Im Gerichtspalast

Die Mitglieder des stummen Rates wohnen in einem riesigen Gerichtspalast, der wie ein Ameisenbau von endlosen Gängen; zu viele um sie alle in einem Leben beschreiten zu können, durchzogen wird, in dem unzählige Treppen und unsinnig erscheinende Windungen jeden Verirrten in den Wahnsinn treiben. Es gab immer wieder einige Abenteurer, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten den gewaltigen Bau vollständig zu erkunden. Selbst heutzutage kann man noch im Gewirr der dunklen Kellergänge über die ausgezehrten Überbleibsel dieser Unglücklichen stolpern, welche dort auf dem kahlen, kühlen Zement; verlassen von jeglicher Hoffnung, verstarben.

Die palasteigenen Diener sorgen für das leibliche Wohl der Ratsmitglieder und verwalten deren Kammern während den zwölfstündigen Sitzungen. Sie sind eifrig und wie ihre Herren unter Androhung einer strengen Bestrafung zur Schweigepflicht gezwungen. Die meisten Räume des Palastes, abgesehen von den Konferenzräumen und den privaten Zimmern  der Ratsmitglieder, sind leer und gleichen sich. Dieselben mattgrünen Flügeltüren welche sich nach innen öffnen, dieselben hohen Wände, dieselben Blumenornamente an den Zimmerdecken, derselbe süßliche Geruch der alten, abblätternden Tapete und dasselbe kalte Licht aus den schirmförmigen Kristallleuchtern. So wird ein Fremder große Mühe haben sich im Palast ohne Hilfe zurechtzufinden, kann er doch hunderte Türen öffnen, nur um stets dasselbe Bild vor sich zu finden. Wie in einem endlosen Spiegellabyrinth umherirrend, würde er in viehischer Panik die fensterreichen Gänge entlangrennen, würde Tür für Tür erfolglos aufreißen, bis er; falls das Glück ihm gewogen ist, im höchsten Moment seiner Verzweiflung einen Diener erblickt, dem er schweißgetränkt in die Arme fällt und der ihn aus dem realitätsentrückten Palast geleitet.

Der Rat der Stummen besteht aus drei Sitzreihen, die wie bei einer Dartscheibe in drei Kreisen angeordnet sind. Im äußersten und größten Kreis sitzen die Anwärter, von denen im Durchschnitt neun von zehn frühzeitig aufgeben und nur einer seine Schweigepflicht länger als ein Jahr einhalten wird. Das Schweigen erschöpft viele in den ersten Wochen und Monaten, ja manche sogar noch nach Jahren. Es ist anstrengender und schwieriger als sie es erwartet hatten und die meisten Anwärter brechen unter dieser Last ein, wenden ihr Wort im geschlossenen Zimmer an einen ihrer Diener, der diese Tat unverzüglich seiner Obrigkeit meldet, unbeeindruckt vom Flehen und Betteln des jungen Mannes. Andere sprechen nur leise zu sich selbst, wanken lethargisch hin und her, wägen sich in der Sicherheit ihres Alleinseins, entkommen jedoch auch nicht ihrem Schicksal. Unverzüglich werden die zu Bestrafenden von einer Gruppe Palastwachen abgeführt, deren stramme, dröhnende Schritte in unendlichem Echo durch die einsamen Gänge hallen. Wird dieser Aufmarsch frühzeitig vernommen, so versuchen sich die meisten Schuldigen noch irgendwo und irgendwie zu verstecken, rennen wie vom Höllenfeuer angesteckt aus ihren Zimmern, den Wachen direkt in die Arme. Ein Aufbegehren ist zwecklos, verlässt doch jeden der eine der Wachen berührt augenblicklich all seine Kraft. Mit hängendem Kopfe werden die Schuldigen in die weiten Gedärme des Palastes abgeführt.

Im mittleren Kreis sitzen die Ratsmitglieder, welche bereits zehn oder mehr Jahre kein Wort mehr von sich gegeben haben, oder frühzeitig von einem der zwölf Weisen erwählt wurden. Die jugendliche Lebensfrische ist aus ihren Gliedern und Gesichtern entwichen und so gleichen sie eher elegant gekleideten Mannequins, als lebendigen Wesen. Ein Umstand der manchem Anwärter einen eisigen Schauer über das Rückgrat treibt. Im innersten Kreis, an einem großen, runden Eichentisch; dessen Tischplatte etwa die Dicke einer Tischtennisplatte hat, sitzen die zwölf Weisen, die Ältesten des Rates, das Herz dieser eigentümlichen Versammlung. Ihre knorrigen Gesichter wirken erstarrt. Ihre Augen sind nicht mehr als winzige, funkelnde Knöpfe, welche sich unter zahllosen, tiefen Gesichtsfalten verstecken. Das Haar, spröde geworden von der trockenen, ewig stehenden Luft, hängt ihnen in langen Strähnen lasch vom Kopf, wie tote Fische, die noch mit den Spitzen ihrer Schwanzflossen in dem Schleppnetz festhängen, das ihnen zum Verhängnis wurde. Es gibt keine Hierarchie unter den Weisen, alle sind sich ebenbürtig. Es kommt selten vor dass ein Angehöriger der inneren beiden Kreise sein Schweigen bricht, doch sollte dies geschehen, ist seine Strafe dieselbe, wie die eines Anwärters oder eines Palastdieners. Auch er wird sogleich abgeführt und hinfortgebracht. Ein Wiedereintritt in den Rat ist unmöglich.

Es herrscht eine gewisse Atemlosigkeit in diesem Konferenzraum, diesem Raatssaal, dem die Gegenwart der Zeit gänzlich abhanden gekommen ist. Die Glühbirnen des Kristallleuchters in der Mitte des Raumes sind schon vor zwei Jahrzehnten durchgebrannt und nur die silbernen Schreibtischlampen, welche jeweils zwischen zwei Ratsmitgliedern stehen, erhellen den Raum. Das Licht ist warm, jedoch ermüdend, denn die Lampen sind sowohl gedimmt, als auch alt. Es riecht nach sich zersetzenden Möbeln, Moschus und geöltem Parkett, alles abgerundet durch den Moderduft des Staubes, welcher in allen erdenklichen Ritzen und Nischen sitzt.

Die Stillebrüche der Anwärter werden nur durch ein träges Schnauben gewürdigt, öffnet jedoch ein Mitglied aus den inneren beiden Zirkeln seinen Mund und fängt an leise vor sich hinzureden, so tanzen zahlreiche Herzen vor Aufregung, ergötzen sich mit heißem Blut an der Veränderung, welche dieses Ereignis mit sich bringt. Denn sobald ein Mitglied der inneren Zirkel verstirbt, oder aufgrund einer anderen Verfehlung entfernt wird, nimmt ein Anwärter dessen seinen Platz ein. Hierzu erhebt sich einer der Ältesten von seinem Stuhl. Ein durchgesessenes, museumsreifes Stück, dessen einst rosenkäferflügelgrüne Sitzfläche mittlerweile ein tristes Taubengrau angenommen hat. Langsam geht er auf den Erwählten zu, der durch ein nur den Weisen bekanntes Auswahlverfahren bestimmt wurde. Sanft berührt er den Auserwählten an der Schulter, wohl wissend, dass er ihn durch eine zu starke, plötzliche Berührung eventuell erschrecken und zu einem lauten Aufschrei verleiten könnte, der ihn ins Elend stürzen würde, stehen doch stets zwei Palastwachen vor der Eingangstür bereit, um Störenfriede sofort in Gewahrsam nehmen zu können. Zusammen gehen sie durch die Reihen und stumm setzt sich der Auserwählte auf den Platz seines Vorgängers –  nimmt ihn ein, als ob er schon immer ihm gehörte.

Es geschieht recht selten, doch zu gegebener Zeit öffnen sich die breiten, schweren Türen mit eleganter Langsamkeit nach innen und einer der beiden Abgesandten tritt ein. Er wirkt wie ein Schuljunge, der einen braunen Umschlag mit verschränkten Armen an der Brust hält und ist sich der anmaßend lauten Geräusche gegenwärtig, die sein Eindringen in diesen Ewigkeit vortäuschenden Zirkel verursacht. Von wem er entsandt wurde bleibt geheim, doch es ist ohnehin nicht von Bedeutung. Nur die Ältesten wissen, dass der stumme Rat nur eine von vielen Instanzen in den unzähligen Verzweigungen und Stockwerken des Gerichtpalastes darstellt. Den Stellenwert ihrer Versammlung in diesem System kennen sie jedoch nicht. Der Abgesandte geht vorsichtig durch die von Stille erfüllten Reihen und verdammt jedes Mal aufs Neue seinen Vater, einen kurzen Mann, der seine fehlende Körpergröße zwar durch Güte und Eifer hundertfach wettmachte, jedoch nur seine Knappheit an seinen ältesten Sohn vererbte. Der Sohn, der sich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr für seine Größe schämt und deswegen dicke Absätze an all seinen Schuhpaaren trägt. Sein Sohn, der sich in diesem Moment zutiefst für das Geräusch schämt, welches diese in dem hohen Raum verursachen. Er wünscht sich schweben zu können, verflucht das unvermeidliche Klacken, das jeder seiner Schritte auf dem dunklen Parkett verursacht und manches Ratsmitglied angewidert zusammenzucken lässt. Der Weg erscheint ihm fürchterlich lang, doch schließlich steht er hinter den zwölf Weisen und legt den Umschlag verstohlen zwischen zwei der alten Männer, wobei sein Herz sich vor Ehrfurchtsempfinden fast verkrümmt. Ebenso ungeschickt und beschämt verlässt er wieder den Raum und schließt hinter sich die schwere Tür. Schweißperlen rennen ihm vom Gesicht und er spürt eine unangenehme Nässe unter den Achseln, während er die Karte des Palastes aus seiner rechten Hostentasche herauskramt, kurz daraufblickt und anschließend mit schnellem Schritt sich an sein restliches Tageswerk macht.

Nachdem der Abgesandte die Tür geschlossen hat, entbrennt ein stiller Kampf inmitten des innersten Kreises. Es geht darum wem die Ehre gebührt, den Umschlag zuerst zu öffnen und zu lesen. So hat der Abgesandte nicht das Ausmaß seines Handeln erfasst, als er sich dazu entschied den Umschlag ausgerechnet neben eben jene zwei Weisen zu legen, die sich nun mit eiskalten Augen gegenseitig zu vernichten versuchen, bis einer der beiden Männer seine Niederlage eingestehen muss, was dieser durch ein plötzliches Abwenden des Kopfes, oder einen lautes, Enttäuschung verkündendes Schnaufen signalisiert. Der Sieger darf sich vorsichtig daran machen den Umschlag zu öffnen und das darin enthaltene Dokument vor sich auszubreiten. Vor Vorfreude und Neugierde zittern die Hände des alten Mannes, während die anderen Weisen sich vor Neid fast die Zunge durchbeißen. Nachdem er es mehrere Male sorgfältig gelesen hat, schiebt er das weiße Stück Papier nach alter Sitte zu seinem rechten Sitznachbarn, von wo aus es weiterwandert, bis er das Papier wieder vor sich findet und einmal bestätigend in die Runde nickt.

Nun beginnt der Rat seine Arbeit, wobei äußerlich keine Zustandsveränderung eintritt. Es wird geschwiegen. Ein Außenstehender würde nun wohl fassungslos auf die stummen Gestalten blicken und deren geistige Gesundheit anzweifeln, nicht berücksichtigend, dass es eben nicht die Aufgabe des Rates ist den zu besprechenden Sachverhalt und dessen Legitimität aufs Dringlichste zu prüfen oder die Öffentlichkeit bei laufenden Kameras mit einer lautstarken Diskussion an den zu treffenden Entscheidungen teilhaben zu lassen, sondern vielmehr hinter verschlossener Türe in ruhiger Atmosphäre, dem Gericht so zu dienen, wie es eben nötig ist. Aufgrund des Schweigens kann selbstverständlich kein Beschluss gefasst werden und so werden die den Weisen zugetragenen Papiere stets ununterschrieben und ohne Notizen versehen dem anderen Abgesandten überreicht. Einem, der nichts von der Schleicherei und der Stille hält und stets äußerst grob in den Saal eintritt, ihn stramm durchschreitet, das Papier entgegennimmt, sich kurz förmlich verbeugt und anschließend mit fliegendem, hallendem Schritt den Saal verlässt. Viele der Ratsmitglieder sind nach diesem unerwarteten, grässlich lauten Eintreten und Verlassen ganz atemlos und erschöpft.

Die mangelnde Beschlussfähigkeit des Rates führt bei vielen Mitgliedern zu einem dauerhaften, bohrenden Gefühl der Unzufriedenheit. Nur die Ältesten wissen worüber überhaupt diskutiert werden sollte, ein Umstand, der die Neugierde der Angehörigen der äußeren beiden Kreise ins Unermessliche wachsen lässt. Gierig suchen sie in den Augenwinkeln, in den Zuckungen der Augenmuskeln der Ältesten nach Hinweisen, versuchen ihren Blick auf die Pupillen der alten Männer zu fokussieren, um das erlösende Spiegelbild des Dokumentes zu erhaschen, versuchen sich im Lesen der verborgenen Zeichen, die ein sich unbeobachtet wähnender Mensch so von sich gibt.

War der Rat schon immer stumm gewesen oder gab es ein bestimmtes Ereignis, das diesen Zustand auslöste? War es eine Schweigeminute, die nie beendet wurde und bis heute fortwährt? Was würde geschehen, wenn plötzlich alle Ratsmitglieder gleichzeitig in ein belebtes Gespräch, eine chaotische, emotionsgeladene Diskussion ausbrechen würden, ihre Stimmen zu einem Götterchor erheben würden, welcher die Stille im Saal und auf den Gängen vernichtet? Würden sie das fragile Gefüge von Zeit und Raum zerschmettern und eine bis dahin verborgene Wahrheit, eine neue Dimension eröffnen? Würde die derzeitige Weltordnung augenblicklich in einem gigantischen, alles erschütternden Beben zusammenbrechen? Würde das Volk rebellieren, den Palast gewaltsam stürmen, nur um dann ewig auf den Gängen herumzuirren und schließlich vor Erschöpfung zu versterben – oder würde eine apokalyptische Flut von Wachen wie ein Heuschreckenschwarm in den Saal hineinstürmen, ihre Gegenwehr mühelos ersticken, sie in einer langen Schlange abführen und die schwere Flügeltür des Saales für immer verschließen? Auf all diese Fragen wissen leider selbst die ältesten Mitglieder der zwölf Weisen keine Antworten. Doch auch sie, lebendige Statuen mit faltigen, emotionsarmen Gesichtern, hoffen, dass irgendwann jemand dem Flehen seines Herzens nachgibt und es wagt mit einem animalischen, von jahrzehntelangen Qualen zeugenden Aufschrei die unerträgliche Stille für immer zu verscheuchen, welche den Raum seit ewig erscheinender Zeit erfüllt. Der Auserwählte, dem sie alle folgen würden – zumindest sind sie sich dessen ziemlich sicher. Stumm starren sie in den Raum, an die Decke, sich gegenseitig oder sich selbst an und warten auf den Einen. Der Staub tanzt im müden Schein der gedimmten Tischlampen und ein lautes Einatmen ist zu hören. Langsam aber bestimmt drehen sich einige Köpfe bis sie fast aus ihren Halterungen krachen, verweilen kurz, hoffen, dann drehen sie sich wieder um und die Stille triumphiert, vorerst.

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