Herzensangelegenheiten

Im Gewimmel der grauen Stadt läuft ein kauziger, alter Mann umher, der sich das Sammeln und Reparieren von gebrochenen Herzen zur Aufgabe seines Lebensabends gemacht hat. Scheinbar ziellos geht er durch die vollen Straßen und blickt eifrig suchend um sich. Hat er schließlich ein zerbrochenes Herz zwischen all den Menschen am Boden erspäht, so kniet er nieder und hebt es vorsichtig auf. Seine vom Arbeitsleben gezeichneten Knie plagen ihn dabei sehr und auch dem Rücken ging es schon mal besser. Manche Herzen sind schon ganz marmorfarben angelaufen und zersplittert, wenn er sie findet. Er steckt jedes vorsichtig in ein kleines weißes Baumwolltäschchen und verstaut dieses dann in seinem Rucksack. Der braune Lederrucksack, der fast so faltig wie sein fleißiger Besitzer ist, ist immer voll, wenn er zu Hause auf dem verkratzen Dielenboden abgelegt wird. Den „Herzensdoktor“, wie der Mann von vielen liebevoll genannt wird, umgibt stets eine ehrwürdige Aura, die den Betrachter sich seiner eigenen Großeltern besinnen lässt und ihm längst verschollene Momente ins Bewusstsein ruft. Kindheitserinnerungen, die im Strudel der Zeit verloren geglaubt waren.

Er lebt in einem großen Anwesen fernab der Stadt, welches zahlreichen Weberknechten, einigen kleinen grauen Mäusen und auch dem Staub ein gemütliches Zuhause bietet. Auf dem schwarz geziegelten Dach muss man schon sehr gründlich suchen, um noch einen freien Fleck zu finden, der nicht mit Moos bewachsen ist. Man könnte meinen, dass der stolze Bau lebt, klingt es doch jedes Mal wie ein nachdenkliches Seufzen, wenn der wilde Wind die alten, morschen Bretter ergreift und sie sanft knarzen lässt. Die blaue Haustür steht immer offen, da es nichts mehr gibt, das dem Doktor noch so wichtig ist, als dass er Angst haben müsste, dass jemand es ihm stehlen könnte. Das Jetzt und all die wunderbaren Erinnerungen an sein Leben genügen ihm. Über die Zukunft macht er sich schon lange keine Sorgen mehr. Die gehört der Jugend, nicht ihm. Manchmal fragte er sich aber, ob es einst, als er selbst noch ein junger Hüpfer war, jemanden gegeben hatte, der seiner jetzigen Tätigkeit damals nachging, oder ob er der Erste seiner Art war. Beides ist schön, befand er. Einerseits würde er eine Tradition weiterführen, andererseits hätte er etwas Neues erschaffen. Etwas, das Sinn macht. Eine Arbeit, die getan werden muss. An sein erstes Herz, das er erblickte, kann er sich noch ganz genau erinnern. Plötzlich lag es da vor ihm auf der Straße im Dreck. Warum er auf einmal fähig war es zu sehen, das kann er sich bis heute nicht erklären. Er sieht sie eben. Leider nur er. Für Menschen, die ihn nicht kennen, oder kein Herz von ihm zurückerhalten haben, ist es deswegen oft ein sehr bizarres Schauspiel, das sich ihnen auf dem Gehsteig bietet, wenn er auf dem Boden herumfingert und mit größter Sorgfalt die teilweise winzigen Scherben zusammensucht und in seine Beutelchen verfrachtet.

Irgendwann, wenn die steifen Glieder gar nicht mehr mitmachen wollen, dann wird er in den Straßenschluchten der Stadt jemanden finden, der diese Arbeit weiterführt, dessen ist er sich sicher. Wie er diese Person finden wird, das weiß er noch nicht und er lehnt es ab, sich jetzt schon darüber Gedanken zu machen. Doch sein Gefühl sagt ihm, dass er jemanden finden wird. Mit den Jahrzehnten lernte er, seiner inneren Stimme Gehör zu schenken. Tat er dies, so eröffnete sich ihm stets ein Weg, der, wenn er auch oft außerordentlich beschwerlich war, ihn immer an sein Ziel brachte.

Ist er schließlich zur Ruhe gekommen und hat die Stadthektik zusammen mit seinem Mantel abgelegt, dann nimmt er an einem mit Flaschen, Küchengeschirr und Zeitungen vollgepackten Eichentisch Platz, über dem eine antik anmutende Glühbirne baumelt, die ein gemütliches, orangefarbenes Licht schenkt. Bevor er mit seiner Arbeit beginnen kann, muss er jedoch zuallererst den Tisch abräumen. Wobei abräumen vielleicht an dieser Stelle der falsche Begriff für sein Vorgehen ist. Er nimmt einfach alles was er mit seinen schrumpeligen Händen fassen kann und stellt es auf den wischbedürftigen Boden, nur um es dann nach getaner Arbeit wieder auf den Tisch zu stellen. Mit der Haushaltsführung steht er seit jeher auf Kriegsfuß. „Später!“ war und ist seine Devise. Hat er sich schließlich Platz verschafft, beginnt er mit der Reparatur der Herzen.

Der erste Schritt besteht aus dem Sortieren. Die Herzen, die nur von feinen Rissen durchzogen sind legt er auf seine rechte Seite. Die Herzen, welche es härter getroffen hat und die tiefe Furchen aufweisen und aussehen, als würden sie in seinen Händen gleich zerfallen, legt er behutsam auf seine linke Seite. Näher an sein eigenes Herz. Anschließend nimmt er sich jeweils eines und beginnt mit dem anstrengendsten Teil seiner Arbeit. Mit Nadel und Faden näht er zuerst die Risse der Herzen, die nur leicht beschädigt sind, mit einem von ihm selbst angefertigten Faden zusammen. Selbst bei jenen werden Narben zurückbleiben. Ist er mit den leicht Beschädigten fertig, nimmt er sich die stark Angeschlagenen vor. Mit einem von ihm selbst entwickelten Kleber, sowie einer Lupe und einer Pinzette, setzt er vorsichtig Stück für Stück die einzelnen Fragmente wie bei einem Puzzle zusammen. Eine mühsame und zeitraubende Tätigkeit, die ihn oft bis frühmorgens an seinen Stuhl fesselt. Bevor er sich todmüde in sein großes Doppelbett schleppt und einige Stunden ruht, schaut er der Sonne noch zu, wie sie ihr goldenes Antlitz langsam über den Horizont erhebt und die Dunkelheit und Schrecken der Nacht vertreibt.

Herzensangelegenheiten fordern eben ihren Tribut.

Erwacht er, so gönnt er sich noch ein kleines Frühstück und macht sich danach sofort wieder ans Werk, bis dieses schließlich vollendet ist und er auch das letzte Herz erfolgreich zusammengeflickt hat. Sachte legt er die fragilen Früchte seiner mühseligen Arbeit in seinen Rucksack zurück und sobald dieser gänzlich gefüllt ist, macht er sich wieder auf den Weg in die Stadt.

Eine gute Stunde Fußmarsch liegt vor ihm. Auf dem Weg pfeift er entspannt einige Lieder vor sich hin und genießt den Weg. Vor langer Zeit hätte auch er fast sein Herz verloren, doch zwei warme Hände fingen es auf und setzten es ihm wieder ein. Hände, die er unzählige Male in den darauf folgenden Jahren hielt, bis sie schließlich ruhten. Doch der Tod gehört eben zum Leben dazu.

In der Stadt angekommen sucht er unter all den Menschen die, deren Herzen er bei sich trägt. Er nennt sie nur noch die Wanderer. Sie sind leicht zu erkennen. Mit hängendem Kopf und leerem Blick wandeln sie ziel- und freudlos umher und beneiden all jene, die ihr Schicksal nicht teilen. Er gibt sich ihnen zu erkennen und bittet sie sich einen Moment Zeit zu nehmen, da er ein Geschenk für sie hat. Ein Geschenk, das sie niemals erwartet hätten.

Geduldig holt er dann die reparierten Herzen aus seinem Rucksack heraus und legt den Menschen eines nach dem anderen in die zittrigen, meist eiskalten Hände. Ist es das richtige, so fängt es augenblicklich zu pulsieren und zu glühen an. So, als ob es sich freuen würde zu seinem Besitzer zurückzukehren. Dann nimmt er es vorsichtig und fügt es wieder ein. Es darf nicht zu schnell geschehen, da manche Menschen oft sehr lange ohne ihr Herz über die Erde gewandelt sind und es einige Zeit braucht, bis sie sich wieder daran gewöhnt haben, etwas zu fühlen. Augenblicklich tritt eine Veränderung bei den Menschen ein. Der Glanz kehrt in ihre leeren Augen zurück und sie werden wieder von Liebe und Hoffnung durchströmt. Dies ist der Moment, für den der alte Mann all diese Mühen auf sich genommen hat. Dieser Moment, in dem das Leben in die geisterhaften Gesichter zurückkehrt und ein neues Feuer in ihnen entfacht wird. Ist seine Arbeit getan und der Rucksack leer, so beginnt er wieder mit dem Herzsammeln.

Sonntags jedoch ist sein Ruhetag. An diesem Tag bekommt er immer Besuch von all den Menschen, welchen er geholfen hat. Es wird gegessen, getrunken, getanzt, gelacht, Geschichten erzählt. Diese Tage halten ihn jung.