Ein neuer Weg

Ein junger Mensch, der aus nachvollziehbarem Grund noch recht wenig von der Welt gesehen hatte, freute sich auf seine bald bevorstehende Geburt. Lange genug hatte er nun schon gewartet und es missfiel ihm zutiefst, dass er sowohl des Sehens noch nicht mächtig war, als auch, dass ihn die Klänge der Welt stets nur gedämpft erreichten.

Das Letzte woran er sich vor seinem Tod erinnern konnte war, dass er in einem blütenweißen Klinikbett im St. Josefskrankenhaus gelegen hatte und dort nur aufgrund zahlreicher Schläuche, die ihm wild aus allen möglichen Körperöffnungen wucherten, überleben konnte. Ein elendiges Bild. Eine elendige Zeit. Er fühlte sich damals wie ein Stück Fleisch, nicht mehr wie ein Mensch.

Am Mittag seines Todestages kamen seine Tochter und seine Frau zu Besuch. Er hasste es, dass die beiden ihn in dieser erbärmlichen Verfassung sehen mussten. Ein erdrückendes Gewicht legte sich jedes Mal auf sein Herz, wenn er ihre sorgenvollen Mienen erblickte. Sein geisterhaftes Erscheinungsbild nahm seine Frau sichtlich mit. Sorgenfaltig und schrecklich dünn war sie mit der Zeit geworden, glich ihm immer mehr. Die langen aschgrauen Haare, die sie sonst immer mit größter Sorgfalt nach hinten gekämmt und zu einem zarten Zopf zusammenflochten hatte, standen spröde und lustlos von ihrem Haupt ab und glichen eher dem windgebrochenen, abgestorbenen Gras einer kargen Steppenlandschaft, als menschlichem Haar. Wie lange er in diesem verfluchten Bett gelegen hatte, daran konnte er sich zum Glück nicht mehr erinnern. Zu lange jedenfalls, das stand fest. Er war wohl irgendwann nach diesem Besuch gestorben. Den Tod selbst hatte er nicht bewusst mitbekommen, was wohl an den unzähligen Medikamenten lag, die ihm damals in Sturzbächen von den Tröpfen in den Körper rannen und ihn oft tagelang in einen apathischen Dämmerzustand versetzt hatten. Die Zeit vor seinem Tod war schrecklich, der Tod an sich eigentlich wunderbar. Es gab bedeutend schlimmere Arten das Zeitliche zu segnen, als es gar nicht erst mitzubekommen, stellte er im Nachhinein für sich fest. Da war kein Himmel, keine Hölle, sondern nur das Erwachen in diesem Mutterleib, den er nun vorübergehend sein Zuhause nannte.

Er war recht unsanft nach diesem Nickerchen aller Nickerchen aufgewacht, so als ob ihn plötzlich jemand in eine mit Eiswasser gefüllte Badewanne gestoßen, oder voller Elan neben seinem Ohr in eine Trompete geblasen hätte. Zu Beginn wollte er wild um sich schlagen und strampeln, doch seine neue körperliche Verfassung und die Enge seiner Behausung ließen diesen Bewegungsdrang fast gänzlich verpuffen. Alles was seine Mutter zu spüren bekam, war ein leichter Tritt in den Bauch. Zu mehr war er noch nicht fähig. Nach einigen Minuten kam er schließlich zur Ruhe und fand sich damit ab, dass er sich nicht aus eigener Kraft aus dieser Lage befreien konnte. Es war warm an diesem Ort, angenehm warm. Eine Wärme, die tief in ihm ein Gefühl erweckte, das sich wie eine dicke, kuschelige Wolldecke auf seinen Körper, sein Herz und seine Seele legte. Geborgenheit. Dieses wohlige Gefühl, welches er schon sehr lange nicht mehr in dieser Intensität verspürt hatte.

Diese vollkommene Geborgenheit wurde leider jedoch kurze Zeit später durch das schrille Schreien eines Weckers grausam aufgelöst. Als kurz danach zwei menschliche Stimmen an sein Ohr drangen, wusste er endlich, an was für einem Ort er sich befand. Von innen klang es so, als ob alle Menschen sich beim Sprechen ein dickes Taschentuch vor den Mund halten würden, doch ab und zu konnte er einzelne Worte klar heraushören und sich auf diese Weise den Gegenstand eines Gespräches erschließen. Die Stimmen seiner Eltern waren besonders. Sie hatten etwas wahrhaft Engelhaftes an sich. Nur die Stimme seiner Frau hatte ihn früher in ähnlicher Weise verzaubert und fasziniert. Er liebte es, wenn seine Eltern sprachen. Vor allem, wenn sie zu ihm sprachen.

Die ganze Furcht vor dem Tod und dem Unbekannten danach, hatte ihn manchmal in den unendlich langen, vor stiller Einsamkeit strotzenden Stunden im Krankenhaus zerfressen und gelähmt, bis er kaum mehr fähig war zu atmen. All dies hatte er nun hinter sich gelassen. Ein neues Leben stand ihm bevor.

Er hatte es stets genossen die Welt und all ihre Facetten gedanklich zu durchdringen. Umstände, die von anderen Menschen als Selbstverständlichkeiten aufgefasst wurden anzuzweifeln. Seine derzeitige Verfassung warf so viele neue, erfrischende Fragen auf. Über zwei Dinge zerbrach er sich besonders lange den Kopf:“Hat meine Seele ein Geschlecht?“, und „Werde ich dieses Mal vielleicht als Frau geboren?“- Gedanken, die ihn sehr irritierten, war er sich doch bis dato immer sicher gewesen ein „Mann“ zu sein. Zwei Hoden und ein Penis, dies waren die unübersehbaren Merkmale, die ihn über knapp 80 Jahre lang als Mann ausgewiesen hatten, oder etwa nicht? Leider war es ihm unmöglich nachzusehen, geschweige denn seine Genitalien zu befühlen, da weder seine Hände solche Bewegungen zuließen, noch seine Augen sich öffnen wollten.

Angestrengt lauschte er der Außenwelt, sog alle Eindrücke gierig auf und versuchte sie zu einem Ganzen zusammenzuweben. Jedes Geräusch, jedes Lied, rief dabei Bilder aus längst vergangenen Momenten wieder in sein Bewusstsein. Erinnerungen, die tief in ihm geschlafen hatte und an die er glücklicherweise noch einmal durchleben durfte. Zeit, das wichtigste Gut in dieser Welt, hatte er dafür genug und so dachte er über alles nach, was einst war, nun ist und bald sein könnte. Jeden Tag freute er sich mehr und mehr auf seine Geburt.

Währenddessen hatte er mit seiner Mutter großes Mitleid, wurde doch ihr Alltag durch seine Existenz immer erheblicher erschwert.

Von der sich schnell einstellenden Atemlosigkeit bei Betätigungen, die ihr vor der Schwangerschaft sonst so einfach von der Hand gegangen waren, war seine Mutter am meisten genervt. Aber auch die nächtlichen Wadenkrämpfe und die unzähligen Gänge zur Toilette empfand sie als ausgesprochen lästig. Ihre walrossartigen Ausmaße machten mittlerweile selbst das Schuhe binden zu einer erschöpfenden Gymnastikübung. Auf der Straße verglich sie ihren Babybauch immer gerne mit den Bierbäuchen der Männer. Jedoch gab es mittlerweile nur noch sehr wenige Exemplare, die ihren Umfang überbieten konnten. Auch sie freute sich schon sehr auf die bald bevorstehende Entbindung.

Für ihn vergingen die Tage wie im Fluge, zumal er schon lange kein Zeitgefühl mehr hatte und manchmal nichts anderes tat, als tagelang zu schlafen. Doch allmählich wurde er ungeduldig. Es war zwar wunderschön dauerhaft von Liebe und Wärme umhüllt zu sein, aber gleichzeitig konnte er sein neues Leben kaum mehr erwarten. Zudem wurde sein Zuhause mit jedem verstreichenden Tag immer enger und enger, so dass er an einem Samstag, der dermaßen widerlich schmuddelig war, dass seine Eltern den ganzen Tag nicht einmal die Wohung verließen, damit begann, sich hin und her zu winden, um eine bequemere Lage zu finden. Tagelang mühte er sich ab, schob sich Zentimeter für Zentimeter voran, bis er schließlich irgendwann zufrieden war und innehielt. Ohne es zu bemerken hatte er sich einmal komplett im Bauch seiner Mutter gedreht. Sein Kopf war nun zur Erde hin gerichtet.

Einige Wochen vergingen, welche er meist in einem traumgeschwängerten Dämmerschlaf verbrachte. Er war des Denkens müde geworden und ließ nun den Dingen ihren Lauf, genoss die verbleibende Zeit völliger Umsorgung und Liebe und schloss Frieden mit all den Fehlern und verpassten Gelegenheiten seines letzten Lebens.

Dann kam der Tag aller Tage.

Das Platzen der Fruchtblase, die schnelle Fahrt ins Krankenhaus, all dies bekam er gar nicht mit. Er erwachte erst, als die ersten Wehen begannen und er deren sanfte Berührungen an seinem Körper verspürte. Zuerst überfiel ihn ein Moment der Panik, da er nicht einordnen konnte, was ihn da gerade berührt hatte. Als er jedoch klar und deutlich den Ausruf „Pressen!!!“, vernahm, verstand er, was gerade vor sich ging und jauchzte und tanzte innerlich vor Freude. Endlich ging es los. Nach zwei sich in die Unendlichkeit streckenden Stunden des Wartens war es schließlich so weit.

Zum ersten Mal in diesem Leben hatte er seine Augen geöffnet und blickte nun in ein Licht. Dieses Licht war heller als alles, was er jemals in seinem alten Leben gesehen hatte. Es war hell, so unfassbar hell und je näher er ihm kam, desto strahlender wurde es. Sein kleines Herz pochte vor Aufregung. Dann geschah etwas, dass er so ganz und gar nicht erwartet hatte und dass ihn völlig verzauberte. Während das Licht auf ihn zukam, trieb sein altes Leben ein letztes Mal an ihm vorbei. Er durchlebte noch einmal jeden glücklichen Moment seines alten Lebens und ließ dieses dann allmählich hinter sich. Seine Erinnerungen verblassten. Sein Geist leerte sich allmählich und er fand vollkommene Ruhe und Frieden. Voller Freude und Glück, ließ er alle Sorgen fallen, schloss die Augen und gab sich dem Licht hin. Sanft glitt er durch den gleißenden Vorhang.

 

Advertisements