Zeit heilt nicht alle Wunden

Licht fällt durch die halbvolle Flasche Whiskey am Fenster. Ein beruhigendes warmes Licht, aber trotzdem unwillkommen. Er reißt stöhnend die Vorhänge zusammen, die Flasche fällt und der Alkohol ergießt sich über ihn, danach kommt der Staub. Verärgert wischt er sich mit dem Laken sauber und bleibt dann noch eine Weile liegen. Sein Kopf pulsiert, jeder Herzschlag gibt ihm einen Stoß, der tief dringt und sich anfühlt, als würde sein Kopf in einem Schraubstock stecken, der immer fester zugezogen wird. Frühstück im Bett, Aspirin und Bier auf Ex, fast romantisch, wäre da nicht der Duft des Häufchens Erbrochenem neben dem Bett, der ihm wie eine Spinne in die Nase kriecht. So pappig und widerlich wie sein Mund schmeckt, hat er wohl letzte Nacht einige von diesen als nächtlichen Imbiss genossen. Er dreht sich um, blickt flehend zum Nachttisch. Das Geld ist wieder mal weg. Sie auch. Ein bitteres Aroma gesellt sich zu seiner Mundmüllhalde dazu. Als er eingeschlafen ist, ist sie gegangen, hat ihn noch einmal angesehen, ihn bedauert und sich dann schließlich rausgeschlichen in die schmutzigen, menschenleeren Gassen. Mit einer Zigarette im Mundwinkel torkelt er durch die kalte Wohnung, das Licht, dass durch die Fenster fällt wird zunehmend schwächer, kälter. Er hat den Kühlschrank angepeilt, zwischendurch muss er aber erst einen Boxenstopp auf dem Klo einlegen. Am Kühlschrank angekommen, blickt er auf die Bilder, die daran hängen und beginnt erst zaghaft auf sie einzutrommeln, dann grob einzuschlagen. Wie ein wildes Tier im Todeskampf rammt er seine Fäuste in das Metall, die Bilder, seine Vergangenheit, seine Erinnerungen. Schließlich kann er nicht mehr und sackt erschöpft zu einem elenden Haufen zusammen, warmes Blut rinnt ihm die Hände herab und mischt sich mit dem Dreck, der am Boden liegt. Die alten Krusten sind wieder aufgerissen. Noch leicht zitternd dreht er die Heizung hoch und bahnt sich seinen Weg ins Bad, um sich den ganzen Mief vom Körper zu spülen. Doch vorher der notorische Blick in den Spiegel, der einem in solchen Fällen nie Gutes bringt. Ein Junkie, oder Obdachloser, er könnte alles darstellen, nur sich selbst nicht, und doch blickt ihn dieses fremde Gesicht im Spiegel an. Er zieht sich an, räumt noch kurz auf und verlässt dann die Wohnung.

Ein nasskalter Wind begrüßt ihn enthusiastisch, als er auf die Straße tritt. Pfeifend bahnt sich dieser seinen Weg durch die Stadtschluchten um die Unvorsichtigen und Leichtsinnigen ihrer Hüte zu entledigen und dem Rest die Stimmung zu vermiesen. Laut trommelt der einsetzende Regen auf seinen Schirm ein, jeder Tropfen laut wie ein Glockenschlag, der ihm direkt ins Hirn zieht. In seinem Kopf eskaliert der Schmerz noch immer. Die Viertelstunde Fußmarsch kommt ihm ewig vor, aber als er schließlich das Gartentor aufstößt und ihm ein fröhliches, zahnloses Kinderlächeln durch ein Fenster geschenkt wird, ist fast alles wieder vergessen. Wärme empfängt ihn als ihm die Tür geöffnet wird, ein vertrauter, ihn betörender Geruch steigt ihm in die Nase: Zuhause.

Der Regen hämmert gegen die Fenster und der Wind lässt das Haus erzittern. Zögerlich frägt er, wie ihre Woche denn so gewesen sei, verzweifelter Smalltalk um Zeit zu schinden, aber sie ignoriert ihn und bittet ihn zu gehen, mitsamt der Kleinen. „Bis Sonntagabend, sei pünktlich bitte!“ Es gibt so viel, was er ihr noch sagen möchte, aber dafür ist es schon lange zu spät. Er nimmt die kleine Hand, die schon ungeduldig auf ihn wartet, und tritt mit ihr in den Sturm.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s