Geistesblitz

Es war einmal ein Geist, der an einem Klavier. Seine durchsichtigen Finger flogen sagenhaft geschwind über die Tasten und die mit eiligem Treiben durchsetzte Luft wurde von wundervollen Klängen erfüllt. Sein Klavier stand in einem etwas abgelegenen Warteraum eines großen Bahnhofes, weswegen ab und zu eine laute Durchsage seine Konzentration für kurze Zeit störte. Die Geräusche der Reisenden sowie das Quietschen der einfahrenden Züge nahm er überhaupt nicht mehr war. Was ihn jedoch, obwohl er nun schon einige Jahre in diesem Bahnhof „wohnte“, immer noch irritierte, war, wenn sich plötzlich jemand neben, oder in ihn setzte und auf dem Klavier zu spielen begann. Erwachsene bekamen von ihm und seinem Spielen meistens überhaupt nichts mit, nur Kinder blickten ab und zu verwirrt um sich, wenn sie eines seiner Lieder hörten, oder sie durch seinen bläulichen, durchsichtigen Körper gelaufen waren. Vermutlich waren sie noch etwas empfänglicher für das Metaphysische, all jene verborgenen, ätherischen Erscheinungen, welche sich in dieser eigenartigen Zwischenwelt aufhielten.

Einmal hatte er versucht mit einem kleinen Mädchen zu sprechen. Er war gerade dabei gewesen ein stürmisches Stück zu spielen, das einem flotten Galopp durch einen satten Herbstwald ähnelte, als er eine warme Berührung gefühlt hatte. Ganz vorsichtig war ein Kind, welches ihn nur als einen dünnen, unförmigen Schleier wahrgenommen hatte, an ihn herangetreten und hatte mit der rechten Hand in seinen Körper gegriffen. Die zarten Hände waren durch seine Arme und seine rechte Hälfte wie durch einen warmen Nebel geglitten. An jene Berührung, jenen Hauch menschlicher Wärme erinnerte er sich bis heute noch mit Freude. Doch als er sich dann zu dem Kind gedreht, den Mund geöffnet und des mit einem freundlichen „Hallo du, na wie geht’s?“ begrüßt hatte, war es völlig verängstigt und kreischend zu seinem Vater gerannt, der gerade damit beschäftigt gewesen war, sich mit der Zunge die Frühstücksreste aus den Zahnzwischenräumen zu pulen. Dies war der erste und letzte, ernsthafte Kontaktaufnahmeversuch des Geistes mit der Welt der Lebenden gewesen.

Was ihn immer wieder sehr erfreute, waren unvorhergesehene Momente in seinem sonst so gleichmäßig verlaufenden „Leben“. Wie etwa, wenn sich einzelne Menschen aus den der Menge herauslösten, Mut fassten und an sein Klavier setzten, um ein bisschen darauf zu spielen und sich so die Wartezeit angenehmer zu gestalten. Manche klimperten allerdings nur ahnungslos darauf herum, erfreuten sich an dem schrillen, unmelodischen Tastengehopse, andere zogen mit ihrem Können kleine Zuschauergrüppchen an, die dann – oft sehr verhalten – applaudierten. Während solcher Vorstellungen machte der Geist sich immer gerne einen Spaß und verwandelte die Soli durch improvisierte Einlagen (welche leider nur er selbst hören konnte) in Duette.

Mittlerweile geisterte er nun schon fast zwei Jahre in dem großen Bahnhof umher. Leider wusste er nicht, was ihn dort festhielt, allerdings hatte er in all der Zeit kein einziges Mal auch nur die geringste Lust verspürt, das rustikale Gebäude zu verlassen. Er mochte die hohen Räume, die breiten, mit Malereien aus dem 19. Jahrhundert verzierten Bögen, welche sich quer über die Gänge spannten, auf diese Weise die vier großen Wartehallen miteinander verbanden. Es gab auch einige kleine Läden die Zeitschriften, Tabak und andere Kleinigkeiten verkauften. Jeden Tag spielte er viele, viele Stunden leidenschaftlich auf dem Klavier, manchmal sogar bis tief in die Nacht hinein, wodurch er immer besser und besser wurde. Er erfreute er sich an seiner erstaunlichen Fingerfertigkeit, den spanischen Tänzen, den Sirenengesängen welche er dem massiven, schwarz lackierten Instrument entlocken konnte.„Ich bin der größte Geisterpianist der Welt!“, stellte er an einem sommerlichen Morgen fest, musste sich jedoch dann genauerer Überlegung eingestehen, dass es sicher andere Geister gab, welche schon seit Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten die Welt bewanderten – das Geister schweben können ist ein Mythos, selbst sie sind an einige Regeln und Gesetze gebunden – und dementsprechend viel Erfahrung besaßen, fähig waren Melodien zu spielen, welche Kriege entfachen, oder vollkommene Liebe verbreiten konnten. Er ließ sich von diesem Gedanken jedoch nicht bedrücken, ganz im Gegenteil. All seine Kraft wollte er aufbringen, um selbst solch ein Virtuose seiner Kunst zu werden, eines dieser heilig anmutenden  Musikwunderwerke zu erschaffen. Zeit dazu hatte er vermutlich genug. Keine weltlichen Gelüste beschwerten seinen Alltag, jedoch trank er der Gewohnheit wegen morgens, mittags und abends jeweils einen Kaffee und ging manchmal aufs Klo, wo er zwar viele Minuten auf der Schüssel saß, sich jedoch niemals etwas aus ihm herausbewegen wollte.

Eine Eigenart dieser Zwischenwelt, welche ihn zuerst in höchstem Maße irritiert, dann allerdings überaus erfreut hatte war die, dass alles Unlebendige was er berührte sich augenblicklich in eine Kopie aus der Welt der Lebenden verwandelte und ebenso verhielt. Dies traf ausnahmslos alle Gegenstände zu. So konnte er unter anderem ein Brot nehmen, es in kleine Stücke reißen, mit einem Messer schneiden, oder in eine Flüssigkeit tunken; sodass es matschig wurde, oder es essen. Das Original verblieb allerdings immer an seinem ursprünglichen Platz und konnte nur von den Lebenden selbst bewegt werden, was den Geist manchmal zu seinem Unwillen in eine gewisse Abhängigkeit trieb. Schlafen musste er nicht, aber dennoch legte er sich abends immer auf eine Bank und schloss die Augen, bis die erste Morgensonne durch die Fenster auf sein Gesicht fiel. Er verspürte zwar keine Müdigkeit, keinen Hunger und auch keinen Drang sich zu erleichtern, dafür waren ihm seine Emotionen geblieben, wofür er sich außerordentlich glücklich schätzte. Dies hatte jedoch auch eine Kehrseite, denn dadurch empfand er auch das gemeine Gefühl der Einsamkeit.In den ersten paar Monaten seiner Existenz als Geist hatte er damit keine Probleme gehabt, aber irgendwann fühlte er sich selbst inmitten der wildesten Betriebsamkeit unwohl. Er war zwar von tausenden Menschen umgeben, doch was nützte ihm dies, wenn er niemanden zum Reden, zum Teilen seiner Erfahrungen hatte? Das Gefühl wurde immer erdrückender, verwandelte sich in einen quälenden Schmerz, welcher sich in seiner Musik wiederfand, die allmählich immer melancholischer und trauriger wurde.Vorbei all die Lieder von Frühlingsspaziergängen, Mondgeflüster in lauen Sommernächten, das Rauschen des Meeres an schroffen Klippen, die ersten, heißen Küsse zweier frisch Verliebter.

Eines Tages, es war frühmorgens und sehr laut; hatten doch einige Züge aufgrund eines plötzlichen Wintereinbruchs Verspätung, wodurch sich die Passagiere im Bahnhofsinneren fast aufeinanderstapelten, durchdrang ihn erneut ein solcher Dorn der Einsamkeit. War er doch nach dem Erwachen noch etwa eine Stunde durch die brodelnde Menschenmenge gegangen, so setzte er sich nun an sein Klavier, dessen Sessel zum Glück noch ordentlich und verlassen da stand. Ansonsten war jeder einzelne Sitzplatz des Warteraumes belegt. Eltern hatten kleinere Kinder auf dem Schoß sitzen und die Gänge waren dermaßen mit Gepäck zugestellt, dass ein Vorankommen zum Hürdenlauf wurde. Von alldem ließ sich der Geist nicht weiter ablenken. Er musste nun Klavier spielen, diese erdrückende Einsamkeit aus seinem Herzen für einige Zeit verscheuchen. Schon beim ersten Tastenanschlag fühlte er ein ungewöhnliches Kribbeln tief in sich. Sofort wusste er, dass diese Melodie anders war. Wie ein Schwalbenschwarm flogen seine Finger über die Tasten hinweg und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er ein Gefühl der Befreiung, der Entlastung, so als ob ihm jemand ein schweres Gewicht abgenommen hätte. Und während er all seine Energie, all seine Emotionen, all den angestauten Schmerz in diese schaurig schönen Klänge legte, welche engelhaft den Raum erfüllten und dieses Mal sogar auch von einigen Erwachsenen gehört wurden; was jene in ein plötzliches, heftiges Schluchzen ausbrechen ließ, begann sich der Geist langsam aufzulösen und eins mit der Musik zu werden, die immer leiser und leiser wurde, bis sie sich schließlich wie eine leichte Brise verflüchtigte. Zur selben Zeit, als gerade die letzten, zarten Noten den Bahnhof erfüllten, erzitterte plötzlich eine junge Komponistin; welche sich zuvor noch in morgenmuffeliger Manier eine halbe Stunde im Bett durch die Decke gewälzt hatte, und griff hektisch nach einem Block Papier sowie einen Kugelschreiber von ihrem Nachttisch. In einem hektischen Arbeitsrausch kritzelte sie hochkonzentriert die weißen, linierten Blätter in atemberaubender Geschwindigkeit voll, bis ihr der Arm ganz lahm war. Erstaunt hielt sie die mit Musik gefüllten Blätter vor sich und konnte nicht fassen, was sie da gerade geschrieben hatte. Woher war dieser plötzliche Geistesblitz gekommen? Verwirrt lief sie durch die lichtgeflutete Wohnung zu ihrem Klavier und setzte sich, noch ganz im Nachthemd, auf den breiten, gepolsterten Ledersessel. Ganz vorsichtig legte sie die einzelnen Seiten über- und nebeneinander, bis alles genau so angeordnet war, wie sie sich es während des Komponierens vorgestellt hatte. Schließlich begann sie zu spielen. Eine Melodie wie von tanzenden Engeln erschaffen, drang aus dem eher schäbig anmutenden Instrument, auf welchem eine dünne Staubschicht ruhte. Der jungen Frau war es, als würde jemand ihre Finger zart über die Tasten führen, sie anleiten. Die anfangs schnellen und erregten, dann aber langsamer und sanfter werdende Klänge erfüllten sie mit Freude und Ruhe. Die Musik drang aus den gekippten Fenstern hinunter auf die Straße, wo erstaunte Passanten den Kopf nach oben reckten, den Ursprung jener Herrlichkeit zu ergründen versuchten. Wie ein seidenes Tuch legte sich diese Melodie auf die Seelen der Menschen. Viele blieben stehen und schlossen die Augen, um sich vollends auf den Hörgenuss einlassen zu können. Als das Klavier schließlich verstummte und die letzte Note wie eine zarte Träne in die Luft entschwebte, brandete ein wahnsinniger Applaus durch die Straße.

 

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