Kalte Kissen

Ich muss dich bald verlassen. Der Frust steigt wieder kalt in mir auf. Ich versuche diese Gewissheit zu unterdrücken, doch je mehr ich dagegen ankämpfe, desto stärker drängt sie sich gewaltsam in mein Bewusstsein. Die Busfahrt vergeht schweigend. Es sind keine Worte nötig, die Stille zwischen uns ist Botschaft genug. Dein Kopf ruht auf meiner Schulter und wippt mit jeder Unebenheit der Straße. Du riechst nach Geborgenheit.

Ein letzter Kuss, eine letzte Berührung, ein letzter flüchtiger Blick und dann stürze ich mich in die graue Flut aus Menschen, die um mich strömt und sofort verschluckt. Ich tauche unter.

Zuhause angekommen, schmeiße ich meine Jacke in die Ecke und lege ich mich lustlos aufs Bett um eine Weile an die Decke zu starren. Ich gehe den verbleibenden Tag und meine Woche durch. Es fällt mir immer noch schwer wieder im wirklichen Leben Fuß zu fassen, nachdem ich bei dir gewesen bin. Alles um mich herum erscheint mir wie ein Traum, ein Lufthauch, so unvorstellbar unwichtig ohne dich. Vielleicht ist es schon zu viel. Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Berührung, nach dir, überfällt mich wie ein Gewittersturm am Meer. Meine Hand wandert zu meinem Bauch und während ich an dich denke, beginne ich mich unbewusst selbst zu streicheln. Doch als mir dies auffällt, muss ich vor Bitterkeit aufstoßen. Kein Kribbeln, keine Wärme, kein Gefühl liegt in dieser Berührung, nur die Sehnsucht. Liegst du gerade auch so herum und quälst dich? An was denkst du gerade? Ich drücke meine Nase in dein Kissen, atme deinen Geruch gierig ein und bleibe liegen.

Ach wäre das wundervoll, wenn wir zwei Eichen wären, eng umschlungen auf einer Wiese stehend, vereint für Jahrhunderte. Nur der Wind, die Sonne und wir. Kein Alltag, keine Distanz, keine Verpflichtungen oder sonstige Dinge, die uns einschränken. Schon oft habe ich dir solche Gedanken in Briefen geschrieben und dann endlose Tage später deine Antwort gelesen, geschrieben auf tränengetränktes Papier. Du sagst immer Emails und Kurznachrichten wären dir zu unpersönlich, mittlerweile kann ich das gut nachvollziehen. Briefe haben etwas Magisches, man kann sich besser in ihnen öffnen und in den Zeilen verlieren.

Wenn es sich einrichten lässt, rufst du mich einmal in der Woche abends an, niemals ich dir, das ist unser kleines Ritual. Stundenlang höre ich dann deiner erstickten Stimme im Telefon zu, du brauchst das ab und zu, einfach um mal wieder klar denken zu können. Danach legen wir uns zusammen hin, die Hörer in der Hand und du lauschst meinen Geschichten, bis du schließlich eingeschlafen bist. Eine Weile noch höre ich dir beim Atmen zu, bis auch ich müde bin und ich auflege. Du wirst am nächsten Morgen aufwachen und dich nach links drehen, nur um diese Seite des Bettes kalt und leer vorzufinden. Nur der Hörer liegt da, doch die Leitung ist tot.

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