Gleis 2

Wenn der sehr extrovertierte Herr im Vorübergehen manchen Leuten ins Gesicht blickt, so wirken sie auf ihn nicht menschlich, sondern eher wie Statuen, die zu einer Existenz mit kummervoller Miene verdammt sind und nie die Freude in Form eines herzlichen Lachens erfahren werden. Diese Gesichter bestärkten ihn, sein von langer Hand geplantes Vorhaben in die Tat umzusetzen.

So steht er nun ungeduldig an Gleis 2 und wartet auf den nächsten Zug, der laut der dunkelblauen Anzeige um 15:40 mit zehn Minuten Verspätung eintreffen soll. Die Nervosität des Herrn wächst stetig und unbewusst beginnt er, eifrig an seinen Nägeln zu kauen. Von den vorherigen Ereignissen schwerwiegend gezeichnet und nur noch blutige Ruinen seiner vergeblichen Beruhigungsversuche, verschaffen sie ihm anstelle der ersehnten Erleichterung nur Schmerzen, weshalb er recht schnell von ihnen wieder ablässt. Seine Füße setzen sich wie von unsichtbaren Fäden gezogen in Bewegung. Wie ein eingesperrtes Tier beginnt er hektisch am Bahnsteig auf- und abzugehen. Menschen, die den Herrn erblicken und derer es viele zu dieser Uhrzeit am Bahnhof gibt, würden ihn bei flüchtiger Betrachtung wohl für einen gut gekleideten, reisenden Geschäftsmann halten, der es stets sehr eilig hat, weil er von Termin zu Termin hetzen muss, ein Sklave seines überquellenden Terminkalenders ist, von diesem diktiert wird. Zehn Minuten Verspätung, ein Alptraum! Und jawohl, wenn man ihn so sieht in seinem dunkelgrauen Mantel, der schwarzen Anzughose, den sorgfältig polierten Hirschlederschuhen und der karierten Schiebermütze, liegt diese Vermutung nahe, doch ist dem eben nicht so. In seiner rechten Hand hält er zwar einen großen Koffer, doch dieser enthält außer seinen Papieren, Geld und einem Buch über deutsche Philosophen, nichts weiter als ein kleines blaues Reiseset, sowie zwei selbstgeschmierte Käsebrote in einer rosafarbenen Tupperdose. Es finden sich darin jedoch weder Verträge, die es zu unterzeichnen gilt, noch vertrauliche Dokumente, deren Wert das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Normalbürgers um ein Vielfaches übersteigen. Um ihn herum hat sich mittlerweile eine beeindruckend markante Aura aus Schweiß gebildet, die nicht zu überriechen ist.

Der Herr weiß, dass er sein Umfeld mit dieser Aufmachung täuscht, doch für dieses Abenteuer wollte er sich richtig in Schale werfen, auch wenn diese Verkleidung ihn an sein altes Leben erinnert, welches, wenn er jetzt darauf zurück blickt, nur so vor Tristesse triefte. Viel zu lange zog er sich täglich so an, ging solchen Geschäften nach, ohne Fragen zu stellen, ohne Zweifel zu hegen. Keine Skrupel. Kein Mitleid. Es ging ums Geld, die Moral hatte da nicht ihren Platz. Viel hat sich seither nicht verändert. Auf den Feldern herrscht noch immer Monsanto, in den Köpfen die Gleichgültigkeit und das Miteinander ist dem Nebeneinander gewichen. Irgendwann war es ihm zu viel. Er hatte es einfach satt eine Marionette seiner Chefs zu sein, für deren Wohl seine Lebenszeit aufzuopfern. Geld zu verdienen, dass er in Dinge steckte, welche er nicht wirklich brauchte, die ihn nicht glücklicher machten, sondern ihm letztendlich nur als Statussymbole dienten. Sein Auto, das förmlich „Schau mich an!“, aus dem Sportauspuff schrie. Seine Wohnung, vollgestopft mit quietschbunten Designermöbeln. Er hatte viel, wollte immer noch mehr, bis er schließlich in einer Pfütze sein Spiegelbild sah und wie der kleine Junge tief in ihm eine Träne weinte. Diese Träne wurde zu einer Flut, welche sein ganzes bisheriges Leben über den Haufen warf. Von alldem hat er niemandem etwas erzählt. Er war einer der Menschen, die gefragt werden wie es ihnen geht und diese Frage immer mit „Gut“, beantworten, obwohl es sie innerlich zerreißt.

Der Blick auf die Uhr ist ein Fehler. Der Zeiger kriecht förmlich voran, so als ob ein kleines Männchen ein Seil an ihm befestigt hat und nun mit aller Kraft und unter vollem Körpereinsatz versucht, ihn in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen. Eine Frauenstimme verkündigt mit geübt monotoner Stimme, dass der Zug, den der Herr sehnsüchtig erwartet, gleich in den gut frequentierten Bahnhof einfahren wird und dass die Menschen ihr träges Fleisch doch bitte schleunigst hinter die weiße Linie bewegen sollen, um nicht das Opfer eines tragischen Unglücks zu werden, dass das Bahnunternehmen in negative Schlagzeilen stürzen könnte. Zur gleichen Zeit stellt sich an Gleis 1 ein von kindlichem Gemüt erfüllter Mittfünfziger vor, der dem Herrn an Gleis 2 in keinster Weise ähnelt, sieht man von den menschentypischen Merkmalen, wie dem Vorhandensein von zwei Armen und Händen, zwei Beinen und Füßen, einem Torso und einem Kopf, sowie Nase, Mund, Augen, Ohren und Haaren ab, wie es wäre, wenn er sich vor den nächsten Zug werfen würde. Diesen Schritt würde er niemals wagen, doch das Nachdenken darüber bereitet ihm gerade Freude und lässt auch die lange Wartezeit schneller vergehen. Das Gefühl, wenn einen die Räder erfassen und mit unvorstellbarer Macht den Körper zermalmen, diesen in eine unförmige Masse verwandeln. Nach einigen Minuten des Nachdenkens stellt er fest, dass er diese Form des Suizids doch recht egoistisch, selbstdarstellerisch und unangebracht findet und nicht die Traumatisierung Unschuldiger in Kauf nehmen möchte. Von all diesen Überlegungen bekommt der vor Ungeduld fast überquellende Herr an Gleis 2 jedoch nichts mit, da er nichts anderes mehr im Sinn hat, als die Ankunft des Zuges. Seine innere Erregtheit erreicht ihren Höhepunkt, was sich dadurch äußert, dass er, als die Uhr 15:41 zeigt und der Zug noch immer nicht zu sehen ist, seinem Ärger mit wüsten Beschimpfungen Luft macht. Wörter fliegen durch die Luft, bei denen manche Mutter ihrem Kind später erklären darf, was jene für eine Bedeutung haben. „Immer das Gleiche“, grollt es aus ihm hervor und eine Dame, die sich ohne dass er es bemerkt hat, neben ihn gestellt hat und der der Schweißschleier anscheined nichts ausmacht, nickt zustimmend mit dem Kopf und lächelt ihn dabei herzig an.

In der Ferne erblickt er ein weißes Etwas, das in der brennenden Juliluft verschwimmt und allmählich immer größer wird, bis man schließlich erkennen kann, dass es sich dabei um einen ICE handelt. Kreischend beginnen die Bremsen des gewaltigen Metallwurms ihre mühsame Arbeit, bis dieser schließlich an Gleis 2 zum Stehen kommt. Mit einem Zischen öffnen sich die Schiebetüren und sogleich quellen unzählige Menschen heraus, welche in einem langsamen Strom die Treppen ins Bahnhofinnere nehmen, um sich dort schon wieder zu zerstreuen. Seinem Aussehen nach würden Menschen, die den Herrn nicht kennen, ihm durchaus zumuten, dass er zu der Sorte Menschen gehört, welche sich dem Strom der Aussteigenden felsenhaft entgegenstellt und versucht sich zwischen diesen hindurchzuzwängen, um möglichst schnell zu ihrem Platz zu kommen, der ohnehin für sie reserviert ist. Sein altes Ich kam auf solche Gedanken, sein jetziges nicht.

Man sollte meinen, dass der Herr sich nun in Bewegung setzt, mit schnellem, festem Schritt an den Zug herantritt, sich dann brav zur Reihe der Zusteiger dazugesellt und einsteigt. Doch dem ist nicht so. Zur Verwirrung der sympathischen Brünetten zu seiner Linken, verfinstert sich seine Miene augenblicklich, als der langersehnte Moment des Einsteigens gekommen ist. Statt einzusteigen, lässt er nur den Kopf traurig hängen und blickt ausweichend auf den Boden, wo Zigarettenstummel, festgetretene Kaugummis, sowie allerlei andere Zeugnisse menschlicher Existenz zu finden sind. Sie tritt an den Zug heran und ruft ihm noch zu, frägt ihn, warum er denn nicht einsteigt, während sie zwischen den Türen steht und bereits die Bandansage durch den Bahnhof schallt, dass die Schließung ebenjener bevorsteht und alle Passagiere doch bitte jetzt einsteigen mögen. Doch er rührt sich nicht, hebt allerdings den Kopf, als er ihre helle Stimme vernimmt. Nachdem der Schaffner sie noch einmal energisch darauf hinweist, dass sie die Tür nun freimachen soll, damit keine Verspätungen eintreten, tritt sie schließlich zurück. Die Tür schließt sich und von totgeatmeter Luft umhüllt blickt sie ihn verwirrt durch die verdreckten Scheiben an. Mit feuchten, wehmütigen Augen erwidert er ihren Blick und winkt zum Abschied lustlos mit der freien Rechten.

Die Motoren werden angeworfen. Ein Brüllen, das jegliche Form der akustischen Kommunikation auf dem Bahnhof unmöglich macht. Langsam schlängelt der Zug sich voran und als der spitze Hinterleib an ihm vorbeirauscht, setzt sich der Herr erst einmal im Schneidersitz auf den Boden, stellt den Koffer ab und fährt sich mit den Händen durchs graphitfarbene Haupthaar, während er einen langen Seufzer lässt, der die Verkörperung tiefster Enttäuschung ist. „Was wäre passiert, wenn ich eingestiegen wäre?“, geht es ihm immer wieder durch den Kopf. Nichts würde ihn glücklicher machen, als jetzt in diesem Zug zu sitzen und ein interessantes Gespräch mit jener reizenden Dame zu führen, die offenbar ein gewisses Interesse an ihm hegte. Nach einer Weile hat er sich beruhigt und erhebt sich. Gemächlich schlendert er zum nächstgelegenen Fahrplan, der sich grellgelb von der braungrauen Monotonie des Bahnhofs abhebt, um nachzusehen, wann sich die nächste Chance bietet. 17:30, nicht ganz zwei Stunden. Er dreht sich um und setzt sich auf die nächstgelegene Bank, wo er geduldig auf den nächsten Zug wartet, welchen er dann auch nicht nehmen wird. Irgendwann, da ist er sich sicher, wird er den Mut aufbringen und einsteigen.

Irgendwann steht nachts ein Greis am Bahngleis 2, die Haare grau, der Bart lang, die Kleidung abgetragen und das Gesicht wettergegerbt. Auf dem erkahlten Kopf trägt er eine Mütze, mit der er sonst von den anderen Fahrgästen das Wechselgeld erbettelt, welches der Kartenautomat ihnen in die Hände spuckt. Seine Beine zittern, nicht weil es kalt ist, sondern des Alters wegen. Den Blick erwartungsvoll in die Ferne gerichtet, seufzt er noch einmal kurz auf und lässt sich dann auf die Knie fallen. Er kann nicht mehr. Es ist genug. Jeder Zug nahm ein Stück von ihm mit und nun ist nichts mehr da. Müde und mürbe sackt er zusammen und verstirbt noch an Ort und Stelle. Nur der Wind ist um diese Uhrzeit noch am Bahnhof anzutreffen, weshalb seine Leiche erst am nächsten Morgen von einem Schaffner bemerkt wird. Bekümmert blickt jener auf den reglosen Leib herab, in dem keinerlei Wärme mehr steckt. Unter heftigem Schnaufen wuchtet der Schaffner den Herrn auf seine Schulter und trägt ihn in den Zug, wo er ihn vorsichtig in einen der Sitzplätze legt.

Die Türen schließen sich und der Zug fährt los.

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