Die Statue

Beginn

Es roch nach Ziegenscheiße, getrocknetem Schweiß und scharf gewürztem Essen, welches in großen Töpfen und Öfen frisch an den Straßenrändern zubereitet wurde. Ein Tag wie jeder andere. Die erbarmungslose Bläue des Himmels lag über den engen Gassen der Stadt, deren Bevölkerung im letzten Jahrzehnt so sehr zugenommen hatte, dass sich die Menschen in manchen Teilen der Stadt wie Bienen in ihren Bauten aneinander reiben mussten, wenn sie in der Masse vorankommen wollten. Das Viertel, in dem Hamil seine Waren verkaufte, gehörte zu einem der ältesten und belebtesten und schien vor Menschen schier zu platzen. Abends jedoch, wenn die Sonne im Westen wie ein glühendes Stück Metall in den Horizont eintauchte, beruhigte sich das Gewusel wieder und die wilden Horden verschwanden bis zum nächsten Morgen auf geradezu magische Weise. Gesellig saßen dann abends die Menschen vor ihren Häusern und aßen und rauchten gemeinsam, unterhielten sich über die Vorkommnisse des Tages oder stritten sich lautstark um Nichtigkeiten. Hamil verkaufte vor seinem kleinen Haus Figuren und Statuen, welche er reisenden Händlern abkaufte, oder selbst aus Holz und Sandstein herstellte. Das Geschäft warf nie sonderlich viel Gewinn ab, es war recht mühsam und zäh, hatte jedoch immer gereicht, um seine Familie mit allem Nötigen zu versorgen. Von dieser Familie war ihm allerdings nicht mehr viel geblieben. Seine Frau war schon vor Jahren an den Folgen einer schweren Lungenentzündung gestorben und sein einziges Kind, seine Tochter Ajla, war verheiratet mit einem Viehhändler und lebte in einer anderen Stadt. Gelegentlich besuchte sie ihn, jedoch stets mehr aus Höflichkeit, als aus Liebe – er war nicht besonders zart mit ihr als Kind umgegangen – und so war er die meiste Zeit allein. Natürlich hatte er einige Freunde, aber diese waren eben nicht immer da und so bereitete ihm sehr oft die Stille in seinem Haus ein bohrendes Unbehagen, wenn er abends seine Waren hineinräumte und sich an den Tisch setzte, um zu essen. Daher zog er es vor nach dem Essen ausschweifend lange Spaziergänge durch die geleerten Gassen zu unternehmen, bis seine Füße ermüdeten und er gedankenbefreit einschlafen konnte.

An diesem Tag war das Geschäft bisher recht gut gelaufen. Eine kleine Gesellschaft von Fremden, hatte seine Waren im Vorbeischlendern entdeckt und sich für eine Gruppe Heiliger aus Alabaster interessiert, welche er erst letzte Woche von einem Trödelhändler; der ihn regelmäßig belieferte, abgekauft hatte. Sie scharten sich um seine Auslage wie verdurstende Gnus um eine Wasserstelle und diskutierten angeregt darüber, welche Heiligen denn nun die größten Wunder vollbracht hatten. Sie waren so laut, dass auch andere Leute aufmerksam wurden und sich sowohl in die Diskussion einmischten, als auch einen Blick auf seine Figuren warfen und manche davon sogar kauften. Geduldig saß er im Schneidersitz auf einem alten, braunen Teppich und betrachtete die brodelnde Masse, welche an ihm vorbeiströmte und aus der sich immer wieder einzelne Menschen lösten, um vor ihm innezuhalten. An der linken Hand trug er einen fein ausgearbeiteten Ring aus Eisen, auf dem zwei knorrige Äste zu sehen waren, die sich wie zwei Schlangen beim Hochzeitstanz umeinander wanden und an dem er oft gedankenverloren herumspielte, wenn gerade nichts los war. Kein wertvoller Ring, aber ein Erinnerungsstück. Ein Stückchen Vergangenheit, das ihm wichtig war. Er trug ein weites, einst weißes, mittlerweile jedoch fast lehmbraunes Gewand das ihn tagsüber nicht zum Schwitzen brachte, abends aber vor der ersten Nachtfrische behütete. Es lag in Falten wie sein Gesicht und er hatte es damals gegen eine kleine, auf Auftrag angefertigte Frauenfigur, ein Abbild der Schwestes des Tuchhändlers, eingetauscht. Ab und zu wühlten sich knarrende Holzkarren mühselig durch die Menschen, welche diese mit missgünstigen Blicken bedachten, da das Geschiebe und Gedränge dann noch schlimmer wurde. Einer dieser Karren war bis zur Erschöpfung des Zugpferdes mit allerlei Krempel, welcher unter einer großen, grauen Decken verborgen lag, beladen. Die dicken Holzräder schrien nach Ölung, während der Händler gelassen die Zügel seines gequälten Tieres in der Hand hielt und stolz voranschritt. Er sah sich aufmerksam um und als sein Blick auf Hamil fiel, machte er so plötzlich Halt, dass einige Leute hart an die Hinterseite seines Karren stießen. Fluchend glitten sie an dem Händler vorbei, während dieser zu Hamil hinüberschritt und ihn ansprach:

Ah, guter Mann. Ich sehe Sie verkaufen Figuren und Statuen aller Art. Ich hätte da vielleicht etwas, dass Sie interessieren könnte. Ich habe letztens ein sehr seltenes Stück von einer Ausgrabung erworben, doch noch keinen würdigen Käufer gefunden. Wären Sie vielleicht daran interessiert?“, sprach er und verschränkte dabei verstohlen hinter seinem Rücken die Hände, welche von Unruhe befallen waren und stark zitterten. Hamil zögerte und ließ einige Sekunden verstreichen. Er versuchte diesen Mann einzuschätzen, der da leicht gebeugt vor ihm  stand und ein routiniertes Lächeln aufgesetzt hatte. Der fahrende Händler blieb Hamil ungreifbar. Dieses fröhliche Händlergesicht war eine Maske, wie er sie selbst reichlich im Repertoire hatte, wenn es um das Verkaufen ging. Sein Tag schien bisher vom Glück gesegnet zu sein und so entschloss er sich, dem Händler eine Chance zu geben:
Nun gut, zeig mir was du da für mich hast, vielleicht kann ich es gebrauchen“, rief er und rappelte sich auf, wobei feiner Sand aus seinem Gewand rieselte. Zusammen drängten sie sich durch die Menge und kletterten auf den Wagen, der die Menschen wie ein Fels im tobenden Meer teilte.
Erschrecken Sie sich nicht, es ist ein besonderes Stück. So etwas haben Sie noch nie gesehen, dass versichere ich Ihnen“ , merkte der Händler an

Er hielt sein Wort. Als er die sandbedeckte Decke anhob und zurückzog, schreckte Hamil instinktiv zurück und fiel dabei fast rückwärts vom Wagen. Selbst der Händler wich ein Stück zurück, angesichts der Statue, die dort vor ihm lag und sich eng an Reissäcke, dicke Pergamentrollen und einige verschlossene Kisten schmiegte. Als Hamil seine Fassung wiedererlangt hatte, stieß er ein beeindrucktes Pfeifen aus.
Das ist wahrlich etwas Einzigartiges, du hast nicht gelogen“, rief er – einzigartig grotesk und hässlich – dachte er. Eine etwa 80cm hohe Statue lag da vor ihm, eingebettet in einen dicken, verstaubten Teppich. Sie bildete einen Menschen ab und das verdammt überzeugend, nein lebensecht. Oberkörperfrei und nur mit einer kurzen, ärmlich erscheinenden Hose bekleidet saß da ein junger Felsmann vor ihm und blickte starr auf die abgewetzten und verkratzten Holzbretter des Wagens.

Wer auch immer diese Statue erschaffen hatte, war ein Großmeister seines Faches gewesen. Vorsichtig strich er mit der Hand über das Gesicht und all die perfekt ausgearbeiteten Linien, wobei er ein eigenartiges Kribbeln vernahm, das aus der Statue selbst zu kommen schien. Irritiert zog er die Hand zurück, nur um noch einmal über sie zu streichen. Er konnte das Material aus dem sie erschaffen worden war nicht einordnen. „Woraus ist sie gemacht?“, wollte er wissen.
Ich kann es Ihnen nicht sagen. Auch ich habe auf meinen Reisen solch ein Material noch nie zuvor gesehen. Und glauben Sie mir, ich komme viel rum“, antwortete der Händler und kletterte wieder vom Wagen hinunter. Hamil sah sich die Statue noch einige Momente genauer an, konnte allerdings wirklich keinen einzigen Makel, abgesehen von der fast furchteinflößenden Ähnlichkeit mit einem echten Menschen, an ihr feststellen und stieg dann ebenfalls vom Wagen ab. Der Händler täuschte eine überhebliche Gelassenheit vor, so als ob er diese Statue mit federner Leichtigkeit an jeden beliebigen anderen Händler auf dem Markt verkaufen könnte, innerlich brodelte es jedoch in ihm:
Nimm sie endlich! Nun komm schon, kauf sie. Kauf sie! Bitte!“                                  

Irgendein Gefühl, eine Ahnung stichelte Hamil und ließ ihn unruhig werden. Fast wie eine drängelnde innere Stimme die sagte:
Lass es sein, kauf sie nicht!
Als der Händler jedoch sein Angebot machte, wurden all diese Zweifel wie ein lästiger Schwarm Fliegen in stehender Sommerluft hinweggewischt. Hamil´s Vernunft und seine Erfahrung hätten ihn eigentlich von diesem Geschäft abhalten sollen, doch wurden sie mühelos von seiner Gier überrollt, welche aufgeregt rief:
Du wirst sie für das Zehnfache, nein Zwanzigfache weiterverkaufen können. Los! Der Mann weiß nicht, was er da gerade macht, ergreif die Chance, nimm sie, nimm sie!“ – und dann war da noch etwas tief in ihm das verstohlen flüsterte:
„Kauf mich!“

Hamil kaufte die Statue, besser gesagt tauschte sie gegen einige Goldstücke und ein feines, purpurfarbenes Tuch ein, welches er in seinem Haus, zusammen mit anderen Tauschgütern aufbewahrte. Gemeinsam wuchteten sie das schwere Stück vom Wagen und stellten es zu den anderen Statuen in Hamil´s Auslage, mit dem Gesicht zur Straße zeigend. Hamil bot dem Händler noch einen Tee an, den dieser aber dankend ablehnte, mit der Begründung dass er noch einige Stammkunden mit Waren zu beliefern habe und sein Magen zudem empfindlich, nämlich mit wässrigem, stundenlangem Durchfall (diese Kleinigkeit verschwieg er jedoch), auf Tee reagiere. So verabschiedeten sie sich mit höflichen Verbeugungen voneinander und der Händler kehrte zu seinem Wagen zurück. Sanft legte er die rechte Hand auf die Nüstern seines treuen Pferdes. Das Tier konnte die enorme Erleichterung seines Herren spüren und wurde selbst ein bisschen ruhiger, stieß die Hand mit der Lippe weg und knabberte dann an den Hosentaschen des Händlers herum, Leckereien verlangend. Dieser wehrte den Versuch jedoch ab und ergriff fest die Zügel. Er wollte so schnell wie möglich verschwinden, Abstand zwischen sich und dieses unheimliche Ding bringen, das er endlich losgeworden war. Es war das letzte Mal in seinem Leben, dass Hamil diesen Mann sehen würde.

Nachdem der Händler wieder eins mit dem zähen Menschenstrom geworden und nicht mehr zu sehen war, ging Hamil rüber zu der Statue und kniete vor ihr nieder. Was hatte er da bloß gekauft? Was war los mit ihm gewesen? Sein Geist war in der letzten halben Stunde wie benebelt gewesen, als hätte sich eine dicke Decke auf seinen Geist gelegt und ihn zum Schweigen gezwungen. Nun war es zu spät, der Händler fort und selbst wenn Hamil ihn in den Wirren der Gassen eingeholt hätte, so würde dieser zweifellos; und dessen war er sich eigenartigerweise ziemlich sicher, den Handel nicht rückgängig machen. „Anfängerfehler!“, verhöhnte er sich selbst.
Genervt setzte er sich wieder hin und hämmerte mit zornigem Eifer auf einem großen Stück Granit herum, aus dem er eine viereckige Stele machen wollte. In die Mitte dieser Säule würde er ein runde Vertiefung schlagen, in welcher man ein Feuer entzünden konnte und die vor allem reicheren Kunden; die Öl hineingossen, als Lampen dienten.

In dieser Nacht schlief er unruhig und zerwälzte seine Decke, schwebte halbwach in einer zähen Dämmernis umher, umgeben von einem leisen Flüstern, das ihn stundenlang wie eine hungrige Stechmücke umkreiste. Als er aufwachte, war ihm schlecht. Ein süßlicher, madenversprechender Verwesungsgeruch stieg ihm sofort heftig in seine Nase und Halbverdautes seine Speiseröhre hinauf. Er konnte es gerade noch mit größter Mühe unterdrücken, hinunterschlucken, jedoch lag ihm noch bis zum Nachmittag der Geschmack saurer Verderbnis auf der Zunge und er konnte keinen Bissen zu sich nehmen. Nachdem er aufgestanden war klappte er im schläferischen Wandel  der Gewohnheit als allererstes den Holzriegel an seiner Tür hoch, an welcher durch einen schmalen Spalt am Boden bereits das erste Morgengold in sein Haus kroch. Als er die Tür aufstieß entschwand die kränkliche Luft sogleich, doch es dauerte noch einige Momente, bis Hamil wieder klar denken konnte. Er griff er unter seinen Küchentisch und nahm eine der Kisten hervor, in welcher er kleine Figuren und Rohlinge aufbewahrte. Nach dieser Nacht, die ihn mehr erschöpft als erfrischt hatte, ließ er es sehr ruhig angehen. In müder Gemütlichkeit räumte er die Waren, die er für wertvoll und nicht diebstahlsicher erachtete (die großen Statuen waren viel zu schwer, um sie einfach so, ohne die halbe Nachbarschaft zu wecken, wegschaffen zu können), nach draußen. Bevor er sich an seinem gewohnten Platz niederließ, ging er noch einmal nach drinnen, um ein paar dünne Scheite Holz, sowie eine kupferne Teekanne zu holen. Er nahm auch einen kleinen Krautstängel mit, den er zu dem Tee rauchen würde und einen, den er dem Wasserwagenfahrer als Bezahlung geben würde. Dieser machte immer morgens seine Runde und füllte die Vasen und Fässer der besser gesetzten Bewohner des Viertels auf, welche sich dadurch den zähen Kampf zu den Brunnen, sowie die langen Warteschlangen sparen konnten. Hamil verdiente zwar nicht viel, gönnte sich aber diesen Luxus, zumal er die Krautstängel von einem der Tempelprediger bezog, der diese einmal im Monat gegen eine Sandsteinfigur eines beliebigen Heiligen eintauschte. Was dieser mit all den Statuen machte, wollte Hamil gar nicht wissen. Es gab Dinge, die ließ man ruhen, wühlte sie nicht auf.

Nachdem die ersten Rauchwölkchen aus der kleinen Feuergrube neben ihm aufstiegen und bald darauf das heiße Gebräu die Luft erfüllte und seinen Magen erwärmte, ging es Hamil schon viel besser. Noch besser fühlte er sich, nachdem er den Krautstängel geraucht hatte. Er ließ sich davon wegtragen wie eine Feder, bis sein Herz und sein Geist sich zu umarmen schienen. Der widerliche Geschmack in seinem Mund hielt sich jedoch eisern, was ihn beunruhigte. „Du darfst nicht krank werden“, befahl er sich, hatte er doch niemanden, der sich um ihn kümmern würde. Einsamkeit überwältigte ihn und vergiftete seine gute Laune. Trübselig scharrte er mit seinem rechten Zeigefinger im Sand herum, malte Muster aus seiner Kindheit und verstrich sie dann langsam wieder.

Bevor er gänzlich in sich selbst versank, griff er in eine der Kisten und holte einen Holzrohling hervor, dem er sich nun widmen wollte. Er war sich noch nicht wirklich sicher, was er aus diesem machen würde, aber auf jeden Fall ein Tier. Vielleicht ein Kamel, oder eines von diesen gewaltigen, grauen Ungetümen, deren Nase einem schlaffen Penis ähnelte und die zwei riesige, weiße Stoßzähne hatten. Der Kalif war unglaublich stolz darauf, zwei dieser furchterregenden Monster in seiner Armee zu haben. Er hatte eigens für sie an der nördlichen Palastmauer einen großen Stall errichten lassen, der Tag und Nacht von schwer bewaffneten Soldaten bewacht wurde. Wenn eines der Wesen brüllte, wurde es im ganzen Viertel still und die Leute kauerten sich ängstlich aneinander.

An diesem Tag schnitzte er drei Kamele und zwei Krokodile, irgendwie hatte er keine Lust etwas Neues zu wagen und sich an den Elefanten zu versuchen. Wenn er in das Schnitzen vertieft war, verstummte die Welt um ihn herum vollständig. Mit kindlicher Freude schlug er kleine Kerben mit der scharfen, etwa zeigefingerlangen Eisenklinge in das weiche Holz und fuhr zärtlich die Linien nach, drehte die Figur immer wieder und wieder, schabte und kratzte, schliff sie glatter als das schlafende Meer, rieb sie sorgfältig mit einem nach altem Stroh riechenden Lappen ein, der mit dunklem Öl getränkt war. Stundenlang konnte er schweigend dasitzen und arbeiten, wenn ihn nicht ab und zu ein Kunde bei seiner Arbeit unterbrach. So war es nicht verwunderlich, dass er nicht bemerkte, wie ein kleines Mädchen vor der seltsamen Statue stehenblieb und sie sich genauer ansah. Es lag noch keine Furcht in ihrem Blick, nur Neugierde und Staunen. Das sollte sich schlagartig ändern. Wie eine Eule drehte sie ihren Kopf, um auch wirklich aus jedem Blickwinkel dieses stille Etwas vor sich zu betrachten. Der Händler neben ihr schien sie überhaupt nicht zu beachten, war er doch vollkommen in sein Schnitzwerk vertieft. Sie hätte einen Tanz vor ihm aufführen können, der den Sand wie in einer Windhose zum Wirbeln gebracht hätte, doch Hamil hätte nicht einmal aufgeblickt.

Es war das letzte Mal, dass Dariah, so hieß das nichtsahnende Mädchen, ohne Angst auf eine Statue, oder etwas Ähnliches blicken sollte. Wie es die Natur der Neugierde von Kindern so will, blieb es selbstverständlich nicht nur bei einem bloßen Anschauen. Fasziniert tapste sie in dem rauen Gesicht herum, drückte hier und da und kniete sich schließlich hin, bis sie auf Augenhöhe war und in die starren Augenkugeln blickte, welche von zwei dünnen Lidern, sowie angedeuteten Härchen umsäumt wurde. Kurz verharrte sie auf diese Weise, dann schrie sie los. Es war kein bloßer Schrei eines Erschreckens, nein, was da aus diesem kleinen Mädchen entwich war ein Sturm des Entsetzens, der puren Panik, ein primitiver Laut, welcher alle Hälse in einem Umkreis von fast zweihundert Meter schlagartig herumriss und die Beschützerinstinkte aller Zuhörenden heraufbeschwor. Ein Schrei mit nur einer einzigen, klaren Botschaft:
Ich bin in Gefahr, HELFT MIR!?!“

Und sie kamen und wollten helfen, doch das konnten sie nicht. Ein gewaltiges Chaos brach augenblicklich in der Straße aus, als sich knapp einhundert Menschen fast zu Tode quetschten, während sie auf die Quelle dieses Schreies zuströmten. Dariah torkelte währenddessen völlig benommen nach hinten und krallte ihre Hände so fest in ihren sandigen Wuschelkopf, dass kleine Rinnsale aus Blut an ihren Wangen hinabliefen. Sie schrie, bis ihre Kehle raues Stroh war. Aus dem Schreien wurde ein Krächzen, aus dem Krächzen ein Wimmern, dann erlosch das Feuer in ihren Augen und sie fiel in Ohnmacht. Für zwei lange Atemzüge war alles still, wie eingefroren. Dann riefen die Menschen wild  durcheinander. Hamil, der bei dem Schrei auch hochgeschreckt war und das Schauspiel entsetzt verfolgt hatte, war sprachlos. Sein Blick fiel auf die Statue und für einen kurzen Moment war ihm, als ob diese den Mund zu einem breiten, hinterhältigen Grinsen verzogen hätte.Jedoch wandte er seine Aufmerksamkeit dann wieder dem Mädchen zu, das mittlerweile erschlafft im Sand lag, die Arme und Beine weit von sich gestreckt. Eine gewaltige, aufgeregte Menschentraube verstopfte nun die Straße. Es wurde nach einem Heiler geschrien und tatsächlich gebar die Menge einen weißbärtigen Mann, der sich zu dem Kind hinunterbeugte und es mit der Ruhe der Erfahrung sorgfältig mit seinen runzeligen Händen untersuchte. Er verlangte eine Schüssel mit warmem Wasser, welche ihm auch bald durch die wie in einem Viehstall zusammengezwängte Menschenhorde gereicht wurde. Von dem Wasser spritzte er dem Mädchen eine Handvoll in ihr Gesicht, doch es reagierte nicht im Geringsten darauf, blieb regungslos im Schoß des Mannes liegen. Der Heiler murmelte etwas und hob dann das Kind vorsichtig hoch, welches ihn in diesem Zustand an einen verletzten Hundewelpen erinnerte, um es zu seinem Haus zu bringen, wo er aus einigen Kräutern eine sehr starken Tee brauen und ihr einflößen würde.

Erst zwei Tage später erwachte das entkräftete Kind und stammelte über mehrere Stunden hinweg nur drei einzelne Worte:
Steinmann, Augen, Finsternis.

Bereits bevor das Kind hinfortgetragen worden war, begannen die Menschen Vermutungen anzustellen und über den Grund für dieses seltsame Ereignis zu diskutieren. Schon wenige Stunden später, während die Kleine von Alpträumen geplagt, wie im leisen Gebet unverständlich murmelte und dabei heftig mit den Armen um sich ruderte, machten manche die Statue und böse Mächte für das Geschehene verantwortlich. Harte Zeiten sollten nun für Hamil beginnen, der noch nichts davon ahnte.

In den folgenden Wochen lief sein Geschäft so schlecht wie noch nie. Besonders nachdem bekannt wurde, was das Mädchen nach ihrem Erwachen von sich gegeben hatte und Hamil geriet in erste ernsthafte Schwierigkeiten. So meidete ihn unter anderem der Prediger, von dem er bisher immer seine Krautstängel bezogen hatte. Als ihm diese ausgingen musste Hamil den Wasserhändler mit anderen Waren bezahlen. Waren, die er eigentlich gegen Essen, ein bisschen Wein und andere Dinge hatte eintauschen wollen.

Die Einheimischen fürchteten sich seit jenem verhängnisvollen Tag vor der Statue und leider auch den meisten anderen Dingen in seinem Sortiment, was zur Folge hatte, dass sie stets ängstlich ihre Blicke abwanden, wenn sie an Hamil´s Waren vorbeiliefen. Er verdiente fast nur noch an Fremden, von denen es aber stets zu wenige gab, als dass er abends sorgenfrei einschlafen konnte. Hamil war verzweifelt und seine Verzweiflung verwandelte sich allmählich in Wut. Wut auf all die abergläubischen Menschen, diese Narren und Heuchler, welche ihn abends, wenn er seine Spaziergänge machte und der Welt beim Einschlafen zusah, zwar fröhlich grüßten, dann aber ihre Masken sogleich wieder fallen ließen und hinter seinem Rücken Gift und Galle spuckten.
Diese Hunde, diese verlogene Schlangenbrut“, dachte er sich einmal, während er an Amur und seiner Frau Layla vorbeischritt, welche ihn sonst immer mindestens einmal im Monat zum Essen und Beisammensein eingeladen hatten, nicht aus Mitleid, sondern aus ehrlicher Zuneigung, ihn jetzt jedoch nur noch flüchtig grüßten und ihn wie einen Bekannten, keinen Freund behandelten.
Du brauchst sie alle nicht. Du schaffst alles ganz alleine, ganz alleine!“, flüsterte eine Stimme wie ein Windhauch, der dem Flügelschlag einer Möwe entspringt.

Die Kunden blieben fort und Hamil´s Wut gebar Hass.
Sie beobachten dich, sie alle!“, redete er sich immer wieder ein.
Die Menschen laufen an dir vorbei und schauen verächtlich auf deine Statuen. Schauen verächtlich auf dich!“
Er war mittlerweile davon überzeugt, ihre Gedanken hören zu können. Das verstohlene, verborgene Geläster, welches seine Ohren nicht erreichen sollte. Die vernichtenden Wahrheiten, welche sie vor sich gegenseitig geheimhielten, um niemanden zu verletzen, keinen Nachteil zu erlangen. Doch sie verletzten ihn, sie alle, die ganze Bande, diese Huren und Eselficker, dieser menschliche Madenhaufen, der ihm mit zum Lächeln erhobenen Mundwinkeln die gelben, halb verfaulten Zähne zeigte und dabei insgeheim Freude bei dem Gedanken an sein Versterben empfand. Doch ihn konnten sie nicht belügen, nein, nur sich selbst und dieser Gedanke erfreute ihn, weswegen er brav zurücklächelte und sich dabei immer wieder vorstellte, wie mancher von ihnen von den Speeren der Soldaten, die ab und zu im Viertel patrouillierten, wie ein Huhn aufgespießt wurde, bis das scharfe Metall aus ihrem Mund und das splitterige Holz aus ihrem Anus ragte. „Sie hassen dich! Sie hassen dich! HASSEN DICH!“, röhrte es immer öfter in seinem Kopf. Manchmal war es so schrecklich laut, dass er die Hände auf die Ohren schlug, laut wimmerte und vor Schmerzen hart mit dem Kopf auf den Boden hämmerte, bis eine kleine Kuhle entstanden und seine gesamte Stirn tiefrot vor Blut und völlig verdreckt war. Sein Verhalten blieb nicht unbemerkt und sprach sich herum. Die Leute fürchteten sich schließlich nicht nur vor Hamil´s Statuen und Figuren, sondern auch vor ihm.

Ab und zu, gesellte sich zu dem schwelenden Wahnsinn aber auch eine ruhige Stimme der Vernunft dazu, die seine Seele wie handwarmes Wachs sanft umkleidete und zur Ruhe brachte. So auch an diesem Morgen, der so bitter anfangen sollte, wie der letzte Tag geendet hatte.

Lass es sein, wirf sie weg! Bring sie irgendwohin und lass sie dort stehen!“, rief jemand mit ehrlicher Besorgnis . Es war die Stimme seines längst verstorbenen Vaters. Ein einfacher, aber gutmütiger und fleißiger Mann, der eine zarte Geschmeidigkeit im Umgang mit Menschen hatte, was seinem Gewürzstand reichlich Kundschaft verschaffte und wodurch seine Familie nie Mangel leiden musste. Irgendwann versagte jedoch leider die über drei Jahrzehnte geschärfte Nase und er musste sich einen anderen Broterwerb suchen. Hamil und seine beiden Brüder waren zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen und stolperten sich durch ihre eigenen Lebensgeschichten.
Hör auf mein Sohn, du musst das nicht tun! Lass es gut sein und trenn dich von der Statue. Etwas stimmt nicht mit ihr!“, sein Vater ließ nicht locker.
Ich weiß Vater, ich weiß, aber bald werde ich einen Käufer finden. Bald bin ich sie los, sehr bald“, antwortete er ihm mit einer fast kindischen Unbekümmertheit.

Bald bist du mich los, bald findest du einen Käufer!“, schaltete sich eine dritte Stimme ein.

Sie war zum ersten Mal klar und deutlich, angenehm weich und beruhigend. Wie von einer Fanfare geweckt schreckte er auf. Mit bleichem Gesicht und ebenso bleichem Herzen blickte er nach links auf das grimmige Gesicht der Statue, deren Augen jedoch unverändert den Boden anstarrten. Mittlerweile räumte er sie abends unter größter Mühe in sein Haus, weil er fürchtete, dass irgendjemand, unter dem Mantel der Nacht verborgen, sie zerstören könnte. Die Holzdielen zeigten bereits tiefe Furchen und stöhnten verärgert unter dem erdrückenden Gewicht. Hamil wartete darauf, dass sie jeden Moment mit einem grässlichen Krachen den Kopf erheben und ihn dann anblicken würde.
Jetzt reicht es aber, beruhige dich. Das ist nur eine verdammtes Stück Fels, nichts weiter. Nur ein Stück Fels. Ein besonders hässliches, aber nur Fels“, sagte er leise zu sich selbst und atmete langsam durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Es dauerte ein paar Minuten, bis die Angst schließlich aus seinen Gliedern wich, jedoch konnte er ein ungutes Gefühl im Inneren seiner Brust, ein festes Pressen direkt hinter dem Solarplexus, nicht abschütteln. Er stand auf und drehte das Gesicht der Statue vorsichtig von sich weg, sodass er nur noch deren Hinterkopf erblicken musste. Dann legte er sich wieder hin und versuchte weiterzuschlafen. Alles was er an diesem Tag verkaufte, waren zwei kleine Alabasterstatuen, zwei Heilige, Beschützerinnen der Jungfrauen und Unschuldigen.

Die Stimme in seinem Kopf umschwärmte ihn mit der Zeit immer häufiger. Anfangs hatte Hamil noch Angst vor ihr, doch schließlich gab Etwas in ihm nach und er begann ihr gierig zu lauschen, ihren Ratschlägen zu folgen, die Worte für seine eigenen zu halten.

Bald wird jemand kommen, du wirst schon sehen, der wird sie dir abkaufen und er wird gut zahlen, sehr gut. So gut, dass du wieder genug andere Dinge verkaufen kannst! Du musst nur genug Geduld und Vertrauen haben, Hamil

Ich weiß, ich weiß. Ich werde sie verkaufen! Ja, das werde ich!“

„Die Leute denken, dass du es nicht schaffen wirst. Sie wollen nicht, dass du es schaffst. Alles was sie wollen ist, dass du stolperst und versagst, aufgibst, so wie sie es tun. Sie wollen diese Statue nicht mehr sehen, aber sie trauen sich nicht es dir zu sagen, diese Feiglinge. Doch es wird jemand kommen, ein Fremder, der wird sie dir abkaufen und er wird dich reich machen!“

„Ja, ja! Er wird kommen und sie mir abkaufen, abkaufen wird er sie mir und er wird gut zahlen, sehr gut.“

Hamil´s Betragen wurde immer mürrischer, sein Aufzug immer ärmlicher. Es war ein schleichender Verfall, der ihn zerrüttete. Wie Rost in einem Wasserrohr, der in der Verborgenheit an diesem nagt und nagt, bis es schließlich mürbe ist und zerbricht. Mittlerweile sah er aus wie einer der Bettler, welche ihre verdorrten Ärmchen flehend hebten und mit ihren von Enttäuschung und Verzweiflung gezeichneten Augen den vorbeigehenden Menschen ein Unwohlsein bereiteten. Er hatte sie immer gehasst, hatte sie mit Flüchen bedacht und verscheucht, wenn sich einer von ihnen in der Nähe seines Geschäftes niederlassen wollte. Von seinem Stolz und seinen inneren Stimmen getrieben, hörte er immer mehr mit dem Schnitzen auf und sprach nur noch überzeugt davon, dass bald jemand kommen würde und ihm diese eine Statue, diesen mysteriösen Felsmann abkaufen würde. Wenn erstaunlicherweise doch ein paar Kunden Halt machten und sich sein Sortiment ansahen, so schwieg er sie fort, falls sie sich nicht für die Statue, sondern die mittlerweile äußert bizarr anmutenden Schnitzfiguren interessierten. Viele von diesen ähnelten Menschen, die sich in Schmerzen wanden und deren Körper gänzlich verzerrt waren. Dies hatte zur Folge, dass er schließlich sein Haus verkaufen musste, da seine Ersparnisse gänzlich aufgebraucht waren. Für das Haus bekam er einen vernünftigen Preis, die meisten seiner Waren musste er allerdings zurücklassen, da er sie weder verkaufen konnte, noch jemand sie als Geschenk annehmen wollte. Der neue Besitzer des Hauses zwang Hamil dazu seinen Stand zu räumen, da er selbst ein kleines Geschäft, der Mann war Schmuckhändler, eröffnen wollte. Obdachlos, jedoch noch einigermaßen vermögend, zog Hamil mit einem kleinen Karren hinter sich herziehend, durch die Gassen. Die Leute wichen zurück, als ob er eitrige Pusteln am gesamten Körper hätte. Er lachte sie laut aus, sie alle.
Das Lachen eines Irren„, flüsterten sie.
Das Lachen eines Wissenden“, dachte er.

Sie werden alle bekommen, was sie verdienen und sie werden sich vor Neid die Haare ausreißen, sich im Staub winden wie verletzte Eidechsen und um Vergebung und Vergessen bitten, wenn sie sehen, wie reich ich sein werde!“

„Doch du wirst ihr Betteln nicht erhören.“

„Nein, das werde ich nicht!“

Hamil ließ sich an einem schattigen Eingang nieder, der in die Ruine eines alten Bades führte.Dessen Quell versiegte dann jedoch und mittlerweile verstecken sich dort nicht nur Ratten und anderes niederes Getier, sondern auch Bettler, Drogensüchtige, sowie Ausgestoßene. Letztere waren meist verurteilte Verbrecher, die zwar ihre Strafe verbüßt hatten, ihren Ruf jedoch zerstört vorfanden und denen eine Rückkehr in ihr altes Leben dadurch verwehrt wurde. Unter all den vom Elend gezeichneten  Gestalten stach Hamil kaum hervor, wenn er sich abends zu ihnen gesellte und auf seiner Decke einschlief. Sein neuer Platz lag abseits der großen Straßen und nur selten verirrten sich Fremde dorthin. Hamil war dies ganz recht. Er war sich sicher, nein wusste, dass er nur lange genug auf den einen Käufer warten musste, der bald kommen würde. So setzte er sich jeden Morgen bis spätabends dorthin, lehnte seinen Kopf an die Statue, lauschte ihrem Geflüster, rauchte große Mengen Kraut und versank in sich selbst.

 

Epilog

An einem menschenunwürdig heißen Mittag entschloss sich  der Sohn des Kalifen dazu, den Schattengeschäften im östlichen Marktviertel, einem der ältesten Viertel der Stadt, endgültig ihre Schatten zu nehmen und es vollständig abzureißen, um anschließend auf dem Gelände einen großen Truppenübungsplatz zu errichten. Zahlreiche Boten begannen bereits Monate vor dieser Räumungs- und Abrissaktion damit, die Menschen zu informieren. Jeder Hausbesitzer konnte bei den Buchhaltern des Kalifen, sofern er die notwendigen Dokumente besaß, eine Entschädigung für seinen Besitz einfordern. So kam es, dass sich in den  verwinkelten Gassen kaum noch Menschen tummelten, als eine etwa zweitausend Mann umfassende Soldatentruppe in das Gebiet einmarschierte und damit begann alles abzuriegeln und jedes Haus zu durchsuchen. Kein öffentlicher Weg führte mehr hinaus, keiner hinein. Es gab auch einige Festnahmen, meist Opiumsüchtige, die in ihrem Rausch jegliches Zeit- und Weltgefühl verloren hatten und die seelenlos am Boden lagen, die Blicke starr und leer. Die wirklich nennenswerten Kriminellen hatten sich schon längst in anderen Vierteln eingerichtet und ihre Geschäfte, seien es Prostitution, Drogenhandel, oder andere Gewerbe,wieder aufgenommen und verdienten prächtig daran. So war die Besetzung der Ak Shalar, der dunklen Zone, vor allem auch eine kleine Machtdemonstration der Truppenstärke des Kalifen gewesen.

Im Anschluss an die Soldaten kamen die Sklaven und die freien Arbeiter, die sogleich damit begannen mit einfachstem Werkzeug Haus für Haus abzureißen und den Bauschutt in große Holzkarren zu verladen, welche von Pferden und Eseln gezogen wurden. Riesige Staubwolken zogen während dieser Arbeiten durch die Stadt und belegten alles mit einer feinen, ockerfarbenen Schicht, über welche die Frauen heftig fluchten, denn der Staub verschmutzte ihnen die frische Wäsche, welche sie auf unzähligen, fingerdünnen Flachsseilen; die wie Spinnweben über die Straßen gespannt worden waren, aufgehängt hatten. Auch die Imbissstandbesitzer fluchten über den Staub, vermischte er sich doch mit ihren Waren und schreckte so die Kundschaft ab, welche kein Interesse an den knirschigen Speisen hatte.

Raan, ein junger Sklave von sehniger Statur, war gerade damit beschäftigt Müll von der Straße aufzusammeln und in seinen Eselkarren zu werfen, als er im Schatten eines breiten Hauseinganges etwas entdeckte, dass ihn sowohl faszinierte, als auch erschauern ließ. Angelehnt an einen Holzpfeiler, den man mit einer dicken Lehmschicht umkleidet hatte, lauerte dort eine Statue. Sie war recht groß und reichte ihm schätzungsweise bis zur Hüfte. Als er näherkam um sie genauer zu betrachten, sprang er jedoch vor Schreck einen kleinen Satz nach hinten. Das Gesicht war so verblüffend echt, dass er glaubte einen versteinerten Menschen anzublicken, jedoch waren hier und da einige winzige Risse zu sehen und ein etwa erbsengroßes Stück der Nasenspitze abgebrochen. Der junge Mann traute sich zuerst nicht seinen Fund anzufassen, jedoch ergriff ihn eine stürmische Ungeduld und so strich er vorsichtig mit dem Finger über die feinen Gesichtslinien, die Wangenknochen, das Kinn, die Stirnfalten. „Mach es, nimm sie mit!“, flüsterte eine Stimme, die er für die seine hielt. Verstohlen blickte sich Raan um.
Nimm sie und lade sie in den Karren zu dem ganzen Müll. Keiner wird es bemerken“, fuhr sie fort. Seine Finger kribbelten.Der Wind duckte sich an die Häuserwände und man hörte das unregelmäßige Klappern von  Holztüren, die offen standen und gegen ihre Rähmen schlugen. Der Esel scharrte ungeduldig mit dem rechten Huf im Staub herum.

Vielleicht ist sie etwas wert, irgendjemand wird sie mir vielleicht abkaufen“, sagte er leise zu sich selbst. Und so kam es, dass er mit schweißtreibender Mühe das schwere Stück in seinen Wagen lud – sein Esel war sichtlich nicht begeistert – und mit dem ganzen Müll, den er über den Tag gesammelt hatte, bedeckte. Bevor er die Statue einlud, streifte er ihr allerdings noch einen vom Rost ausgezehrten Ring von der linken Hand ab, welchen er in seine Tasche steckte. Dann machte er sich auf den Weg nach Hause.