Entfremdung

Während die Straßen sich langsam füllen und Millionen Liter Kaffee in verschlafene Gesichter fließen, liegt eine Frau, der man einen gewissen äußerlichen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, noch in ihrem Bett und starrt entsetzt einen Mann an, der neben ihr liegt. Die schöne Frau – es ist eine natürliche Schönheit, keine durch Make-up erzwungene – findet sich an diesem Morgen in einer verdrießlichen Lage wieder, ist ihr doch dieser Mensch, welcher sich gerade im Schlafe zu ihr umdreht und mit offenem Mund vor sich hin dämmert, gänzlich fremd. Ein Bild auf ihrem Nachttisch behauptet allerdings trotzig das Gegenteil. Er, sitzend auf einer Holzbank und sie, stehend, ihn von hinten umarmend. Fröhliche Gesichter, weiße Zähne, Zeugnisse einer glücklichen Zeit. Doch sie misstraut dieser Fotographie. Man hätte das Bild schließlich auch fälschen und es dort, während sie schlief, auf dem Nachttisch platzieren können, um den Anschein zu erwecken, dass zwischen ihr und diesem Fremden eine Verbindung bestand bzw. besteht. Doch wer würde sich solch eine Mühe machen? Was ihr an diesem Menschen so fremd vorkommt, dass könnte sie auf die Nachfrage einer Freundin oder eines Freundes nicht in Worte fassen und dennoch ist es für sie unbestreitbar wie ein mathematisches Gesetz, dass in diesem Moment eine Distanz zwischen ihr und ihrem Bettnachbarn besteht. Ob er ihr schon immer fremd war, dass vermag sie nicht zu sagen. Kalter Schweiß dringt ihr aus den Poren, ihr Herzschlag beschleunigt sich. Sie bekommt es mit der Angst zu tun, denn sie weiß nicht wie sie sich verhalten soll, wenn dieses Etwas neben ihr schließlich die Augen aufschlägt und sie eventuell bei ihrem Namen nennt, eine Reaktion erwartet. Was soll sie sagen? Was tun? Gelähmt geht ihr Blick an die weißgestrichene Decke. Verzweifelt versucht in dem Muster der Tapete Antworten zu finden, doch nichts will sich ihr eröffnen. Während sich ihre Stirn in Falten legt und ihre Gedanken im Kreis rasen, schlägt der Fremde neben ihr die Augen auf, gähnt, seufzt und beugt sich dann zu ihr herüber, um ihr einen Gutenmorgenkuss auf die Lippen zu drücken. Die Nacht liegt noch in seinem Atem. Von der Selbstverständlichkeit dieser Geste überrumpelt, die anscheinend ein gefestigtes Ritual zu sein scheint, nimmt sie angewidert den Kuss an. Als er sich aufrichtet und vom Bett erhebt, stöhnt die Matratze gequält auf und sie muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie sich beide anscheinend schon die ganze Zeit in völliger Nacktheit befanden, bedeckt nur von den beiden schwarz-weiß gepunkteten Bettdecken aus einem schwedischen Möbelhaus. Lautstark läuten die Kirchenglocken den neuen Tag ein und als er rüber zum Schrank geht, sich einen Morgenmantel aus dem Schrank überstreift und in ein Paar karierter, recht altbackener Pantoffeln steigt, tun seine Hoden es diesen nach. Ihr Blick gleitet auch auf sein schlaffes Glied. Panik. Was ist passiert? Warum ist er nackt? Haben sie etwa in dieser Nacht miteinander geschlafen? Mit äußerster Vorsicht zieht sie die Decke schützend an sich heran, die Verhüllung ihres nackten Leibes intendierend, möglichst so, dass es der Fremde nicht mitbekommt. Es gelingt.

„Ich mach dann mal Frühstück. Ich ruf dich dann wenn‘s fertig ist“, murmelt der Fremde mehr als dass er spricht und setzt sich mit kurzen, trägen Schritten in Bewegung. Schlurfend verschwindet er in der Türe. Anscheinend kennt sich diese Person in ihrem Haus aus. Nur so kann sie es sich erklären, dass schon nach kurzer Zeit das Küchenradio durch die Wohnung schallt und die Ruhe mit zu gutgelaunten Radiomoderatoren und billigem Chart-Pop zerreißt. Woher nimmt dieser Kerl bloß seine Dreistigkeit? Wie vermessen ist er, um eine Vertraulichkeit zwischen ihnen als selbstverständlich zu erachten? Auch auf diese Fragen findet sie keine Antwort und so unterstellt sie ihm eine kühne Rücksichtslosigkeit. Sie beschließt vorerst diese Rolle anzunehmen, die ihr von wem oder was auch immer aufgezwungen wurde. Rühreiduft. Rufen. Nachdem sie sich angekleidet hat, folgt sie dem Geruch und setzt sich misstrauisch auf den Stuhl am Kopfende des Tisches – den „Chefsessel“ – nicht ohne den Herrn aus den Augen zu lassen, der ihr noch den Rücken zugewandt hat und anscheinend gerade mit der gerechten Verteilung des Rühreis beschäftigt ist.
„Du bist heute aber flott, sonst muss ich dich ja fast schon aus der Kiste rausziehen, alles okay?“, erkundigt er sich, nachdem er schließlich auf zwei blauen Keramiktellern erfolgreich zwei gleichgroße Häufchen Rührei errichtet und mit frischem Schnittlauch bestreut hat. Dazu gibt es Brot mit Butter und jeweils eine Tasse Pfefferminztee für jeden von ihnen.
Alles in Ordnung“, entgegnet sie und versucht die Unsicherheit in ihrer Stimme zu vertuschen.  Er scheint ihr diese Lüge abzukaufen, denn im weiteren Gesprächsverlauf geht er darauf gar nicht mehr weiter ein, sondern berichtet ihr über allerlei Vorkommnisse in der Welt, wie zum Beispiel den Bau eines Kreisverkehres in ihrem kleinen Städtchen und dem Ergebnis des DFB-Halbfinales. Im Verlaufe dieses Gespräches stellt sie fest, dass dieser ihr noch immer recht fremd anmutende Herr ganz sympathisch zu sein scheint und so bleibt sie sitzen und lässt den Dingen ihren Lauf.

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