Papierschiffchen fahren. Wie das alles funktioniert, kann ich dir nicht sagen. Der Fluss entspringt einer kleinen Höhle, in der auch ein Schwarm Fledermäuse lebt. Vielleicht falten die die ganzen Papierschiffchen. Ich weiß es nicht. Das muss ich mal überprüfen.

Also jedenfalls hat es unter Deck laut gepoltert, so als ob etwas sehr schweres auf den Boden gekracht wäre. Und dann, als ob es ganz selbstverständlich wäre, kamen plötzlich unzählige Tiere aus dem Schiffsinneren und marschierten vor mir auf. Manche krochen, andere liefen, manche flogen. Ein bunter Haufen und alle riefen erst einmal laut durcheinander, dass ich mein eigenes Wort kaum mehr verstehen konnte.
Wer seid ihr? Was macht ihr hier?“, schrie ich und die Tiere hörten sofort mit dem Chaos auf. Hier und da schnatterte noch eine Ente und miaute eine Katze, aber das war okay.
Wir sind deine Mannschaft! Du hast dir gewünscht, nicht mehr so einsam zu sein und hier sind wir! Zu Befehl Kapitän“, riefen sie laut im Chor und salutierten, jedes Tier auf seine Art.
Und so war ich nicht mehr alleine. Mein Herz glühte vor Freude und ich rief laut:
Aye, aye ihr Landratten. Segel setzen und Kurs Nordosten!“ (wobei Landratten ein bisschen unfair gegenüber den ganzen Vögeln war)
Auf diese Weise begannen meine abenteuerlichen Reisen. Ihr werdet es nicht glauben, aber der Himmel ist voller, als man es denkt. Immer wieder stießen wir auf gewaltige Himmelsinseln, die es zu entdecken galt und manchmal lebten auf diesen Inseln auch bisher unbekannte Tiere, welche wir mit an Bord nahmen. Ich wette von euch hat noch nie jemand einen Landkraken gesehen. Das sind sehr kluge Tiere und mit ihren vielen Armen können sie wirklich fantastisch kochen.

 

 

Ein Wolkenschiff erbau ich mir,

es hundert Riesen fassen kann,

mit Mästen dick wie zwanzig Mann,

und als Matrosen nur Getier.

 

Wolkenstürmer, Brisenreiter, Himmelsass und Sternenglanz,

Windewüter, Hagelhammer, Blauer Blitz und Donnertanz

ach tausend Namen geb ich dir,

du holdes Schiff, gehörst nur mir!

 

Mein Wolkenschiff am Himmel schwebt,

der Wind ihm durch die Segel weht,

es tausend Riesen fassen kann,

mit Mästen dick wie vierzig Mann.

 

Im Krähennest ein Adler sitzt,

und wachsam in die Ferne blickt,

und wenn es einmal stürmt und blitzt,

dann spielt das ganze Schiff verrückt,

Holt ein das Segel, los jetzt schnell“,

ruf ich und zieh am Seile stramm,

der Himmel bricht und leuchtet grell,

ein Bär hilft was er helfen kann.

 

Dann ist der Sturm zum Glück vorbei,

noch hinter uns der Donner bebt,

ich lache laut und fühl mich frei,

solch Wetter mir das Herz belebt.

 

Der Wind spielt eifrig mit dem Haar,

in dem die Nässe sich versteckt,

die Sonne scheint so hell und klar,

ihr…

 

LUKAS! Essen ist fertig. Komm, ich sags nicht zweimal!“

 

Ein Schrei bringt mich zurück ins Jetzt,

wie könnte es auch anders sein,

das echte Leben ist gemein,

und holte mich mal wieder ein.

 

Durchs Fenster wandert leerer Blick,

ich wünsch mich in den Traum zurück

mein Vater mir nur Schmerzen schenkt,

die Hand ein schwacher Wille lenkt,

und Mutter sieht bloß schweigend zu,

sagt: „Lass den Jungen bloß in Ruh!“,

doch tut sie nichts, sie steht nur da,

bis meine Wangen kirschenrot,

sie hilft mir nicht, sie steht nur da,

sie hilft mir nicht, in meiner Not.

 

Ach das Hier behagt mir nicht,

es ist so grau, es ist so trist,

doch bald schon ist es wieder still,

und ich flieg fort wohin ich will,

steig auf mein Wolkenschiff zugleich,

und segle fort, ins Blaue Reich,

ich segle fort, an einen Ort,

wo niemand mich mehr schlagen kann,

wo niemand meine Seele bricht,

wo niemand über Träume lacht!

 

Ein Wolkenschiff erbau ich mir,

es tausend Riesen fassen kann,

mit Mästen dick wie achtzig Mann,

und als Matrosen nur Getier!