Die Flaschenpost

Er  stand am Meer und blickte in die blaue Weite, ließ sich die Wellen an seine Beine werfen, bis er vor Kälte zitterte. Die Schiffe tanzten auf und ab, während der Wind durch sein Haar und das Dünengras rauschte, durch die scharfen Klippen pfiff und seinen Geist mit auf eine Reise nahm. An seinen Zehen knabberten einige kleine Fische, ganz furchtlos. Sie zerstreuten sich, wenn er sich bewegte und kamen dann wieder vorsichtig heran, wenn er eine Weile still stand. In seiner linken Jackentasche verborgen, ruhte eine Flaschenpost. Einige Kleinigkeiten hatte er hineingestopft und auch ein Zettel lag darin, welchen er mit den üblichen Worten versehen hatte. Mittlerweile war er davon allerdings nur noch gelangweilt. Was ihn viel mehr erfreute und faszinierte war eine Träumerei. Jene Träumerei, die seine Füße an den Sand fesselte, bis sie zwei taube Steine waren. Er träumte davon, selbst in dieser Flaschenpost zu sitzen und auf eine Reise zu gehen. Den Wellen und deren Willkür ausgeliefert zu sein, abzutauchen in das dunkle Nichts und dann irgendwann, in ferner Zukunft, wieder ans Licht erhoben zu werden. Schließlich, nachdem er in endlosen Zyklen dieses Sinkens und Steigens die See durchschweift hat, an einen Strand gespült und aufgehoben zu werden. Die Flasche wird geöffnet und er neu geboren.

Er stellte sich vor durch ein sonnendurchflutetes Riff zu schweben und bedrohlich nah an bunte Korallen, sowie durch riesige Fischschwärme getrieben zu werden. Aus einem kleinen Loch blickt ihn eine Muräne verstohlen mit ihren blaugrauen Augen an, öffnet langsam ihr Maul zur Drohung. Dann ist er schon wieder an dem Riff vorbei und eine starke Strömung reißt ihn hinab in die Dunkelheit, wo es bedrohlich blubbert und grollt. Es wird immer dunkler und dunkler, bis er sich schließlich im Reich der ewigen Finsternis befindet. In der Ferne erblickt er ein schwaches, gelbes Leuchten, das immer näher und näher kommt, bis es fast an das Glas zu stoßen droht. Ein gewaltiger, dunkler Schatten gleitet an ihm vorbei und die Flasche wackelt bedrohlich hin und her. Dann ist der Schrecken überstanden, das Leuchten verschwunden. Sein Körper entspannt sich wieder und er legt sich auf das Papier, um zu schlafen. Erst Jahre später wird er wieder zur Oberfläche treiben und von den ersten kühnen Sonnenstrahlen geweckt werden, welche sich in die dunklen Tiefen wagen. Je näher er an die hauchdünne Grenze der zwei Welten herankommt, desto heller wird es und desto wacher wird er. Schließlich durchschlägt sein Gefährt die Wasseroberfläche. Die Sonne blendet ihn und es dauert eine Weile, bis sich seine Augen an die ungetrübte Helligkeit gewöhnt haben. Er hebt den Kopf und sieht einen felsigen Strand, an dessen Ufer ein Herr steht, die Jeanshose bis zu den Knien hochgekrempelt, die Hände tief in seiner Jacke vergraben. Der Mann scheint ihn anzublicken.

Ganz schamlos riss ihn sein Erwachsenendenken in die Realität zurück:

Wie steht es mit der Verpflegung, sowie der körperlichen Hygiene in der Flasche?

Was mache ich, wenn die Flasche mitten im Meer kaputtgeht?

Man kann sich nicht schrumpfen lassen!

Er blickte auf das Meer, doch da war nichts. Keine Flaschenpost. Wütend stampfte er mit dem rechten Fuß auf der Stelle herum, wobei ihm das trübe Wasser sogar bis ins Gesicht spritzte. Dabei vertrieb er die kleine, silbrige Fischschar an seinen nackten Füßen, welche panisch auseinanderstob. Missmutig schüttelte er den Kopf. Der Zauber war verpufft. Er nahm die Flaschenpost, welche er ohne es zu bemerken die ganze Zeit über fest umklammert hatte, heraus und hob sie in das Sonnenlicht, um sie noch einmal zu betrachten. Der Bügelverschluss saß stramm auf der leeren Bierflasche, durch deren dickes Glas sich das Licht hindurchwarf und auf dem Wasser in zahlreichen Flecken freudig tanzte. Er schüttelte die Flasche und es klimperte leise. Ein paar Blumensamen sprangen hin und her. Er wusste nicht genau, warum er sie dort hineingetan hatte. Es war aus einer unergründlichen Lust geschehen, aber der Gedanke an ihr Erblühen unter der Fürsorge eines Zukunftsmenschen, erfreute ihn.

Neben der weißen Papierrolle, um welche er ein blaues Band gebunden hatte, lag eine kleine Figur auf der Seite und sah ihn an.  Ein lautes Lachen erfüllte den Strand. Er machte einen großen Schritt nach hinten und holte kräftig aus. Es platschte laut und dann taumelte die Flaschenpost auch schon gehorsam im Takt der Wellen. Auf und ab. Auf und ab. Am Strand war es still. Der Mann war verschwunden und so widmete sich die Natur wieder nur noch ihrer selbst.

Advertisements