Der Nebelgeist

An einem kühlen Herbstmorgen geriet ein Nebelgeist in eine ernsthafte Identitätskrise. All die Jahrzehnte zuvor hatte es ihm außerordentliche Freude bereitet Spaziergänger, sowie Auto- und Fahrradfahrer ein unwohliges Gefühl zu bereiten, sie zu erschrecken, doch nun saß er bedrückt auf einem nassen Stein am Rande einer Landstraße und schwieg. Hinter ihm lag ein weites Rettichfeld, vor ihm erstreckten sich einige Hügel, auf denen Trauben angebaut wurden. Sie wirkten bei Sonnenschein aus der Ferne wie eine gewaltige, in kleine Quadrate aufgeteilte und in Herbstfarben gestrickte Wolldecke, welche man auf die Hügel gelegt hatte. Die geteerte Straße an der sich der Nebelgeist heute niedergelassen hatte, verband zwei kleine Ortschaften wie ein dünnes Band. Ab und zu fuhr mal ein Auto vorbei und der Nebelgeist regte sich, ansonsten blickte er mit leeren Augen in die weiße Stille. Um ihn herum war die Zeit wie angehalten. Ohne eine Uhr vermochte man nicht zu sagen, ob es nun Morgen oder Abend ist, oder ob sich die Zeit nicht vielleicht sogar zurückbewegt. Vielleicht ist dies der Grund für meine melancholische Stimmung, diese Zeitlosigkeit, diese vorgetäuschte Ewigkeit, dachte der Geist. Er wusste tatsächlich nicht, wie lange er nun schon rastlos durch das Land zog und die Menschen zu gruseln versuchte. Auf jeden Fall Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte. Das fleckige, zerfressene Herbstlaub lag verloren auf dem feuchten Teer herum und wünschte sich seine alte Pracht zurück, wünschte sich wieder an die Bäume. Er bückte sich und blickte einen fingerlangen Pilz an, dessen karamellbraune Kappe mit einigen kleinen Wassertröpfchen besetzt war.
Wo kommst du wohl her mein pilziger Freund? Wo komme ich bloß her?, ging es ihm durch den durchsichtigen Kopf. Seine Erinnerungen waren mittlerweile nur noch fetzenhaft und verzerrt, wie der Nebel, in dem er sich bewegte.
Bilde ich mir dies alles vielleicht nur ein? Bin ich überhaupt real, oder nur ein Traum?“, murmelte er müde. Er hätte sich wohl vollends in seiner Nachdenklichkeit verloren, wenn er nicht in diesem Moment einige erstickte Laute gehört hätte, die durch die dicke Nebelsuppe drangen. Stimmen. Sie kamen näher. Zwei Menschen, zwei Frauen vermutete er, die auf dem kleinen Fußgängerweg neben der Straße entlangliefen. Zögerlich erhob sich der Nebelgeist und sah an sich herab. Sein durchsichtiger, menschenähnlicher Körper schimmerte in dem mageren Sonnenlicht und waberte in leichten Wellen umher, ging an manchen Stellen sogar fließend in den dichten Nebel über. Ob er einst ein Mensch gewesen war, oder schon immer ein Nebelgeist, vermochte er leider nicht mehr zu sagen.
Worauf habe ich heute Lust?, überlegte er und begann den ersten Teil seiner Verwandlung. Sogleich schien sein astraler Körper eine unsichtbare Kraft aus der trüben Luft aufzunehmen. Der Nebelgeist fing an zu wachsen. Er wuchs und wuchs, bis er haushoch über der Straße, dem Weg und dem Feld thronte. Als er dies vollbracht hatte ließ er seiner Phantasie freien Lauf und dachte an einen riesigen Raben. Ein gespitztes Ohr hätte nun ein leises, wallendes Rauschen vernehmen können, das die Luft erfüllte. Seine Arme zerflossen zu riesigen Flügeln, sein Gesicht wurde spitz, sein Körper schmal und so erhob sich nur wenige Momente später ein gewaltiger Nebelrabe über die Erde und schwebte laut- und schattenlos auf die beiden Stimmen zu. Der Nebelgeist hatte sich geirrt. Es waren ein etwas älterer Mann und seine Tochter, die einen Morgenspaziergang mit ihrem Hund machten.Eine junge Rauhaardackeldame, welche wie wild an ihrer Leine zog und ein lebhaftes Interesse an allem hatte, dass sich in ihrer Maulreichweite befand,inklusive Hundekacke, Plastikfetzen, Papier, Zigarettenstummel und anderem Müll. Laut fluchend zog der Vater ein spitzes Holzstück zwischen den Zähnen des Tieres hervor und warf es in ein Gebüsch am Wegesrand. Danach rieb er sich die vollgeschleimten Hände an seiner Jacke ab und schimpfte den lebenslustigen Hund aus, der energisch an der Leine zog und bereits die nächste Beute im Blick hatte, eine leere Pizzaschachtel. Als der Nebelgeist über die drei hinwegzog, bemerkte ihn leider nur das Mädchen, welches atemlos stehen blieb. Wie ein Traum gleitete er an ihr vorbei. Er fühlte die Gänsehaut auf ihren Armen, den immer rasanteren Rhythmus ihres pochenden Herzens. Und schon bevor das Mädchen überhaupt den Mund öffnen und ihrem Vater von ihrer Beobachtung berichten konnte, war er bereits wieder verschwunden, zerfloss in breite Schwaden und wurde für kurze Zeit eins mit dem dichten Weiß. Solch eine Mühe gab er sich nur bei Fußgängern und Fahrradfahrern. Autofahrer rauschten einfach viel zu schnell an ihm vorbei und bekamen dabei oft überhaupt nicht mit, dass er sich vor oder neben ihnen aufgebaut und verwandelt hatte.

Er war zufrieden mit dieser Spukaktion. Zumindest dem Mädchen würde er für längere Zeit in Erinnerung bleiben, vernahm er doch ihr Schluchzen und Wimmern sogar in einiger Entfernung noch. Ihr Vater versuchte sie zu besänftigen, hatte aber nur mäßigen Erfolg. Die Dackeldame bellte aufgeregt und sprang hektisch an den Beinen des Mädchens hoch, fühlte die Verwirrung ihrer Herrin. Langsam glitt der Nebelgeist in seiner aufgelösten Form auf einen alten, hohen Walnussbaum zu und begann sich an dessen Stamm wieder zusammenzusetzen. Im Vergleich zu einer Verwandlung dauerte dieses Zusammensetzen sehr lange und er kam sich währenddessen immer schrecklich nackt und verletzlich vor. Nachdem sein Körper wieder einigermaßen menschliche Konturen angenommen hatte, schwebte er nach oben und setzte sich auf einen dicken Ast, der aufgrund der Feuchtigkeit ganz glitschig war. Sanft strich er über die raue Rinde. Als er schließlich zur Ruhe gekommen war, begann der Nebelgeist wieder mit dem Nachdenken. Wie ein zähes Gift plagten ihn an diesem Tag seine Gedanken. Irgendetwas war heute anders, das fühlte er tief in sich. Er versuchte sich abzulenken, indem er aus seinen Fingern kleine Nebelschwaden entsandte und diese in allerlei Tiere verwandelte, welche wild hin- und hersprangen und um ihn herumflogen. Ein kleiner Nebelzirkus, der ihm allerdings nur kurze Zeit Freude bereitete. Mit einem müden Wisch seiner Hand verflog das angeregte Treiben wieder. Er sehnte sich nach einer Veränderung. Nach einer Abwechslung. Nach….nach….er wusste es selbst nicht genau. Irgendetwas außer dem Nebel. Er schrie los und es klang, als würde ein Wind durch ein hohles Geländer pfeifen. Er hatte es satt. Er hatte den Nebel satt. Er hatte das Spucken und das Erschrecken satt. Er hatte die Stille satt. Er hatte es satt ganz alleine zu sein. Wütend sprang er von dem Baum hinab und stieß seine Hände tief in den Nebel hinein, schien die Luft selbst zu ergreifen.  Alles um ihn herum fing an zu vibrieren, sodass die Blätter des Walnussbaumes ängstlich hin- und herwankten. Der Nebelgeist wusste nicht, was er da gerade tat, aber irgendein Gefühl sagte ihm, dass es das Richtige sei. Fest entschlossen riss er unter all seinen Kräften den dicken Nebel wie einen Vorhang entzwei. Eine unglaubliche Wärme empfing ihn und umhüllte seine Seele, als er aus dem weißgrauen Schleier trat und von gleißendem Sonnenlicht empfangen wurde.

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