Die Winterfreudenfee

Der Rüdiger wollt weitergehn,

und nicht in kalter Nacht feststehn,

doch aus dem Schnee erhob sich wer,

ein Zottelbart, kaum Mensch, mehr Bär,

der roch recht streng, dem war recht kalt,

und bat den Rüdiger zum Halt.

„Was willst du denn, du Wintergeist,

der mich hier aus der Ruhe reißt?

Was lauerst du im kalten Schnee?

Was riech ich da? Du stinkst, herrje!“

Der wilde Mann entgegnet leis:

„Ich laufe auf dem dünnsten Eis,

ich tanze wie der fallend Schnee,

ich bin die Winterfreudenfee.“

„Was sprichst du da? Ich glaub dir nicht,

du Missgestalt, du Lügenwicht!

Sag hälst du mich für sehr beschränkt,

nen Mann der Hirn nicht eigen nennt?

Ich glaub dir nicht, ne Fee ist schön,

da möchte keiner weitergehn.

Dein weingerötet Suffgesicht,

das keinem Auge Wonn verspricht,

mit Bart, in dem die Laus zu Haus,

das ist zu viel, das ist ein Graus!“

Und weiter fügt er dann noch an:

„Seit wann ist eine Fee ein Mann?

Ich Glauben dir nicht schenken kann.

Auch mir ist kalt im tiefen Schnee,

drum sprich du nun, du Knödelfee!“

„Ein übler Fluch hat mich entstellt,

mein Antlitz keinem Mensch gefällt.

Ich bin kein wildes Ungeheuer,

schwör ich bei allem was mir teuer.“

„Ich bin ein Mann, kein Männlein mehr,

drum Märchen mag ich nicht so sehr.

Beweise es, sonst geh ich fort,

geh fort an einen andren Ort,

mach hinne denn, die Zeit wird knapp,

ich frier mir hier die Zehen ab.“

In ihren Taschen kramt die Fee,

und außer Fusseln, Münzen, Schnee,

da holt sie ein Stück Holz hervor,

der junge Kerl, der spitzt sein Ohr.

„Schau her das ist mein Zauberstab,

der wahre Wundertat vermag,

doch hat er jetzt noch keine Kraft,

mein Körper dies unmöglich macht,

die Kraft im wilden Leib gefangen,

mit Kuss kann ich zu Macht gelangen.“

So schwingt sie ihren Stock herum,

der ist recht mager, ist recht krumm,

kein Funke seiner Spitz entrinnt,

kein Zischen, Summen, Zauberspuk,

kein Feuerball ein Liedlein singt,

kein Fauchen, Krachen, Besenflug.

„So lässt du nun die Zweifel sein?“

Der Mann schaut noch sehr skeptisch drein,

und sagt zur holden Fee noch: „Nein!“

„Der Typ, der glaubt mir Fee noch nicht,

er hälts für Märchenquatschgeschicht“,

spricht sie empört ins Sternenlicht.

„Ich sag dir: Küss mich, du mein Held,

auch wenns dir erstmal nicht gefällt,

mein echtes Ich, das ist sehr schön,

dein Herz wird dir im Sturm vergehn,

wenn du mich siehst, mich Feeenmaid,

die deine Zweifel dir verzeiht.

Küss mich und du wirst dich freuen,

die edle Tat auch nicht bereuen.

Auch zwei Wünsche kann ich schenken,

dich in Glück und Freude tränken.

Geld und Macht und Ruhm und Wonne,

ja ein Leben an der Sonne,

keine Arbeit die dich plagt,

kein Chef der an den Nerven nagt,

ein Leben herrlich unbestimmt,

kein Leben das die Freude nimmt.

Was zögerst du? Komm her, sei Mann!

Nur solcher mich noch retten kann.

Ich warte schon so lang auf dich,

drum lass mich bitte nicht im Stich.“

Das Flehen lässt ihn grübeln lang,

und nach ner guten Viertelstund,

da öffnet er dann seinen Mund:

„Ein guter Rat, der fällt mir ein:

Dem Mutgen ist das Glück allein.

Ergreif das Glück, wenn es sich zeigt,

der Mensch hat keine Ewigkeit.

Ja wenn dir Fenster offenstehen,

dann lerne durch sie durchzugehen,

dann wage es, dann zöger nicht,

das Leben dir Erfolg verspricht.

Den Spruch, den mocht mein Vater sehr,

die Umsetzung, die fiel ihm schwer.

Dem Mutgen ist das Glück allein,

und möcht ich nicht wie Vater sein,

drum komm nur her, du Monsterfee,

ein kleiner Kuss, der tut nicht weh.“

In klarer Nacht der Kuss geschieht,

der Himmel singt sein Sternenlied.

Und ihre Zung möcht seine jagen,

dem kann er leider nicht entsagen,

wie Würmchen in den Mund hinein,

so schlängelt sich die Zunge rein,

erforscht die feuchten Tiefen,

weckt Mandeln die noch schliefen,

den Würgereiz verspürt er sehr,

doch übers Brechen wird er Herr,

und schluckt den sauren Brei hinab,

so war es doch am Schluß sehr knapp.

Und endlich zieht die Fee zurück,

der arme Kerl gebrandmarkt ist,

sie hinterlässt ein Trümmerstück,

den Grauenkuss, er nicht vergisst.

Die Fee tritt einen Schritt zurück,

und ist sogleich zutiefst entzückt.

So fängt sie laut zu lachen an,

die Fee sie bleibt ein Monstermann,

den jeder weithin riechen kann.

Der junge Mann ist gut geschockt,

bezirzen ließ von süßem Wort,

von Schönheit, Wünschen angelockt,

sein Hirn geschickt an fernen Ort.

„Ach von Herzen dank ich dir,

mein Retter, Helfer, Kavalier,

mein gierig dummer Menschenmann,

den man so leicht beschwatzen kann“,

sie spricht mit Grinsen im Gesicht,

der arme Kerl, kanns fassen nicht.

„Was ist mit dir, du Bösewicht,

der mir hier holde Maid verspricht?

Sag seh ich schlecht? Du bist nicht schön,

noch immer möcht man weitergehn.“

„ Bist reingefalln auf meine Lüg,

ich Menschentor sehr gern betrüg,

erhalten wirst du leider nix,

verwandeln muss ich mich noch fix“,

sie spricht und atmet ein und aus,

Verwandlung nimmt nun ihren Lauf.

Aus ihrem Rücken wachsen Schwingen,

die ihren Körper fast nicht zwingen.

Er steht nur da, im kalten Schnee,

und blickt auf jene Zottelfee,

die Flügel klein, der Körper groß,

und doch fliegt dieses Monster los.

Nen recht skurilen Anblick bot,

als es sich in die Luft erhob.

Zum Abschied sprach die Fee ein Wort,

bevor sie flog an fernen Ort:

„Oh traue einem Fremden nicht, wenn er dir schöne Sach verspricht,

denn allzu oft ist es nicht wahr, von fremder Hand droht dir Gefahr.

Drum lass dir das ne Lehre sein,

und geh nun gleich in Schande heim!“

Der arme Mann stand ganz gebannt,

die Fee am Horizont verschwand,

und als es dann vorüber war,

so stand er lange kläglich da,

und wusste weder ein noch aus,

von Scham erfüllt, ging er nach Haus.