Drachensorgen

Im Schutze des gleißenden Lichtes kam die Bestie herangerauscht. Anfangs war nur ein winziger Schatten zu sehen. Ein schwarzer, fast unsichtbarer Fleck auf der grellen Mittagssonne. Doch dieser Fleck wurde immer größer und größer und nahm allmählich eine erkennbare Gestalt an. Als die Glocken geschlagen wurden und hysterisch durch die Hafenstadt bellten, war es bereits zu spät. Der Drache flog so dicht über die Dächer, dass diese heftig durchgeschüttelt wurden und Ziegel wie Geschosse auf die Straßen hinabregneten, wo sie auf dem rauen Kopfsteinpflaster zerschellten. Bei jedem Flügelschlag schaukelten die Schiffe am Hafen bedrohlich hin und her.
„Das ist nicht wahr. Das ist alles nur ein Traum. Das ist alles nur ein verdammt schlechter Traum!“, redete sich ein junger Schmied immer und immer wieder ein und hielt ein silbernes Kreuz fest, welches an einer langen Kette von seiner verschwitzten, spärlich behaarten Brust baumelte. Doch er träumte nicht. Die Bestie brüllte, dass den Menschen fast ihre Herzen erstarrten. Die Glasfenster der Stadt klirrten ängstlich und zersprangen dann in einem schrillen Konzert. Das Vieh drehte derweil völlig durch. Hühner, Schweine und Rinder rannten kreuz und quer durch die Straßen und mit den Menschen um die Wette. Der gewaltige Leib des Monstrums wand sich in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit durch die Lüfte. So schnell, dass jeder Pfeil, jeder Bolzen nur ins Leere flog. Selbst wenn einer der Bogen- und Armbrustschützen sein Ziel nicht verfehlt hätte, so wäre dem Drachen nichts geschehen, denn fern jeder Lehre aus staubigen, uralten Büchern; meist geschrieben von alten, abenteuerlosen Tattergreisen, sind Drachen an ihren Bäuchen nicht verwundbar. Ganz im Gegenteil. Weil sie ihre Beute meistens von oben attackieren sind ihre Schuppen dort besonders dick und widerstandsfähig. Selbst ein frisch geschliffener Speer, gestoßen von einem erfahrenen, durchtrainierten Krieger, würde an diesen Schuppen nur eine kleine Kerbe hinterlassen.
In immer engeren Kreisen zog die Kreatur über die Stadt hinweg und schien nur darauf zu warten, dass die Menschen ihre Schiffe besteigen und einen Fluchtversuch wagen würden. Der Drache spie riesige Feuerfontänen in den Himmel, sodass schon bald ein widerwärtiger Schwefelgeruch die salzige Meeresluft verpestete. Es wurde nach den Soldaten geschrien, welche jedoch auch nur hilflos dabei zusehen konnten, wie das Chaos in ihrer Stadt wütete. Einige Gauner ergriffen ihre Chance und plünderten die verlassenen Geschäfte, während deren Besitzer ihr eigenes und das Leben ihrer Familien zu retten versuchten, indem sie in die Burg flüchteten. Sie hätten ebenso gut dem Drachen in sein gewaltiges Maul springen können. Ihr müsst wissen, dass selbst eine gut befestigte Burg für einen vom Hunger getriebenen, ausgewachsenen Drachen kein Hindernis darstellt. Überhaupt nicht. Manche Burgen waren sogar richtige Todesfallen. Schon so mancher Drache hatte sich in der Vergangenheit den Spaß gemacht und eine Burg wie einen Ofen mit seinem Drachenfeuer aufgeheizt, bis alle Menschen darin wie Brotlaibe gebacken waren. Anschließend mussten die gewaltigen Echsen die mürben Mauern nur noch mit ihren kräftigen Pranken einreißen. Im Anschluss konnten sie sich in aller Ruhe ihre schuppigen Bäuche mit den noch dampfenden Körpern vollstopfen. Doch genug davon, zurück zur Geschichte.

 

 

So kreiste also der Drache wie ein Greifvogel über der Stadt und versetzte all die kleinen Gestalten auf dem Boden in helle Panik. Er schien dieses Orchester des Wahnsinns wahrlich zu genießen. Doch gerade als er wieder mal ein grauenhaftes Brüllen von sich geben wollte, zuckte er zurück und hielt inne. Ein lautes Horn wurde geblasen. Ein Kriegshorn. Dröhnend röhrte der tiefe, dumpfe Ton durch die Gassen der Stadt und drang selbst bis in die Lüfte vor und an die winzigen Ohren des Drachens heran, die nur dünne, gewellte Schlitze auf der Unterseite der beiden langen Stirnhörner waren. Hier muss ich vielleicht anmerken, dass es sich bei diesem Drachen um einen Bergdrachen handelte. Man erkennt sie sehr gut an den zwei langen Stirnhörner, welche flach nach hinten ragen und womit die Drachen sich gut am Rücken und am Bauch kratzen können. Ihr Schwanz ist im Vergleich zu denen von anderen Arten relativ klein und erinnert an eine dornige Peitsche, an deren Ende man einen kleinen, rostfarbenen Dreizack angebracht hat. Das Schuppenkleid ist meistens schwarz und braun, teilweise auch leicht gräulich. Bergdrachen welche in sehr hohen Gebirgen leben und jagen, weisen meistens eine etwas hellere Färbung auf, da sie dadurch im Schneetreiben besser getarnt sind und sich auf diese Weise besser an ihre Beute heranpirschen können. Sie gelten als außerordentlich klug und sehr zäh. Aufgrund ihrer Intelligenz und damit verbundenen Unberechenbarkeit werden sie seit jeher im gesamten Königreich gefürchtet. Unter ihnen gibt es jene, die Feuer speien können und jene, die dies nicht können. Die Feuerspeier sind meist etwas kleiner und weniger muskulös als die Feuerlosen, die ihren Flammennachteil durch grobe Kraft und Ausdauer wettmachen. Diese Himmelskolosse lieben es riesige Brocken von Gebirgshängen abzureißen und auf ihre hilflosen Opfer am Boden fallenzulassen. Der Drache, der über dem Fischerstädtchen kreiste spie Feuer und war folglich ein etwas „kleineres“ Exemplar. Klein bedeutet in diesem Fall eine Gesamtlänge (Schwanzspitze – Nasenspitze) von etwa zwei Schwimmbecken, also knapp fünfzig Metern. Ein lebendiger Berg aus Schuppen, messerscharfen Krallen und höllisch heißem Feuer.

Der dröhnende Ruf des Kriegshorns hatte die Neugierde des Drachens erweckt und so stieß dieser sich mit einer wilden Rolle in die Tiefe. Die Leute schrien und klammerten ihre Kinder fest an sich. Doch der Drache öffnete seinen todbringenden Rachen nicht, ließ keine flammende Vernichtung auf die Menschen niederfahren, sondern flog über die Stadt hinweg und landete krachend auf den abgeernteten Weizenfeldern im Norden, nahe der Stadtmauern. Er wirbelte bei seiner Landung eine gewaltige Staubwolke auf und seine schwarzen, leicht nach unten gebogenen Krallen gruben sich tief in den trockenen Untergrund. Einige der Stadtbewohner und Soldaten rannten auf die Mauern und blickten von dort auf die Felder, wo der Drache sich langsam auf seine beiden Hinterbeine stellte, die Flügel ausbreitete und dann einen markerfüllenden Schrei ausstieß. So manch einer duckte sich und schlotterte vor Angst, wagte es kaum einen weiteren Blick zu riskieren.

„Seht! Dort, vor dem Drachen!“, rief ein Soldat erstaunt und zeigte auf zwei Gestalten, die im Sonnenlicht leicht schimmerten und direkt vor dem Drachen zu stehen schienen. Im Flimmern der Mittagshitze konnte er sie nur schlecht erkennen, zudem hatte sich der aufgewirbelte Staub nicht ganz gelegt, der wie eine dicke, gelbe Wolke umherwaberte.
„Drachenfutter, alle beide und danach sind wir dran“, quiekte eine ängstliche, alte Frau und fing an zu schluchzen.
„Vielleicht haben sie das Horn geblasen. Ich glaube, dass das Drachentöter sind!“, stellte eine junge Frau fest, woraufhin alle erstaunt zu ihr hinübersahen.
„Red doch keinen Schwachsinn Kind. Das sind doch alles nur Geschichten. Sieben Drachenangriffe habe ich nun schon miterleben müssen und noch kein einziges Mal kam uns ein Drachentöter zur Hilfe“, murrte ein edel gekleideter Kaufmann, der mittlerweile mehr graue als braune Haare hatte. Sein Blick war ernst und doch hoffte er insgeheim, dass die junge Frau mit ihrer Vermutung Recht behielt. Zu viel Leid hatten seine Augen schon ertragen müssen. Er sprach ein stilles Gebet.

Ein Mann und eine Frau waren es, die vor dem Drachen standen und keinen Schritt zurückgewichen waren, als dieser sie angebrüllt hatte. Beide trugen eine leichte Lederrüstung und hielten zwei dünne, spitze Schwerter in den Händen. Nur schlechte Drachentöter (und in diesem Gewerbe bedeutete das meist tote Drachentöter) trugen Kettenhemden, schleppten Schilde, oder versuchten ihr Glück in einem Frontalangriff.
„Sollen wir loslegen?“, fragte die Frau und der Mann nickte entschlossen. Das Untier stieß wie als Antwort zwei kleine, graue Rauchwölkchen aus seiner Nase.
Gleichzeitig sprinteten sie los, geradewegs auf den Drachen zu. Dieser stellte sich auf alle Viere und grinste sie neckisch an. Zwischen seinen Zähnen sah man bereits das Feuer, welches in ihm lauerte und nur darauf wartete, alles Lebendige auszulöschen. Gerade als er sich aufbäumte und zum Feuerspucken ausholte, hechteten die beiden Drachentöter blitzschnell auseinander. Sie nach rechts, er nach links. Der Kampf war schnell entschieden. Es dauerte nur wenige Minuten, dann lag der Drache regungslos auf den harten Weizenstoppeln. Um seinen Körper herum war die Erde zum größten Teil verbrannt und dampfte. Einige Bäume am Rand des Feldes hatten bei dem Kampf Feuer gefangen und glühten noch bis in die Nacht hinein, wobei sie das schuppige Ungetüm in ein schauerliches Licht tauchten. Die Bewohner der Stadt konnten ihren Augen nicht trauen. Vor Freude weinend rannten sie aus den Stadttoren und liefen auf den Leib des Drachen zu. Das Drachentöterpärchen warnte jedoch die Menschen davor sich der Bestie zu nähern, da deren Körper selbst im Tode noch heiß wie ein glühendes Stück Eisen sei und er außerdem eine böse, verführerische Aura ausstrahle, die Menschen schnell in den Wahnsinn treiben könne. Keiner wagte es den Drachen anzurühren. Unter großem Jubel wurden die beiden Helden in die Stadt geführt und nachdem der gröbste Unrat von den Straßen gekehrt worden war, wurde ein fantastisches Fest gefeiert. Überall brannten die Lichter, überall wurde getanzt und gelacht, überall wurde geküsst und gesungen. Alle umarmten sich, als wären sie eine einzige riesige Familie und man erzählte sich allerlei Geschichten, wie denn der Drache letztendlich zu Fall gebracht worden war. Einer behauptete, dass die Helden den Drachen mit einem direkten Stich in das Herz getötet hätten, ein anderer schwor beim Leben seiner Kinder, dass er zwischen den Hörnern des Drachens einen kleinen Schlitz gesehen hatte, in den sie ihre Schwerter hineingerammt hatten. Noch Tage nach diesem Fest rieben sich manche die Bäuche, wenn sie daran dachten, wie sie sich in dieser Nacht vollgefressen hatten. Danach rieben sie sich den Kopf, wenn sie an den Morgen danach dachten. Nachdem sie sich in der Stadt verköstigt hatten, empfing der Statthalter des Königs die Drachentöter in der Burg und überschüttete sie dermaßen mit Gold und Juwelen, bis sie so mit Reichtümern vollgeladen waren, dass sie kaum noch laufen konnten. Man bot ihnen eine Unterkunft an, doch die beiden lehnten dankend ab. Sie erzählten, dass sie ihr Lager hinter den Weizenfeldern, in der Nähe der beiden Obstbauernhöfe, aufgeschlagen hatten und noch heute Nacht dorthin zurückkehren wollten, da sie es vorzogen in der Wildnis zu schlafen. Keiner sprach ein Widerwort, schließlich hatte dieses ungewöhnliche Pärchen die Stadt doch vor der sicheren Vernichtung bewahrt. Mit unzähligen Umarmungen, Grüßen und Wünschen wurden die großzügig beschenkten Helden verabschiedet und zu ihrer Ehre wurden noch minutenlang weiter die Glocken geläutet, nachdem sie die Stadt aus dem nördlichen Tor verließen. Nachdem sie verschwunden waren ging das Gelage und die Heiterkeit weiter. Es wurde viel gegessen und noch mehr getrunken.

 

Am nächsten Morgen, kurz nachdem ein noch halbbetrunkener Soldat seinen morgendlichen Wachdienst angetreten und zufällig über die Burgmauer gespäht hatte, wurden die Glocken erneut geläutet. „Der Drache ist weg! Der Drache ist weg!“, schrie er heiser von den Zinnen hinab und die anderen Soldaten unten an der Burgmauer, welche gerade damit beschäftigt waren sich zu waschen, begriffen erst überhaupt nicht was er damit meinte, sahen sich nur ungläubig an, so als ob sie sichergehen wollten, dass sie alle dasselbe gehört hatten. Aber tatsächlich, der Mann hatte nicht gelogen. So wurden die Glocken wild geläutet und die Stadt aus ihrem süßen Schlummer geweckt. Überall wurden panisch die Türen aufgerissen. Die Menschen rannten aus ihren Häusern und blickten sich verwirrt um. Keiner wusste anfangs was eigentlich los war und es dauerte eine Weile, bis sich die Kunde verbreitet hatte.

Der Drache war tatsächlich fort. An der Stelle wo in der vorherigen Nacht sein gewaltiger Leib auf dem Boden gelegen hatte, war nun nur noch eine riesige, dunkle Kuhle, die umringt war von verglühenden Weizenstoppeln, von denen ein feiner, silbriger Rauch aufstieg. Keine Spur von dem Drachen. Verstört blickten die Leute sich um, beobachteten misstrauisch den Himmel. Sofort wurden Reiter in alle Himmelsrichtungen gesandt. Boten, welche die umliegenden Dörfer und Städte vor dem Drachen warnen sollten.

Während die Menschen der Hafenstadt noch zu begreifen versuchten was da eigentlich vorgefallen war, saß ein interessantes Trio in einer riesigen Höhle in den Bergen und schaute sich den Reichtum an, den es sich ergaunert hatte. Wie es sich herausstellte, können auch Drachenreiter pleitegehen und müssen ab und zu etwas für ihr Gold tun. Der Drache, der den Namen Alravir trug und dem die Menschen irgendwann den Spitznamen: „Der dunkle Täuscher“ verliehen, war ein durch und durch friedliches Wesen. Seine beiden Menschenfreunde hatten sein Ei damals einem nichtsahnenden Händler abgekauft und es über einem heißlodernden Feuer ausgebrütet. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang tanzten die Flammen, bis die dicke Schale endlich zerbrach und Alravir die Welt mit einem hellen Schrei zum ersten Mal begrüßte. In den Jahren danach hatten ihn Falmia und Thelomas mit viel Liebe und Mühe großgezogen und ihn ihre Sprache gelehrt. Er dankte es ihnen, indem er sie auf sich reiten ließ  und ihnen bei all ihren Unternehmungen half. Zusammen bereisten sie jeden Winkel der Welt und gingen in das große Buch der Legenden ein, aus dem ich euch gerade vorgelesen habe. Mal sehen, vielleicht lasse ich euch mal wieder einen Blick dort hineinwerfen. Wer weiß, was das Leben so bringt…

 

 

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