Die Eiche

Auf einer Lichtung erhob sich einst eine kleine Eiche aus dem Erdreich. Ein junger Mann, der gerade über die Lichtung schritt, sah dies und war gebannt. Ergriffen sah er zu, wie sich der kleine Baum aus der Erde räkelte und zur Sonne streckte. Er goss ihn, sofern nötig, jeden Tag. Ab und zu düngte er ihn sogar. Liebevoll streichelte er die Blätter und legte sich zu diesem Sprössling hinzu, um ein Nickerchen zu halten. Ein wahrhaft sonderbares Schauspiel für einen Beobachter. Er verbrachte fast seine ganze freie Zeit damit, der kleinen Pflanze die neuesten Nachrichten aus aller Welt vorzulesen, erzählte ihr Erlebnisse aus seinem Alltag, las ihr sogar ganze Bücher vor und versuchte sich im Rezitieren von Gedichten. Viele Jahre vergingen. Eines Tages befestigte der Mann, den man mittlerweile schon als Greis bezeichnen konnte, eine Schaukel an einem besonders starken Zweig, der zum Boden hingewachsen war, ganz als ob der Baum dies so geplant hatte. Kinder aus dem naheliegenden Dorf schaukelten dort gerne und genossen im Sommer den Schatten. Mit den Jahren wuchs die Eiche zu einer stattlichen Höhe heran und thronte nun erhaben auf der Lichtung.

Schließlich verstarb der Mann, der den Baum fast jeden Tag besucht und sich bis zu seinem Tod aufopferungsvoll um diesen gekümmert hatte. Sein Sohn, der mittlerweile auch schon Kinder hatte, die zur Schule gingen, ließ von seinem Erbe die Lichtung vergrößern. Im Frühling grub er auf den Wunsch seines Vaters hin ein paar Meter neben der Eiche ein kleines Loch, legte dann einige Eicheln in dieses und beschüttete sie mit dessen Asche. Anschließend bedeckte er das Loch mit Erde und stellte noch ein kleines Holzkreuz auf. Zufrieden blickte er auf sein Werk.

Zur Freude des Sohnes durchbrachen zwei Wochen später drei Keimlinge die Erde, von denen allerdings nur einer den ersten Winter überstand. Es dauerte wieder fast ein halbes Jahrhundert, bis aus dem zarten Sprössling ein richtiger Baum herangewachsen war, doch schließlich standen die beiden Eichen zusammen auf der Lichtung und blickten auf das Treiben unter ihnen hinab, wo deren Urenkel ein Fest veranstalteten und ausgelassen die Geburt eines Kindes feierten. Ihre Blätter raschelten bei jedem Windstoß und ein Flüstern lag in der Luft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s