Jubiläum

Schweigend steht sie vor dem Grab und blickt gedankenversunken auf die letzten Worte, die er ihr hinterlassen hat: „Vergesst mich nicht! In ewiger Liebe, Julius.“ Ein kalter Wind, der bereits den kommenden Winter ankündigt, weht ihr das ergraute Haar ins Gesicht und trocknet eine Träne, die ihr langsam über die faltige Wange läuft. Still steht sie da, wie ein Fels der schon immer dort stand und immer stehen wird bis ans Ende der Zeit. Die Zeit scheint stillzustehen, obwohl alles um sie herum in heller Aufregung ist. Die Vögel singen ihr Morgenlied, Menschen gehen zur Arbeit und Wolken ziehen bedächtig am Himmel vorbei, doch für sie zählt nichts anderes in diesem Moment, als dieser Ort. Wie oft dachte sie schon daran, wie es wohl wäre dort unten bei ihm zu liegen, dort unten wo es ewig dunkel ist und die Kühle und Stille der Erde ihn sanft empfangen haben. Keine Verpflichtungen mehr, keine Sorgen und Nöte, keine Angst vor dem Altwerden und dem Vergessen. Davor fürchtete sie sich am meisten. Nächtelang lag sie wach und fragte sich, wann es wohl soweit sein wird, wann dieser Zeitpunkt kommt und ihr eigener Verfall einsetzt. Die Furcht vor dem Vergessen. Ist es da nicht schöner, alldem bewusst ein Ende zu setzen? All diese Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit, die sie stets wie einen Schatz hütet. Harte Zeiten des Leids und gute Zeiten des Überflusses und der Sorglosigkeit. Doch die Zeit blieb nicht stehen und alles ging vorbei. Er starb, Freunde und Verwandte starben, Kinder wurden geboren, wurden älter und starben auch, doch sie ist geblieben. Wie eine von der Zeit und der Witterung gezeichnete Statue, die endlose Geschichten zu erzählen hat, steht sie da und starrt mit leeren Augen auf diesen Stein, der für andere Menschen nur einer von vielen ist, jedoch für sie alles bedeutet. Unvergessen. Sie würde gerne mit anderen Menschen darüber reden, aber niemand will sich die Zeit nehmen, um ihren Geschichten Gehör zu schenken. Alle sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Sie hat das Gefühl, dass die Welt schneller geworden ist. Wo sie doch so gerne gerade jungen Menschen einen Rat auf ihren Lebensweg mitgeben würde. Fehler, die man hätte vermeiden können und Fehler, die es sich lohnt zu machen. Letztlich bleibt ihr nichts anderes als mit einigen Nachbarn darüber zu reden. Ergraute Gestalten wie sie, welche am Wegesrand sitzen und aus erfahrenen Augen dem hektischen Treiben zusehen. Ihr Anblick ist das Tor zu einer Zukunft, die man gerne verdrängt. Das Alter und der Tod liegen noch in zu weiter Ferne, um sich bereits darüber Gedanken machen zu wollen. Sie selbst sieht es an diesen Blicken, diesen kurzen verächtlichen Momenten, in denen sie den jungen Menschen in die Augen blickt und diese sich plötzlich wieder abwenden um auf ihr Smartphone zu starren, als ob gerade in diesem Moment eine dringende Nachricht eingetroffen wäre, die ihrer vollen Aufmerksamkeit bedarf. Doch sie hält diesen Blicken stand, denn nichts was es auf dieser Welt gibt kann sie noch verletzen.

Zeit verrinnt. Schließlich kniet sie langsam nieder und legt mit größter Sorgfalt eine weiße Rose auf seinen moosbewachsenen, vom Wetter gezeichneten Grabstein. Seine Initialen und der Grabspruch sind schon kaum mehr zu lesen, doch außer ihr gibt es ohnehin wohl niemanden mehr, der sich an ihn erinnern kann. Sie nimmt aus einem kleinen Eimerchen eine Kelle und besprengt das geschmückte Grab mit einer Ladung kaltem Weihwasser, so wie sie es schon unzählige Male getan hat. Nachdem sie noch aus ihrer Tasche eine Grabkerze gekramt und entzündet hat, richtet sie sich mühevoll wieder auf und verweilt noch ein wenig. Stolz steht sie da, ganz in Weiß und mit wehendem Brautkleid, ein Anblick, der einen Beobachter im Vorübergehen fesselt, erstaunt und atemlos verweilen lässt. Heute ist ihr Hochzeitstag und diesen hat sie nicht einmal in all den Jahren versäumt. Doch heute ist etwas anders und selbst die Welt scheint es zu spüren. Wie ein wildes Tier zerrt der Wind an ihrem Kleid und wirbelt ihre Haare durcheinander, während sie ein letztes Mal auf Georg hinabsieht, kurz die Augen schließt und sich dann umdreht.

Sie spürt die Januarkälte nicht mehr und wandelt wie ein Geist über den Friedhof und durch die Straßen und Gassen ihrer Heimatstadt. Die Augen klar und in Ferne gerichtet schreitet sie voran, fängt Blicke ein, wie ein Spinnennetz an einer Laterne Fliegen, bis sie schließlich wieder zu Hause angekommen ist und die Tür aufschließt. Nachdem sie sich ihrer Tasche und ihrer Schuhe entledigt hat, geht sie in das verstaubte, unaufgeräumte Wohnzimmer. Dort wartet bereits etwas, dass sie vor ihrem Besuch des Friedhofs vorbereitet hat. Sie nimmt Platz auf ihrem durchgesessenen, braunen Ledersofa und blickt müde auf die grüne Flasche Rotwein vor sich, die im Sonnenlicht schimmert und in der noch einige Pillen schwimmen, die sich nicht ganz aufgelöst haben. Sie zögert noch kurz, nimmt die Flasche dann jedoch in beide Hände, setzt an und leert sie in einem Zug. Angewidert verzieht sie das Gesicht und lässt sich danach erleichtert auf das Sofa fallen. Die Pillen beginnen augenblicklich zu wirken und eine lähmende Müdigkeit durchströmt allmählich ihren gesamten Körper, bis sie unfähig ist sich zu bewegen. Sie fühlt, dass es nicht mehr lange dauert und beginnt wieder an ihn zu denken, an all diese schönen Momente, die sie gemeinsam erlebt haben. Mit einem Lächeln auf den Lippen schließt sie die Augen und schläft dann ein.

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